"Es ist zwingend: Die Unis brauchen mehr Geld"

21. April 2011, 18:04
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Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle über Pecunia und Fortuna, sein Ja zu Studiengebühren und darüber, was an ihm, dem parteifreien Grünen, denn schwarz ist

STANDARD:  "Pecunia est nervus belli", meinte Cicero. Ersetzt der Latein-Professor im Wissenschaftsministerium das Wort Krieg durch Unis? "Geld ist der Nerv der Unis."

Töchterle: "Pecunia est etiam nervus universitatis." Natürlich, Geld ist auch der Nerv der Unis. Das ist der Grund, warum ich mit den Rektoren in, ich möchte fast sagen, penetranter Weise letztlich immer eine Geldforderung erhoben habe, weil es zwingend ist: Die Unis brauchen mehr Geld.

STANDARD: Haben Sie eine Zusage, dass Sie als Minister die 300 Millionen Euro mehr pro Jahr ab 2013, die die Unis brauchen, bekommen?

Töchterle: Die habe ich nicht konkret, aber ich habe deutlich deponiert, dass die Unis mehr Geld brauchen. Das Hauptmotiv war nicht eine Zusage von Herrn Spindel-egger, sondern die Hoffnung und der Wille, mehr Mittel für die Unis herausholen zu können. Diese Hoffnung habe ich, und sie stützt sich auf ein paar Indizien.

STANDARD: Sie haben aber noch ein paar Tage, bis der Bundesfinanzrahmen fertig ist.

Töchterle: Ich bin seit wenigen Stunden Minister, und der Finanzrahmen ist ausverhandelt. Da werde ich mich nicht mehr einbringen können.

STANDARD: Haben Sie Hinweise, dass die Unis mehr Geld kriegen?

Töchterle: Die Hinweise gehen in die Richtung, dass es keine Kürzungen im Wissenschafts- und Forschungsbudget gibt. Aber im Herbst sind die Budgetverhandlungen für die Universitäten für die nächste Leistungsvereinbarungsperiode, und da sehe ich meine Chance, mehr Geld zu erkämpfen.

STANDARD: Was sagen Sie Ihren neuen Regierungskollegen, was es heißt, wenn das Uni-Budget nur fortgeschrieben statt erhöht wird?

Töchterle: Wenn dieses Geld nicht kommt, dann wird die Lage mehr als schwierig, weil den Unis zugleich unheimlich viel zugemutet wird. Sie sollen Weltklasse sein, und auch wenn man das Wort nicht mehr verwendet, ist klar, man wünscht und braucht in Österreich eine hohe Qualität der Hochschulen, der Wissenschaft, der tertiären Ausbildung. Wenn wir das nicht haben, fallen wir zurück, und das können wir uns nicht leisten, also müssen wir in Wissenschaft, Forschung und Bildung investieren. Ich hoffe, ich komme mit diesem Appell durch.

STANDARD: Wo stehen die österreichischen Universitäten heute?

Töchterle: Wir sind in einigen Fächern absolute Weltklasse, und zwar nicht nur in den bekannten und oft gepriesenen, wie der Innsbrucker und Wiener Physik oder in manchen Teilen der Biowissenschaften. Aber es gibt eben auch die Massenfächer, und da wünsche ich mir, dass aus ihnen weniger vermasste Fächer werden.

STANDARD: Durch Zugangsregelungen an den Unis?

Töchterle: Das ist eine Möglichkeit. Es gibt andere, gelindere Mittel, die wir versuchen, zum Beispiel die Studienwahlberatung. Wenn die gelinderen Mittel greifen, ist es mir recht, wenn wir keine Zugangsregelungen brauchen. Ich fürchte nur, das wird nicht reichen. Wir haben Bedingungen, wie sie andere Länder so nicht haben. Deswegen strömen viele von woanders zu uns. Das will ich ja auch. Wir sind ein internationales Gebilde und sollen es sein. Nur irgendwann stoßen wir auch an unsere Finanzierungsgrenzen.

STANDARD:Der Zustrom kommt vor allem aus Deutschland. Als Innsbrucker wissen Sie das gut. Und er wird größer: doppelte Abiturgänge, Aussetzen der Wehrpflicht. Ist das der finanzielle Beitrag, den die Österreicher wohl oder übel für die Internationalisierung und Europäisierung leisten müssen?

