Postkartengrüße aus Tschernobyl

22. April 2011, 17:18
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25 Jahre nach dem Super-GAU wird die radioaktiv verseuchte Sperrzone zur größten Touristenattraktion der Ukraine

25 Jahre nach dem Super-GAU im Atomkraftwerk Tschernobyl wird die radioaktiv verseuchte Sperrzone zur größten Touristenattraktion der Ukraine. Die Katastrophentouristen suchen in der Geisterstadt Prypjat nach den Spuren des Atomunfalls.

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Langsam werden Katrins Kindheitserinnerungen lebendig: lange Spaziergänge durch die Wälder der Lüneburger Heide. Der sanfte Druck von Omas Hand. Der Geruch von frischen Pilzen. Dann ist plötzlich von einem Tag auf den anderen Schluss mit dem Schwammerlsuchen.

25 Jahre später sucht Katrin jenen Ort auf, der dafür verantwortlich ist. Etwas ungläubig steht die 31-jährige Projektmanagerin, die inzwischen für einen Verlag in Kiew arbeitet, nun vor einem grauen Ungetüm. So wie für Katrin wurde die Ruine von Reaktor Nr.4 des Atomkraftwerkes Tschernobyl für eine ganze Generation junger Europäer zum Inbegriff des atomaren Schreckens.

Tagestour um 110 Euro

"Der Super-GAU in Tschernobyl war ein so einschneidendes Ereignis in der Weltgeschichte. Ich wollte einfach einmal hier stehen" , sagt Katrin. Rund 110 Euro hat die Deutsche für einen Tagesausflug zum Unglücksreaktor mit rund 20 anderen Touristen bezahlt. Einzelführungen schlagen mit rund 314 Euro zu Buche.

Eine Hand voll Kiewer Reisebüros hat schon vor Jahren erkannt, dass sich mit der bisher größten Atomkatastrophe der Welt ein gutes Geschäft machen lässt. Obwohl die Touren bis heuer streng genommen illegal waren, haben schon tausende Touristen die Sperrzone besucht. Im vergangenen Jahr besuchten 10.000 Abenteurer Tschernobyl - rund 40 Prozent mehr als 2009.

Das 25-Jahr-Jubiläum und die bevorstehende Fußballeuropameisterschaft lässt die Verantwortlichen von einer Million zahlender Gäste träumen. Die Regierung hat daher beschlossen, die Reisen zu legalisieren und die Sperrzone in das offizielle Tourismusprogramm der Euro 2012 aufzunehmen.

Mit zwei Minibussen ist die Touristengruppe in der Früh in Kiew in das rund 130 Kilometer entfernte Katastrophengebiet aufgebrochen. Am Checkpoint Ditjatki am Eingang zur Sperrzone das erste Highlight. Die Dosimeter werden hervorgekramt. Aber die kleinen gelben Geräte zeigen gerade einmal eine Strahlung von 0,08 Mikrosievert pro Stunde an - weniger als in Kiew.

Nach der Passkontrolle wird den Extremtouristen eine lange Liste mit Verhaltensregeln ausgehändigt. Nichts angreifen, nichts mitnehmen, nicht im Freien essen oder rauchen, nichts auf den Boden stellen - nicht mal ein Stativ.

Dann müssen die Teilnehmer unterschreiben, dass sie Tschernobylinform nicht für eine allfällige Verschlechterung ihrer Gesundheit verantwortlich machen werden. Einigen wird jetzt doch ein bisschen mulmig zumute. Die Reiseveranstalter beteuern zwar, dass die Strahlenbelastung nicht größer als bei einem Langstreckenflug ist, geben aber dennoch den Tipp: "Ihre Schuhe schmeißen sie danach besser weg!"

In der ehemaligen Kreisstadt Tschernobyl, rund 16 Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt, wartet bereits Reiseleiter Jurij Tatartschuk. Seit 13 Jahren arbeitet Jurij für Tschernobylinform. Sein Arbeitsplatz sei nicht viel gefährlicher als der Straßenverkehr in Kiew, meint der ehemalige Englischlehrer, der jetzt besser verdient als in seinem alten Job.

Mittaggegessen wird in der Kantine des französischen Konsortiums Novarka am Gelände des Atomkraftwerks. Noch immer arbeiten rund 3000 Menschen im Unglücks-AKW. Obwohl Jurij versichert, dass die Zutaten nicht aus der lokalen Landwirtschaft kommen, ist den beiden US-Soldaten Carlos und Jeffrey das deftige Menü - Huhn nach Kiewer Art und Borschtsch - nicht ganz geheuer. Sie sind noch von der vorangegangenen Partynacht in Kiew angeschlagen. Nach Tschernobyl sind sie gekommen, weil sie den Ort sehen wollten, an dem nach ihrer Ansicht das Ende der Sowjetunion besiegelt wurde. "Ich interessiere mich für alles, was mit dem Kalten Krieg zu tun hat" , erklärt Jeffrey.

Danach geht es weiter in das Pompej des 20. Jahrhundert. Die einstige Sowjet-Vorzeigestadt Prypjat mit ihren 46.000 Einwohnern musste nach dem Super-GAU evakuiert werden. Die Sightseeing-Tour führt zu den Sehenswürdigkeiten der Geisterstadt: der Kulturpalast "Energetik" , das Hotel, das Schwimmbad, den nie in Betrieb gegangenen Vergnügungspark und die Schule.

Fünf vor halb zwei zeigt die Uhr am bröckelnden Schulgebäude. In der Mensa häufen sich hunderte Gasmasken, in den Klassenzimmern liegen Malkästen, Schulbücher und kommunistische Banner durcheinander. Vieles wirkt wie arrangiert. Ein Eindruck, den Jurij bestätigt. Etliche Künstler haben hier ihre Projekte inszeniert. Verstörend ist der Grad der Zerstörung. Die verstreuten Trümmer erinnern ein wenig an die Fernsehbilder aus Japan. Hier war es jedoch nicht die Natur, sondern Plünderer und Vandalen haben alles vernichtetet.

Eine Gruppe junger Russen stellt ihre Taschen auf die Straße. Jurij kriegt einen Schreianfall: "Hoch mit den Taschen!" Es besteht Gefahr, dass radioaktive Partikel haften bleiben. Den Russen, die die VIP-Military-Tour mit Panzerfahren und 3000 Schüssen aus der Kalaschnikow gebucht haben, macht die Radioaktivität nichts aus. Sie haben Rotwein getrunken und halten sich nun für immun. In diesen Breiten ein weit verbreiterter Aberglaube.

Die letzte Station führt 300 Meter an den zerstörten Reaktor heran. Das Piepen der Dosimeter ist zum gewohnten Hintergrundgeräusch geworden. Brigitte lässt sich vor dem Sarkophag fotografieren. "Das ist nicht das Sacre Coeur oder Notre-Dame. Dieser Ort ist etwas ganz Spezielles" , sagt die 65-Jährige aus Kopenhagen. Sie hat schon viele schöne Plätze auf der ganzen Welt bereist: "Jetzt im Alter möchte ich auch die Kehrseite des Lebens kennen lernen." (Verena Diethelm/DER STANDARD, Printausgabe, 23./24./25.4.2011)

 

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Touristenattraktion Tschernobyl im März 2011: Besucher werden nach dem Verlassen der Todeszone auf Radioaktivität gemessen.

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