Die Deutschen schießen nicht, sie winken

22. April 2011, 17:12
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Der Journalist und Autor Dirk Kurbjuweit entsendet die Soldatin Esther nach Afghanistan

Als am 18. Februar 2011 drei deutsche Soldaten in Afghanistan getötet wurden, ging die Nachricht zwar durch sämtliche Medien, trat jedoch aufgrund der revolutionären Geschehnisse in den arabischen Ländern in den Hintergrund.

Daraufhin beklagte ein evangelischer Militär-Seelsorger mangelndes Interesse der deutschen Öffentlichkeit für den Einsatz der Bundeswehr. Einer, der schreibend Aktualität fordert, ist der Journalist und Schriftsteller Dirk Kurbjuweit, ein profunder Kenner politischer Akteure und Handlungen. Er hat aber kein Sachbuch über Afghanistan geschrieben, sondern nähert sich auf fiktive Weise der Stimmung im Land am Hindukusch an.

Der vielschichtige, spannungsreiche Roman Kriegsbraut bewegt sich ganz nah am Zeitgeschehen und handelt vom Reifungsprozess der 24-jährigen Esther, die aus ihrem orientierungslosen Leben ausbricht und als Soldatin Halt zu finden glaubt. Kurbjuweit, 1962 in Wiesbaden geboren, entwirft im auktorialen Erzählstil eindrucksvolle Bilder von unterschiedlichen Welten, die für Esther Hoffnung und Abgrund zugleich bedeuten.

Vorerst finden wir sie in Berlin im Jahr 2003 wieder, wo sich die Liebe zu einem verheirateten Filmemacher in Desillusionen auflöst, wo sie auf etwas wartet, das nicht eintrifft. Esther wird Soldatin und verdrängt die Gedanken, die ihr Leben infrage stellen. "In der Uniform war Esther bewusst, dass sie Teil einer Wirklichkeit war." Das Abenteuer Afghanistan im Bundeswehrcamp, in das sie sich drei Jahre später begibt, entpuppt sich schnell als öder Job in einer stumpfen Männerwelt.

Gängige Klischees und Vorurteile prägen den vom latenten Terror bedrohten Alltag ebenso wie Hitze, Staub und lähmende Agonie. Eine erlösende Abwechslung eröffnet sich für Esther auf Patrouillenfahrten zu einer afghanischen Schule, auf denen sie ein wildes, schönes und unzugängliches Land kennenlernt: karge Felsen, Obsthaine und "verschlossene Dörfer, die mehr Teil der Landschaft sind als menschliche Behausungen".

Mit dem geheimnisvollen Schuldirektor Mehsud vertieft sich Esther bald in vertrauliche Gespräche. Sie erzählt von ihrer Kindheit in der DDR. Er beschreibt die Menschen seines traumatisierten Landes und deren Verhältnis zu den ausländischen Soldaten und schildert das Bild der deutschen Truppe in der Wahrnehmung der Bevölkerung: "Niemand ist so wie die Deutschen, die Deutschen sind die nettesten Soldaten der Welt, sie schießen nicht, sie winken. Weil sie denken, dass sie unschuldig bleiben, wenn sie winken."

Zögerlich entfaltet sich eine Liebesbeziehung, die für beide riskant ist. Für Esther verkörpert der aufgeklärte Afghane sein Land. "Mehsud war Afghanistan, während ein geliebter Deutscher nicht Deutschland war. Das war der Unterschied, ein großer. Aber Afghanistan sich ins Herz holen?" In Gedanken sieht sie die Schlagzeilen der deutschen Zeitungen: "Verräterin, Kriegsbraut, Kriegshure".

Dirk Kurbjuweit, studierter Volkswirt, ist Leiter des Spiegel-Büros in Berlin, zuletzt definierte er die Bezeichnung "Wutbürger", das Wort des Jahres 2010. Durch seine Essays steht er häufig im Mittelpunkt politischer Debatten. Der abgebrühte Reporter hat sich in seinem fünften Roman eine feinsinnige Erzählergabe bewahrt, mit der er Krieg und Liebe, Gewissen und Schuld unprätentiös und spannend verbindet. Er erzählt in keiner poetisch anspruchsvollen Sprache, doch sein dramaturgisch streng organisierter Stil, geradlinige Charaktere und schöne Stimmungen ziehen den Leser in den Bann. (Sebastian Gilli, DER STANDARD/Printausgabe 23./24./25.4.2011)

Dirk Kurbjuweit, "Kriegsbraut". € 20,60 / 336 Seiten. Rowohlt Berlin, Berlin 2011

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