Der falsche Mann im Boot

22. April 2011, 17:09
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US-Autor Dave Eggers erzählt die wahre Geschichte eines Mannes, der im überfluteten New Orleans ins Visier von Terror- fahndern gerät

Eine gängige Strategie von Katastrophenfilmen ist es, mit einer Bilderserie des Alltags zu beginnen. Menschen, die arglos ihren Beschäftigungen nachgehen, ohne zu wissen, dass sie unmittelbar vor einem Ereignis stehen, das ihr Leben von Grund auf verändern wird. Die Filme beziehen daraus emotionalen Mehrwert - als Zuschauer sind wir ja den armen Kreaturen stets um eine Nasenlänge voraus. Auch Dave Eggers beginnt sein Tatsachenbuch über den Hurrikan Katrina, der im August 2005 New Orleans verwüstete, mit diesem Kniff. Doch im Unterschied zum Kino, wo recht bald die Spektakel der Zerstörung in den Vordergrund rücken, behält er die Perspektive auf menschliche Bemühungen bei - und erweitert diese damit auf den höchst beunruhigenden Horizont eines umfassenden politischen Versagens: George W. Bushs Katastrophenmanagement.

Aber der Reihe nach: Zeitoun, der Buchtitel, verdankt sich der Familie, die im Zentrum steht. Abdulrahman Zeitoun ist Besitzer einer erfolgreichen Anstreichfirma, Familienvater von vier Kindern und als Muslim syrischer Abstammung im Amerika nach 9/11 auch so etwas wie ein Rollenmodel. Seine Frau Kathy, die ursprünglich aus einer baptistischen Familie kommt, ist zum Islam übergetreten. Eggers beschreibt die Zeitouns als weltoffene und engagierte Gemeinschaft - die halbe Stadt scheint auf deren effizientes Krisenmanagement zu schwören, wenn es beispielsweise darum geht, Fenster und Türen vor dem Sturm festzumachen - angesichts der bevorstehenden Ereignisse kein unwesentliches Detail.

Zeitouns Einstellung gegenüber dem anrückenden Unwetter ist eine Mischung aus Trotz und Unglaube: Zu viele Stürme haben ihre Stärke verloren, bevor sie New Orleans erreichten, und zu viele Kunden und Mitbürger vertrauten auf seine Hilfe, falls es tatsächlich ernst würde. Während Kathy und die Kinder also die Stadt verlassen, bleibt er vor Ort und findet immer neue Gründe, seine Sturheit zu rechtfertigen. Zuerst bringt er die eigenen Habseligkeiten in Sicherheit. Als der Hurrikan kommt und die Dämme tatsächlich brechen, paddelt Zeitoun im Kanu los, um Menschen und Tiere in Not zu versorgen - ein Musterbeispiel an Hilfsbereitschaft und Patriotismus.

Schon diese Passagen des Buches, die wie alle anderen auf Erzählungen der Zeitouns beruhen, die Eggers im Jahr 2008 zusammengetragen hat, zeichnet eine merkwürdig klare Unwirklichkeit aus - so als hätte man sich in ein Albtraumszenario von Stephen King verirrt, in dem in schnörkelloser Prosa vom Ausfall zivilisatorischer Einrichtungen berichtet wird. Eggers wechselt zwischen den voneinander getrennten Ehepartnern hin und her, wodurch der Unterschied zwischen subjektivem Erleben und massenmedialer Vermittlung deutlich wird, ohne dass er dramatisieren müsste: Während Zeitoun seine Rettungsaktionen in einem sicheren Teil von New Orleans wie in einem metaphysischen Rausch erlebt, wird Kathy durch die sen- sationsheischende Berichterstattung zunehmend banger zumute.

Der Mangel an verlässlichen Informationen angesichts einer so gravierenden Katastrophe deutet auf eine umfassendere Krise der Öffentlichkeit hin und ist damit auch für die Entstehung dieses Buches mitentscheidend. Der 41-jährige Eggers, der 2001 mit dem autobiografischen Roman Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität auf sich aufmerksam machte, ist eine in der US-Literaturszene umtriebige Person - er gründete auch einen Verlag und bewegt sich von der Fiktion nun interessanterweise immer mehr in die Welt der Fakten zurück. Er ist damit nicht allein: Jonathan Safran Foer hat mit Tiere essen ein durchaus vergleichbares Stück interventionistischer Literatur verfasst.

Eggers tut gut daran, dass er sich völlig der Sachlichkeit verpflichtet. Die Geschichte von Zeitouns Verhaftung, die den zweiten Teil des Buches bestimmt, ist als Dokument schon empörend genug (und würde bei zu starkem Nachdruck wohl tendenziös wirken). Gleich den rechtlosen Sträflingen, die in Guantánamo inhaftiert sind, wird der unbescholtene Zeitoun gemeinsam mit drei anderen in ein eigens auf einer Busstation errichtetes Notgefängnis verbarrikadiert. Alle Grundrechte sind suspendiert - die Soldaten der FEMA, der Heimatschutzbehörde, haben das Oberkommando. Ohne Gerichtsbeschluss wird Zeitoun in ein Hochsicherheitsgefängnis überstellt. Kathy muss nach einer Woche ohne Nachricht annehmen, ihr Mann sei tot.

Wieder drängt sich hier der Vergleich zum Kino auf, zu einer dieser paranoiden Geschichten einer irrwitzigen Verwechslung. Doch Zeitoun ist in Wahrheit noch viel verstörender, weil das Buch an einem Fall die Umrisse einer systemischen Katastrophe begreifbar macht. Zeitouns Schicksal ist so gesehen kein Unfall, sondern direktes Resultat einer Präventionspolitik, die die Dämme rechtsstaatlicher Prinzipien morsch machte und brechen ließ. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe 23./24./25.4.2011)

Dave Eggers, "Zeitoun". Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. € 20,50 / 368 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011

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    Fakten folgen statt Fiktionen entwerfen: US-Autor Dave Eggers 2010 beim Signieren eines Buches an der UCLA.

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