Politik der Tanz-Bruchlinie

22. April 2011, 17:18
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Choreografin Shobana Jeyasingh bei den Linzer Tanztagen

Linz - Aus den politischen Bruchstellen Migration, Integration bis hin zu Rassismus und Bürgerrechtsbewegung zieht Choreografin Shobana Jeyasingh Motive für ihre Stücke Faultline und Bruise Blood, die bei den Tanztagen im Linzer Posthof zu sehen waren. Die 1957 in Indien geborene Britin versucht, gesellschaftliche Konfliktherde tänzerisch zu thematisieren.

Mit einem wuchtigen Schlag aus den Verstärkerboxen beginnt Faultline. Ein Video zeigt zwei cool sein wollende junge Männer, die sich auf der Straße unterhalten. Sie sind unter sich, wie abgekapselt. Auf der Jacke des einen steht groß: "Ste pup" (leichter zu lesen als: Step up). Ob sie einmal "Aufsteiger" sein werden, ist unklar. Drei Tänzer beginnen, ein Männerbild aus Imponierhaltungen zu zeichnen. Drei kesse Frauen kommen dazu. Und schließlich wird, hinter dem Gewebe der Screens, die Gestalt der indischen Sopranistin Patricia Rozario sichtbar, deren Stimme das Stück mit einem zarten Gesangsgewebe durchfließt.

Jeyasinghs Tanzstil ist eine Mischung von Elementen aus dem indischen Tanz Bharatanatyam mit angloamerikanischen (Post-)Modernismen. Damit baut sie nicht nur ein Kraftfeld aus Beziehungsmustern zwischen den Figuren auf, sondern gibt auch eine Rahmung aus kulturellen Stereotypen vor, innerhalb derer sich die jungen Leute bewegen. Eine "fault line" (Bruchlinie) aus Licht wird in Bruise Blood auf den Boden projiziert, was eine Verbindung zwischen beiden Stücken herstellt. Hier remixen Glyn Perrin und Beat Boxer Shlomo Steve Reichs Werk Come Out, das auf den Harlem-Aufstand von 1964 zurückführt. Come Out ist auch wesentlich in Anne Teresa De Keersmaekers bedeutender Choreografie Fase (1982), doch bei Jeyasingh ist der politische Zusammenhang stärker. Gewalt ist zu spüren.

Die Bruchlinie auf dem Boden, an der sich die Tänzer ausrichten, zerfällt, dreht sich, wird durch Berührung des Beatboxers zu einem blutroten Blitz. Trotz Jeyasinghs gesellschaftlichen Engagements stellt sich die Frage, ob ihre Art der Choreografie das politische Thema nicht allzu sehr ästhetisiert. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe 23./24./25.4.2011)

Tanztage bis 27. 4.

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