"Ich habe panische Angst vorm falschen Ton"

22. April 2011, 17:00
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In dem Krimi "Brand" spielt Josef Bierbichler einen Autor, der eine riskante Affäre eingeht - Im Interview sprach er über Verstellung, Scham und verunglückte Hypnose

Wien - Zum österreichischen Kino scheint Josef Bierbichler eine besondere Affinität zu haben - "Der Dialekt ist mir näher, ich fühle mich da heimischer", meint er dazu im Standard-Interview. Nach dem Wirt in Wolfgang Murnbergers Wolf-Haas-Adaption Der Knochenmann und einer kleineren Rolle in Michael Hanekes Das weiße Band ist er demnächst im neuen Film von Thomas Roth, Brand, zu sehen. Bierbichler spielt den Titelhelden, einen Schriftsteller, dessen Frau (Erika Deutinger) schwerkrank ist. Dies hindert ihn allerdings nicht daran, der Krankenschwester Angela (Angela Gregovic) den Hof zu machen - der Beginn eines Film noir um verbotene Leidenschaften, gehörnte Ehepartner und die Allgegenwart des Todes.

Standard: Sie gelten als wählerischer Schauspieler. Warum haben Sie sich für "Brand" entschieden?

Bierbichler: Für mich hat das Buch funktioniert. Die Dialoge sind gut geschrieben. Die Aneignung, oder wie ich das nennen soll, die passiert eh erst bei der Arbeit. Die meisten von uns kommen ja vom Theater, da gibt es ein Gespür für Sprache. Das ist ein ungeheuerliches Privileg; da ist man abgesichert vor den Angriffen der Banalitäten, die im Fernsehen lauern.

Standard: Christoph Waltz meinte einmal, er wäre lange in der Fernsehwelt gefangen gewesen.

Bierbichler: Ja. Der musste die Scheiße durchwaten, um aus ihr herauszukommen. Manche bleiben auch drin stecken.

Standard: Manche überspringen sie aber auch.

Bierbichler: Na ja, umgehen ist besser. Wenn man springt, kann man immer noch zu kurz springen.

Standard: Der Schriftsteller Brand macht Fotos, wenn etwas passiert. Er überführt die Realität immer gleich in ein Kunstprodukt. Können Sie das gut nachvollziehen?

Bierbichler: Foto ist überhaupt nicht mein Medium, geb ich zu. Der Brand könnte das ja auch machen, um etwas genauer zu betrachten, etwa, wenn er die sterbende Frau fotografiert. Wenn man zum Beispiel schreibt, dann schreibt man sich vielleicht etwas weg, wovon man befreit sein will.

Standard: Ihre Schreiberfahrung?

Bierbichler: Ich habe gerade ein Buch fertig, das bei Suhrkamp erscheint. Und da konnte ich mich überhaupt nicht befreien, vielmehr ist eine vage Erinnerung präziser geworden. Ich hab versucht, Deutschland aus der Sicht eines Dorfes zu beschreiben. Das ist ein biografischer Raum, aber es ist alles erfunden. Ich habe mich nur angelehnt an die eigene Familie und Umgebung.

Standard: Dieser Brand wirkt stets souverän. Sie haben einmal gesagt: "Ich bin nie in der Figur."

Bierbichler: Ich kann keine Figur spielen, ich kann mich nicht verwandeln, zumindest wüsste ich nicht, wie das geht. Ich belaste oder belege eine Figur mit mir: Sie kann ein Spektrum anbieten, über das ich gar nicht verfüge, aber auch Räume bei mir öffnen, die ich noch nie untersucht habe.

Standard: War das bei Ihnen immer so? Sie haben ja auch klassische Repertoire-Rollen gespielt.

Bierbichler: Der Voss glaubt auch, ich irre da. Aber letztlich kann auch der Voss immer nur das Spektrum Voss spielen. Und das macht er hervorragend. Der ist nicht heute Platonov und morgen King Lear, das stimmt nicht. Viele sagen, der Bierbichler spielt ja immer das Gleiche. Freilich gibt es Virtuosen, die etwas technisch perfekt machen können. Da muss ich leider sagen, sie erzählen mir dann zu wenig über eine Figur.

Standard: Werner Herzog hat die Darsteller von "Herz aus Glas", einem Ihrer ersten Filme, hypnotisieren lassen, aber Sie wollten das nicht. Warum?