Töchterle: Ich finde, dass man das dem österreichischen Steuerzahler nicht zumuten sollte. Und das ist ja ein Grund, warum ich Studiengebühren andenke, weil ich eben glaube, es wäre eine Möglichkeit, von diesen ausländischen Studierenden, die wir ja wollen und die uns willkommen sind, einen Beitrag zu bekommen, der uns ein bissl hilft, die österreichischen Unis zu finanzieren.

STANDARD: Möchten Sie die Studiengebühren wieder einführen?

Töchterle: Ich bin ein Befürworter und habe mich da auch nicht geändert. Aber ich weiß, dass der Koalitionspartner und die ÖH dezidierte Gegner sind, und respektiere ihre Motive sehr, weil ich sie teile, nämlich: Es sollten möglichst viele Menschen möglichst ohne soziale Barrieren eine möglichst hohe Bildung haben. Wo ich mich im Dissens befinde, ist - zu meinen, dass Studiengebühren diesem Ideal gegenarbeiten. Ich habe gute Gründe und empirische Belege. Bis 2008 hatten wir Studiengebühren, dann nicht mehr - aber die soziale Durchmischung ist nicht besser geworden, sondern sogar leicht schlechter. Wenn mich die Gegner von Studiengebühren mit Argumenten überzeugen, verändere ich meine Position. Bisher hat mich niemand überzeugt.

STANDARD: Was außer dem Ja zu Studiengebühren und Zugangsregeln verbindet Sie mit der ÖVP?

Töchterle: Sehr viel. Ich bin zu den Grünen gekommen als ökologisch motivierter Mensch und bin ein Stück des Weges mit ihnen gegangen. Ich habe aber in vielen Bereichen eine konservative Auffassung, und das, obwohl ich ein Arbeiterkind bin. Ich bin in der Familienpolitik und in der Bildungspolitik ÖVP-nahe, weil ich in ihr das Christlich-Soziale sehe. Ich weiß aber auch, was sich Arbeiter erkämpfen mussten, und erkenne auch Verdienste der Sozialdemokratie an. Ich sehe aber auch einen hohen Wert in einer funktionierenden Familie, ich weiß, dass sie immer seltener wird und dass man für andere Lebensbedingungen entsprechende Vorsorge treffen muss, dennoch muss man das Ideal deswegen nicht aufgeben.

STANDARD: In der Bildungspolitik muss sich die ÖVP mit Ihnen nicht fürchten, dass Sie plötzlich ein "Gymnasium für alle" fordern?

Töchterle: Da habe ich Frau Karl explizit widersprochen: Ein Gymnasium für alle ist ein Gymnasium für niemanden. Was mir wichtig ist: keine soziale Selektion, keine Sackgassen. Wichtig ist soziale und systemische Durchlässigkeit. In der Bildungspolitik bin ich - schon als klassischer Philologe und Lateinfreund - für die Möglichkeit von Leistung, und dass ich mein Talent voll zur Geltung bringen kann und gefördert werde.

STANDARD: Es heißt, Sie würden sich mit Ihren Studierenden privat auf Lateinisch unterhalten?

Töchterle: Ita est. So ist es. Jetzt zwar nicht mehr, aber als ich Professor war und einen wunderbaren Schülerkreis hatte, bin ich mit ihnen Mittagessen gegangen und wir haben Lateinisch geredet - auch über Fußball oder Filme.

STANDARD: Unter welches lateinische Motto würden Sie Ihre Amtszeit als Minister stellen?

Töchterle: "Fortes fortuna adiuvat." Den Mutigen hilft das Glück. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2011)

KARLHEINZ TÖCHTERLE (61), klassischer Philologe, wurde 2007 zum Rektor der Uni Innsbruck gewählt und 2010 wiederbestellt. Bis zum Amtsantritt als Uni-Chef war der Parteifreie 15 Jahre im Gemeinderat von Telfes. 1994 wurde er für die Grünen in den Tiroler Landtag gewählt, verzichtete aber auf das Mandat.

  • Karlheinz Töchterle gelobte auf Lateinisch: "Spondeo." - "Das habe 
ich nicht anders erwartet", sagte Bundespräsident Fischer.
    foto: standard/urban

    Karlheinz Töchterle gelobte auf Lateinisch: "Spondeo." - "Das habe ich nicht anders erwartet", sagte Bundespräsident Fischer.

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