Das Böse an Britney Spears

22. April 2011, 17:18
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Anregend und subtil: eine Studie des Kulturwissenschafters Terry Eagleton über die Metamorphosen und das Wesen des Bösen

Terry Eagleton, brillanter britischer Kulturwissenschafter, bekennender Marxist und bekennender Katholik, geht publizistisch gern aufs Ganze. Nach einem Bestseller zum opulenten Thema "Der Sinn des Lebens" knöpft er sich in seinem neuen Buch "das Böse" vor. Ausgehend vom Fall zweier englischer Zehnjähriger, die in den 1990er-Jahren ein Kleinkind zu Tode gefoltert hatten, lässt sich Eagleton zunächst in die ganz lebenspraktische und strafrechtlich relevante Frage ein, inwieweit Bosheitsakte dem Einzelnen überhaupt zuzurechnen sind, also in die Frage des freien Willens.

Dann schlägt Eagleton eine Brücke zu den Erscheinungsformen des Bösen in Werken von Shakespeare, Golding, Joyce, Flann O'Brian, Graham Greene und Thomas Mann und kommt zum Schluss, dass sich das Böse selten in dramatisch-dämonischer Form manifestiere, sondern eher in Formen der Absenz, als Mangel an Lebendigkeit, als Langeweile oder in der schauerlichen Banalität einer Figur wie Adolf Eichmann. Ein Gegensatz, den Eagleton plastisch herausarbeitet, ist der von Bösem und Schlechtem. Schlechte Handlungen - die Betrügereien von Finanzhaien etwa oder systematische Umweltzerstörung - mögen von ihren Konsequenzen her katastrophal sein wie böse Handlungen. Sie lassen sich aber aus relativ trivialen Motiven - Gier, Gedankenlosigkeit usf. - heraus verstehen.

Selbstzweckhaft

Das Böse hingegen wirkt unbegründet, unbedingt, selbstzweckhaft. Allerdings nur auf den ersten Blick, so Eagleton. In einer tieferen Schicht lässt es sich meist als eine Reaktion auf eine ontologische Malaise des Menschen begreifen, der sich einer gleichgültigen Welt ausgesetzt sieht: Hier sind Schopenhauer und der späte Freud mit der Annahme seines "Todestriebs" Eagletons Referenzdenker. Wenn es der Hass auf das Bestehende überhaupt ist, der sich im Bösen Bahn bricht, wird sich das Böse auch durch geschichtsoptimistische Operationen wie den Marxismus nicht aus der Welt schaffen lassen: Ein echter Materialist müsse sich dieser Grenzen des politischen Handelns bewusst sein, ohne diesem freilich abzusagen, meint Eagleton.

Sein Buch ist thematisch breit, vom Umfang her aber bescheiden, sodass etliches, was man gern vom Autor erörtert gewusst hätte, nicht erörtert wird, etwa die vieldebattierte Frage, wie sich die Schuldfähigkeit aus Sicht der Hirnforschung darstellt.

So gesehen bleibt Das Böse eine skizzenhafte, aber anregende und subtile Lektüre - und auch eine sehr britische: "Hätte Gott nicht irgendeine akzeptablere Weise zur Erprobung unserer Stärke finden können als Denguefieber, Britney Spears oder Taranteln?", fragt sich Eagleton bei seiner Auseinandersetzung mit der Theodizee.

Und die bösen Machenschaften der psychopathischen Sexual-Schurken in den Gefährlichen Liebschaften von Choderlos de Laclos veranlassen Eagleton zu dem Schluss: "Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass das Böse ein Franzose ist."  (Christoph Winder, DER STANDARD/Printausgabe 23./24./25.4.2011)

  • Terry Eagleton, "Das Böse". Aus dem Englischen von Hainer Kober. € 18 / 
210 Seiten. Ullstein, Berlin 2011
    foto: cover ullstein

    Terry Eagleton, "Das Böse". Aus dem Englischen von Hainer Kober. € 18 / 210 Seiten. Ullstein, Berlin 2011

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