Portugal hofft auf Geld aus Ex-Kolonien

21. April 2011, 17:47
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Badeurlauber aus Brasilien, Investoren aus Angola: Weil Portugals Inlandskonsum schwächelt, sind Geldgeber aus dem Ausland gefragt

Wien - Bernardo Trindade sieht so aus, als sei er gerade einem Werbeplakat für einen Badeurlaub in Portugal entstiegen. Sein Gesicht ist braungebrannt bis in jede Falte. Sein Lächeln ist so entspannt, als habe er seit Wochen nicht gearbeitet. Trindade kann Freizeit und Beruf offenbar gut vereinbaren: Er ist Portugals Staatssekretär für Tourismus und beschäftigt sich von Amts wegen mit Urlaub.

"Unsere einzige Chance auf Wachstum in diesen schweren Zeiten ist Tourismus", sagt Trindade, während er aus seinem Fenster über die Dächer Lissabons blickt. "Aber wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir neue Wege gehen. Badegäste aus Europa genügen nicht mehr. Der neue Wachstumsmarkt heißt Brasilien."

Trindades Worte sind nicht nur leere Phrasen. Portugal schlüpft gerade unter den Euro-Rettungsschirm. Die Wirtschaftsaussichten sind düster. Die Sparmaßnahmen, die der Internationale Währungsfonds (IWF) und die EU dem Land verordnen werden, dürften den Inlandskonsum abwürgen. Wie schon davor in Griechenland, verbleiben Portugal nur zwei wachstumsträchtige Branchen: Tourismus und die Exporte. Bemerkenswerterweise fuhren beide Sparten 2010 ein gutes Ergebnis ein. Die Exporte, sie machen 30 Prozent der portugiesischen Wirtschaftsleistung aus, zogen um 16 Prozent an, auch der Tourismus boomt. Allerdings wird das nach Ansicht von Experten zur Budgetsanierung nicht ausreichen. Und so macht sich das Land auf die Suche nach neuen Investoren - und Badegästen.

Interesse an Petrodollars

Als potenzielle Geldquellen entdeckt Lissabon dabei mehr und mehr Destinationen außerhalb Europas, allen voran seine Ex-Kolonien Brasilien und Angola. "Insgesamt sprechen wir da von einem Markt mit 220 Millionen Portugiesisch sprechenden Menschen. Ein riesiges Potenzial", sagt Teresa Fernandes von AICEP, der staatlichen Exportfördergesellschaft.

Aber wirklich Angola? Das Land belegt im UN-Index für menschliche Entwicklung Platz 146 von 169. "Trotz der verbreiteten Armut ist in Angola über die vergangenen Jahre auch eine kaufkräftige Mittelschicht entstanden", wendet Fernandes ein.

Angetrieben von den Petrodollars, das afrikanische Land zählt zu den 15 größten Ölexporteuren der Welt, hat sich das Pro-Kopf-Einkommen seit 1995 verdreifacht. Das schlägt sich auch in der wirtschaftlichen Verflechtung nieder. Angola ist Portugals fünft-wichtigste Exportdestination, auf einer Stufe mit Großbritannien.

Auch als Investoren sind die Ex-Kolonien gefragt. Bei der Banco Comercial Português, einem der größten Kreditinstitute des Landes, ist Angolas staatliche Ölgesellschaft Sonangol mit 15 Prozent bereits der größte Einzelaktionär. Brasiliens Flugzeughersteller Embraer lässt bis Ende 2011 zwei neue Fabriken im Land bauen.

Die Bedeutung ausländischer Geldgeber wird zudem im Rahmen der EU-IWF-Intervention in Portugal ansteigen. Noch steht das Portugal-Programm nicht. Aber ebenso wie in Griechenland (Privatisierungsrahmen: 50 Milliarden Euro) gilt als sicher, dass Portugal viele Staatsbetriebe verkaufen wird müssen. Als interessantestes Objekt gilt die Fluggesellschaft TAP, nicht zuletzt wegen ihrer fast 70 Flugverbindungen pro Woche nach Brasilien . Auf einen Verkauf des Staatsanteils von 25 Prozent an der Energias de Portugal, einem der größten Energieversorger Europas, wird schließlich ebenso spekuliert wie auf einen Verkauf der Post. (András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.4.2011)

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    Protestaufruf in Lissabon. Viele Portugiesen haben genug vom Sparprogramm, dabei geht's erst richtig los. 80 Milliarden Euro soll Portugal aus dem Euro-Rettungsschirm und vom IWF bekommen.

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