Bierbichler: Ich habe überhaupt keine Angst gehabt, dass diese Hypnose bei mir funktionieren könnte. Und tatsächlich ist dann nichts passiert. Der Hypnotiseur meinte zu Herzog: "Bei dem geht's nicht, der ist nicht normal." Alle anderen wollten unbedingt mitmachen und waren in den Hypnosesitzungen sehr strebsam. Da hieß es: "Jetzt werden wir ganz müde und schlafen ein, es ist warm, die Sonne scheint ..." Und ganz hinten ist ein kleiner Mann gesessen, der schnarchte. Als es dann hieß, die Ameisen krabbeln auf uns hinauf, da hat er ganz leicht so gemacht: [ kratzt sich am Hosenstall]. Er war der Einzige, der wirklich hypnotisiert war.

Standard: Wenn man sich Ihre Filmografie ansieht, die Filme mit Herbert Achternbusch und Herzog, dann bekommt man den Eindruck, dass es diese Form des Kinos in Deutschland nicht mehr gibt.

Bierbichler: Damals war das für mich ein Abenteuer, da habe ich noch sehr gerne gedreht. Wir sind durch Grönland oder Island gefahren - das war ein Abenteuer. Die Drehmomente schienen eher zweitrangig zu sein und sind fast wie nebenher erledigt worden.

Standard: Der Film war also wie ein Nebenprodukt?

Bierbichler: Nein, das natürlich nicht. Aber Film ist ein Industrieprodukt. Der Achternbusch hat damals 200.000 D-Mark bekommen, da hat niemand etwas verdient. Am Schluss hat jeder einen Hunderter gekriegt, und es war wurscht, wenn es eine Woche länger gedauert hat. Heute begibt man sich in den Zwang des Professionellen - da wird es furchtbar langweilig. Aber ich mag auch nicht mehr aufs Geld verzichten.

Standard: Herzog macht eigentlich als Einziger noch so weiter.

Bierbichler: Der kann ja auch nicht anders. Aber der Ulrich Seidl arbeitet auch noch so.

Standard: Würde Sie die Arbeit mit Seidl interessieren?

Bierbichler: Ja, der hat mich auch schon gefragt. Ich weiß aber nicht, ob ich da hineinpasse. Bei Hundstage war ich ja überzeugt, dass da nur Laien mitgespielt haben. Dann war ich in St. Pölten mit einem Gastspiel der Schaubühne und bin in der Garderobe zwei Darstellerinnen des Films begegnet. Sag ich: "Was macht's denn ihr da?" Sagen die: "Wir arbeiten da. Wir sind Schauspielerinnen." Das war irre. Ich dachte, das ist ja grandios, dass er Schauspielerinnen in so eine Form kriegt.

Standard: Aber haben Sie nicht diesen Energiesparmodus, da Sie Menschen auf dem Land gewohnt sind, die viel arbeiten und wenig reden?

Bierbichler: Wenn das mit drin steckt, dann ist es mir nicht bewusst. Das hat mehr mit Scham zu tun und mit Verstellung, die ich nicht mag. Ich habe panische Angst vorm falschen Ton. Den richtigen Ton gibt's nicht, aber den falschen, den schon. Vor dem bin ich pausenlos auf der Flucht, weil ich mich schäme, wenn er kommt. Ich versuch, es immer ganz leise anzugehen, um zu schauen, wie es sich entfaltet. (Margarete Affenzeller und Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe 23./24./25.4.2011)

Ab 29. 4. im Kino

JOSEF BIERBICHLER (63) stammt aus einer Wirtsfamilie am Starnberger See und ist einer der renommiertesten Theater- und Filmschauspieler des deutschen Sprachraums. Im Herbst erscheint sein Prosaband "Mittelreich" bei Suhrkamp.

  • Ein Mann, der den körperlichen Verfall und das Sterben mit der Kamera 
festhalten will: Brand (Josef Bierbichler) als Titelheld in Thomas Roths
 Kriminalfilm.
    foto: thimfilm

    Ein Mann, der den körperlichen Verfall und das Sterben mit der Kamera festhalten will: Brand (Josef Bierbichler) als Titelheld in Thomas Roths Kriminalfilm.

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