"Irgendetwas fällt mir immer ein"

23. April 2011, 21:27
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Alles im Leben kann inspirierend sein - Erst das Verdauen dieser Inspiration sei dann die eigentliche Arbeit, erklärt die Architektin Marie-Therese Harnoncourt

STANDARD: Wie arbeitet es sich als sogenannte Kreative?

Harnoncourt: Im Prinzip gibt es Abwandlungen innerhalb der kreativen Berufe. Es ist ein Unterschied, ob ich Bildhauer oder Architekt bin. Alle haben verschiedene Aufgabenbereiche. In der Architektur gibt es etwa ein pragmatisches Umfeld. Und in dieses ist man eingebunden. Bei rein künstlerischen Kreativen ist das etwas anders. Architekten haben auch ganz normale Arbeitszeiten. Überhaupt, wenn man ein eigenes Büro hat.

STANDARD: Arbeiten Sie lieber 9 to 5 oder ohne Büroarbeitszeitschema?

Harnoncourt: Ohne fixe Zeitstruktur ist man relativ frei und stellt sich selbst Aufgaben. Man ist gleichzeitig, sobald man ein Büro hat, nicht einfach freischaffend. Man ist eine Unternehmensform. Denn dann arbeitet plötzlich jemand für dich. "9 to 5" arbeiten kann man mit Erfahrung trainieren. Für mich sind Zeitlöcher angenehmer. Also wo ich nicht um irgendeine Uhrzeit fix aufstehen muss. Ich arbeite etwa an einem Abend Open End. Vor 15 Jahren etwa - ohne familiäre Verpflichtungen- hab ich mir alle Zeit für die Arbeit genommen. Jetzt hat sich das verschoben.

STANDARD:: Arbeiten Sie jetzt normale 8,5 Stunden täglich?

Harnoncourt: Nein, als Chefin nicht.

STANDARD: Halten sich Ihre Ideen an Bürozeiten?

Harnoncourt: Nein. Absolut nicht.

STANDARD: Woher holen Sie sich Ihre Inspiration?

Harnoncourt: Für mich kann alles Inspiration sein. Alle Lebensbereiche spielen in meinen Beruf hinein. Eine Ausstellung genauso wie ein Spaziergang in der Natur. Oder etwa wie eine Schule organisiert ist ... Das Leben ist eine Quelle der Inspiration.

STANDARD: Life-Work-Balance? Ist so etwas möglich, wenn Leben und Arbeit, wie in Ihrem Fall, derart vermischt sind?

Harnoncourt: Es geht um das Sammeln von Informationen für den Beruf. In der Freizeit tue ich das, was ich genieße. Und das fließt dann manchmal auch in die Arbeit ein. Man könnte sagen, dass erst das Verdauen der Inspiration Arbeit ist. Sich konzentriert hinsetzen und ein Projekt umsetzen, Ideen verräumlichen.

STANDARD: Sie arbeiten gerne ohne Termindruck. Was passiert in diesen Zeitlöchern?

Harnoncourt: Einfach ohne Zeitdruck über Dinge nachdenken.

STANDARD: Gibt es Menschen, die überhaupt nicht für kreative Berufe geeignet sind?

Harnoncourt: Schwer zu sagen. Es geht um die Lust an Neuem, also um Neugierde und auch um Talent. Ich glaube aber, dass Kreativität nicht nur im Kunstbereich zu finden ist. Ich kann auch als Jurist kreativ sein, wenn ich mit neuen Gesichtspunkten an einen Fall herangehe. Kreativität heißt für mich, dass ich Dinge, die ich weiß, neu kontextualisiere. Und das kann man ja überall brauchen. Es gibt auch kreative Wirtschaftsunternehmer. Die etwa auf neue Erfordernisse der Zeit reagieren. Zum Beispiel mit kreativen Konzepten in der Autoindustrie.

STANDARD: Wenn sich gar keine Idee einstellen will, was tun Sie?

Harnoncourt: Brainstorming im Team ist gut. Oder einfach rausgehen. Gar keine Idee? Das kenn ich so nicht. Irgendetwas fällt mir immer ein. Aber das Gefühl, dass es das noch nicht ganz ist, das kenne ich. Architektur ist ja mehrschichtig, das heißt, mehrere Personen arbeiten parallel. Man hat also ein Umfeld am Bauplatz. Da hat man die Möglichkeit hinzugehen und Informationen zu bekommen. Ich baue immer erst Umgebungsmodelle, um ein Gefühl für ein Projekt zu bekommen.

STANDARD: Gibt es Menschen, die nicht geeignet sind für das Kreative, denen Sie vielleicht raten würden, etwas Anderes zu machen?

Harnoncourt: Wer keine Ideen hat, wird kaum überleben in künstlerischen Berufen. Und umgekehrt: Nur das zu tun, was einem gesagt wird, das hält der, der Dinge entwickeln will, nicht aus. Man braucht aber auch die Veranlagung, sich nach außen artikulieren zu wollen.

STANDARD: Gibt's Tipps für Einsteiger?

Harnoncourt: Wichtig ist sicher, dass man in der Startphase an seine Arbeit kompromisslos herangeht. Um am Anfang zu wissen, wo man steht, was man darstellen will. Das Profil ist das, was einen von anderen unterscheidet. Parallel sollte man sich Möglichkeiten schaffen: eine wirtschaftliche Basis.

STANDARD: Was muss ein Einsteiger mitbringen?

Harnoncourt: Gefragt ist auf jeden Fall Durchhaltevermögen. Man braucht Lust und Neugier, Dinge zu verändern und neue Dinge zu entwickeln. Man sollte auch Gedanken und Ideen vermitteln können. Meine Philosophie lautet: Lust am Entdecken und eine Art von Feedback-System. Letztendlich befindet sich alles in einer Wechselwirkung. (Verena Langegger, DER STANDARD, Printausgabe, 23./24./25.4.2011)

MARIE-THERESE HARNONCOURT (the next ENTERprise-architects) spricht am 13./15. und am 21./22. Mai in Hall in Tirol zu Jungunternehmern und Gründern in den Creative Industries. Infos und Anmeldung: www.we-workshops.at

  • Durchhaltevermögen und Neugierde empfiehlt Architektin Marie-Therese 
Harnoncourt Einsteigern in kreative Berufe. Gedanken und Ideen 
vermitteln zu können sei aber auch notwendig.
    foto: standard/andy urban

    Durchhaltevermögen und Neugierde empfiehlt Architektin Marie-Therese Harnoncourt Einsteigern in kreative Berufe. Gedanken und Ideen vermitteln zu können sei aber auch notwendig.

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