"Gott sei Dank kann ich schwimmen"

22. April 2011, 16:40
93 Postings

Zoran Barisic gewöhnt sich gerade daran, im Fußball wichtig zu sein: "Es ist alles ziemlich verrückt." Dass die Arbeit im Nachwuchsbereich in Österreich zu wenig gewürdigt wird, stört den Rapid-Trainer sehr

Standard: Wie lebt man im Fokus der Öffentlichkeit? Es war ja ein Sprung von der dritten oder gar vierten Reihe in die erste.

Barisic: Im Grunde genommen ist das gar nicht mein Metier. Jeden Tag seinen hässlichen Kopf in den Zeitungen sehen zu müssen, ist gewöhnungsbedürftig. Aber ich versuche, das Beste aus der Situation zu machen. Jeder will etwas von dir, es war ziemlich turbulent in den letzten Tagen.

Standard: Heißt das, Sie sehnen den Juni herbei? Dann ist Ihre Tätigkeit nämlich beendet.

Barisic: Nein, sie taugt mir. Was mir am meisten gefällt, ist die Arbeit mit der Mannschaft. Das gibt mir Kraft und Energie.

Standard: Waren Sie nicht ein bisserl auf den Job vorbereitet? Gerüchte um die Ablöse von Peter Pacult kursierten ja schon länger.

Barisic: Ich habe vor Jahren betont, dass es mein erklärtes Ziel ist, einmal Rapid-Trainer zu sein. Dass es so schnell geht, konnte ich nicht ahnen. Ich wurde ins kalte Wasser geschmissen. Aber Gott sei Dank kann ich schwimmen.

Standard: Was haben Sie in den paar Tagen gemacht oder verändert? Die Zuneigung der Spieler Ihnen gegenüber ist ja fast kitschig.

Barisic: Ich will mich nicht wichtig nehmen. Wesentlich ist, dass die Mannschaft in die Spur zurückgefunden hat. Ich bin der Barisic, habe meine Vorstellungen vom Trainerdasein und versuche, diese zu vermitteln. Die Spieler setzen sie bis jetzt gut um.

Standard: Man hat den Eindruck dass die Mannschaft über den Abgang von Pacult erfreut war. Geht es überhaupt um Barisic als Person oder nur darum, dass irgendein Neuer da ist, egal wer?

Barisic: Das Peter-Pacult-Buch ist fertiggelesen, es wurde zugeschlagen. Und es bleibt zu. Wir denken nicht an die Vergangenheit, sondern nur an die Gegenwart. Wir haben ein gemeinsames Ziel zu erreichen, die Qualifikation für den Europacup.

Standard: In welchem Zustand haben Sie das Team vorgefunden?

Barisic: In einem konditionellen Topzustand.

Standard: Sie waren ja auch ein Pacult-Opfer, er hat Sie im Sommer 2009 als Co-Trainer abgesetzt.

Barisic: Auch dieses Buch ist geschlossen und verstaubt nun. Ich habe das damals nicht kommentiert, und ich bin Gentleman genug, auch jetzt nichts zu sagen.

Standard: Sie besitzen nicht die notwendige Uefa-A-Profilizenz, um auf Dauer Cheftrainer zu sein. Warum dieses Versäumnis? Weil Sie nie vorhatten, in die erste Reihe zu treten?

Barisic: Nein, überhaupt nicht. Aber ich möchte das Thema zum jetzigen Zeitpunkt nicht anschneiden. Es geht nicht um mich.

Standard: Erklären Sie Ihre Trainerphilosophie. Es soll ja auch hervorragende Autofahrer geben, die keinen Führerschein besitzen.

Barisic: Um ein guter Trainer zu sein, benötigst du Fachkompetenz, Lehrkompetenz, Kommunikationskompetenz, soziale Kompetenz. Du musst perspektivisch und fortschrittlich denken.

Standard: Theoretisch kann Rapid Meister, Cupsieger oder sogar beides werden. Und der Trainer muss trotzdem gehen. Kurios?

