"Talentekrieg um Fach­kräfte" Wachstumschance

21. April 2011, 18:03
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Warum man "Talente" aus Ost­europa gezielt anwerben soll und sich so gegen Niedriglohnländer durchsetzen könne

Standard: Sie meinen die endgültige Öffnung des heimischen Arbeitsmarktes mit 1. Mai bringt mehr Chancen für Österreich als Risiken. Warum?

Tobias Wiener: Weil bisher viele multinationalen Konzerne um Österreich herum die günstigen Standorte genutzt haben, um dort gemeinsame Servicezentren aufzubauen. Da geht es um die Auslagerung von Finanz- und Rechnungswesen, um Personalmanagement oder um Gebäudemanagement. Österreich könnte aber auch hergehen und sagen: Wir holen die Talente nach der Arbeitsmarktöffnung zu uns und positionieren uns als Service-Zentrum. Man sollte den Talentekrieg um Fachkräfte mit dem 1. Mai verbinden und so Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum generieren.

Standard: Aber warum sollten internationale Konzerne jetzt solche Servicezentren in Österreich ansiedeln? In osteuropäischen Ländern sind die Löhne ja noch immer deutlich niedriger?

Wiener: Das Kostenthema steht nicht mehr so im Vordergrund. Bei Service geht es in letzter Konsequenz immer um die Qualität. Wenn der Kunde zufrieden ist, ist der Preis nicht mehr so relevant. Wenn der Kunde aber eine falsche Rechnung oder ein falsches Produkt zugeschickt bekommt, hat die Firma ein Problem.

Standard: Welche Branchen könnten aus Ihrer Sicht profitieren?

Wiener: Grundsätzlich kann sich jedes Unternehmen Dienstleistungszentren mit anderen teilen - das gilt auch für Klein- und mittelständische Betriebe, von denen es in Österreich sehr viele gibt. Aber besonders große Chancen sehe ich im Bereich Energiewirtschaft, der ganzen Konsumindustrie oder der Autozulieferindustrie. In der Telekombranche kennen wir das schon. Dort ist es sehr schwierig, richtige Abrechnungen zu stellen - Stichwort Roaminggebühren etc. Das Gleiche passiert jetzt in der Energiewirtschaft, wo große Abrechnungszentren entstehen.

Standard: Was hat die Unternehmen gehindert, bereits solche Zentren in Österreich aufzubauen? Schließlich konnten ausländische Fachkräfte auch schon bisher über Quoten oder Ausnahmeregeln nach Österreich kommen.

Wiener: Die Leute haben Angst davor, dass die Öffentlichkeit falsch reagiert, weil das Thema mit Zentralisierung und Jobabbau verbunden wird. Dabei ist es für Handelsbilanz sogar positiv, wenn ich hier Arbeitsplätze aufbaue, bei denen sonst die Gefahr besteht, dass sie nach China oder Indien abwandern.

Standard: Man könnte aber auch sagen: Einer neuen Gruppe am heimischen Arbeitsmarkt droht billige Konkurrenz aus dem Ausland. Bisher galt das ja eher für niedrigqualifizierte Bereiche.

Wiener: So ist es. Was in der Produktions- und Ingenieurswelt passiert ist, tritt jetzt ganz stark in den klassischen Büroberufen ein. Die IT-Affinität wird immer stärker, die Jobs und Menschen haben sich aber nicht entsprechend mitentwickelt. Das hat man einfach vernachlässigt. Darum können wir vielleicht 80 Prozent der benötigten Jobs stellen, aber 20 Prozent brauchen wir aus dem Ausland. Da kehrt sich jetzt etwas um. Nicht nur Osteuropa lernt von uns, sondern auch wir müssen von Osteuropa lernen. Österreich als Tor zum Osten ist dafür prächtig geeignet.

Standard: Also ist mehr Druck auf die heimischen Arbeitskräfte unvermeidbar?

Wiener: Genau. Die Frage ist jetzt aber: Wie gehe ich damit um? Entweder ich verharre passiv oder werde aktiv und sage: Wir als Österreicher sind ein interessanter Standort, wir haben ein ausgewogenes Lohnniveau, haben internationale Erfahrung und nutzen unsere osteuropäischen Connections. Wenn wir das machen, wird es in Summe nicht weniger Arbeitsplätze im Verwaltungsbereich geben. Sie werden großteils nur verlagert in neue Shared-Service-Zentren. Wenn man das nicht macht, besteht aber die Gefahr, dass die Firmen wegen des weiter steigenden Wettbewerbsdrucks in fünf bis zehn Jahren gezwungen sind, weitere Outsourcing-Effekte in anderen Ländern zu nutzen. (Günther Oswald, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.4.2011)

 

Tobias Wiener (30) ist bei der Beratungsgesellschaft Deloitte Österreich für den Bereich Shared Services, also geteilte Dienstleistungen von Unternehmen, zuständig. Zuvor war der gebürtige Bayer beim Energiekonzern Eon.

  • Tobias Wiener: Mehr Druck auf die heimischen Arbeitskräfte ist unvermeidbar.
    foto: deloitte

    Tobias Wiener: Mehr Druck auf die heimischen Arbeitskräfte ist unvermeidbar.

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