Barisic: Darüber denke ich nicht nach, ehrlich. Sollte ich in den Nachwuchsbereich zurückkehren, würde mich das auch freuen. Speziell bei Rapid arbeitest du mit den Eliten in den verschiedenen Altersgruppen. Die Nachwuchsarbeit wird bei uns unterschätzt, zu wenig respektiert. Es ist keine Schande, in der Entwicklung tätig zu sein. Das ist ein Knochenjob. Die Holländer respektieren ihn.

Standard: Was macht den Mythos Rapid aus?

Barisic: Rapid ist ein einzigartiger Verein in Österreich. Ich habe als Kind und als Erwachsener dort gespielt, bin Trainer. Der Klub begleitet mich ein ganzes Leben lang. Die Fans sind ein Wahnsinn, was im vollen Hanappi-Stadion abgeht, ist pure Kraft. Da kriegt man Gänsehaut, das ist nicht alltäglich. Ich empfinde Demut. Meine Eltern haben mich zur Bescheidenheit und Demut erzogen.

Standard: Die Liga spielt verrückt. Man hat fast das Gefühl, dass keiner Meister werden will. Wie lautet das Rezept zum Titel?

Barisic: Es wäre vermessen, vom Titel zu reden. Wir konzentrieren uns immer auf die nächste Partie, das ist nicht nur eine Floskel fürs Phrasenschwein. Es war noch nie so einfach und schwierig zugleich, Meister zu werden. Man konnte nicht damit rechnen, dass die Favoriten derart schwächeln. Die Kontinuität von Ried war auch nicht zu erwarten. Es ist alles ziemlich verrückt.

Standard: Am Samstag empfängt Rapid Wiener Neustadt mit Trainer Peter Schöttel. Der wird als Ihr möglicher Nachfolger gehandelt. Sind Sie besonders motiviert?

Barisic: Wir spielen nicht gegen oder für einen Trainer, die Mannschaft spielt für sich. Nebenerscheinungen blenden wir aus.

Standard: Besteht nicht die Gefahr, dass Sie mit den Spielern zu sehr harmonieren? Schließlich entsteht Energie durch Reibung. Muss ein erfolgreicher Trainer nicht auch Ecken und Kanten haben?

Barisic: Keine Sorge. Ich habe Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen. Es geht um den gegenseitigen Respekt, der ist das Allerwichtigste. Im Fußball gibt es keine objektive Gerechtigkeit. Man wird von subjektiven Gefühlen geleitet. Ich bleibe, wie ich bin, lasse mich sicher nicht verbiegen. Ich bin ja kein Schauspieler.

Standard: Es wird einiges kolportiert. Zum Beispiel, dass Sie gemeinsam mit Andreas Herzog das Trainerduo bilden könnten.

Barisic: Das ist Zukunftsmusik. Der Verein wird schon die richtige Entscheidung treffen. Rapid und Präsident Rudolf Edlinger haben Mut bewiesen, als sie mir eine Chance gaben. Ich werde alles unternehmen, um dem Vertrauen gerecht zu werden. (DER STANDARD PRINTAUSGABE 23.4. 2011)

Zur Person:

Zoran Barisic (40) kickte u. a. für Rapid (1993 bis 1997, einmal Meister, einmal Cupsieger) und den FC Tirol (1997 bis 2002, dreimal Meister). Der Mittelfeldspieler aus Wien brachte es auf ein Länderspiel. Seine Trainerkarriere begann er 2006 als Assistent von Peter Pacult. Ab 2009 war "Zoki" Barisic verantwortlich für Rapids Nachwuchsakademie. Am 11. April 2011 wurde er zum interimistischen Cheftrainer bestellt. Seine Bilanz: 3:0 gegen Innsbruck, 2:0 im Cup-Viertelfinale gegen Mattersburg.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Zoran Barisic ist Rapids Antwort auf Peter Pacult. Die Spieler mögen den neuen Trainer, in zwei Partien schenkten sie ihm zwei Siege ohne Gegentreffer.

Share if you care.