Orchestertänze auf dem Krisenparkett

21. April 2011, 17:32
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Manfred Honeck, Chefdirigent des Pittsburgh Symphony Orchestra, im Gespräch

Das Philadelphia Orchestra geht in Konkurs, dem Pittsburgh Symphony Orchestra geht es wieder besser: Es geht auf Europatournee und kommt auch nach Grafenegg.

Wien - Jene fünf Musiker, die Teil des Vorstands sind, hatten sich gegen den Konkurs ausgesprochen. Die Mehrheit des Gremiums beim Philadelphia Orchestra war indes dafür. Somit hat die Wirtschaftskrise nun eines der traditionsreichen US-Orchester erwischt - eines der "Big Five", zu denen auch New York, Boston, Chicago und Cleveland gehören. Es gibt natürlich auch positive Beispiele von Stabilität wie das Pittsburgh Symphony Orchestra, dem der Österreicher Manfred Honeck als Chefdirigent vorsteht.

Pittsburgh hat auch auf dem Höhepunkt der Krise seine Tourneen finanzieren können, und es beehrt diesen Sommer wieder Europa. Wobei, es war auch für Pittsburgh heikel. "Es ist unbestreitbar, dass es für die Orchester einen finanziellen Schock gegeben hat. Kleine Orchester wie jenes in Honolulu und Syracuse sind verschwunden. Und natürlich hat es auch uns getroffen: Wir mussten sparen, und der Prozess ist immer noch nicht abgeschlossen. Obwohl es noch Probleme gibt, haben wir das Orchester aber stabilisiert. Klar ist, dass wir dadurch beim finanziellen Niveau um sechs bis sieben Jahre zurückgefallen sind. Das ist halt so", meint Honeck, der einst bei den Wiener Philharmonikern Bratschist war.

Nicht nur das Publikum sei sparsamer geworden. Es gibt bei den US-Orchestern auch diesen Rücklagenfonds, der das Geld veranlagt und so von den Schwankungen an der Börse nicht gefeit ist. "Wenn wir etwa 100 Millionen Dollar in diesem ,Topf' haben und davon für den operativen Bereich fünf Prozent entnehmen dürfen, dann sind das fünf Millionen. Wenn der Topf durch Veranlagungsverluste kleiner wird, kann es passieren, dass man nur noch 3,5 Millionen entnimmt. Ich glaube aber, dass das Schlimmste vorbei ist. Unser Vorstandsvorsitzender kommt aus der Stahlbranche und kennt sich sehr gut aus. Nein, ich selbst verfolge die Entwicklung der Aktien nicht."

Auch dass Tourneen durchführt werden konnten und eine weitere in Europa naht, die u. a. nach Grafenegg (2. 9.) führt, ist ein Zeichen für den intakten Zustand der "Pittsburgh-Aktie". "Wir mussten, im Gegensatz zu anderen, unsere Reisen nicht absagen; wir sind so weit gesund, dass wir uns das leisten können." Konzertreisen seien auch Teil der Philosophie dieses Orchesters, das Honeck bis 2016 leiten wird.

Die besten Fünf

Ob es - heute schon für tolles Musizieren bekannt - dann zu den "Big Five" zählen wird? "Die gemeinten fünf Orchester sind natürlich exzellente Klangkörper. Aber ich glaube, dass es diese ,Big Five' so gar nicht geben kann. Ich frage mich manchmal, wie das ausgehen würde, wenn man in Europa versuchte, in einem Ranking die fünf Besten zu küren. Es wäre komisch, Rankings sind in unserem Bereich einfach ein Problem. Es geht doch eher um einen eigenen Klangcharakter, hier ist auch unsere Chance zu überraschen. Wichtig ist, dass sich Orchester nicht zu sehr angleichen. Stellen Sie sich vor, die Wiener Philharmoniker würden so spielen wie die New Yorker - dann bräuchten sie gar nicht auf Tournee zu gehen!"

Wie aber produziert Honeck, der mit 33 bei den Philharmonikern ausstieg, um sich dem Dirigieren zu widmen, den eigenen, besonderen Klang? "Als Orchestermusiker habe ich verschiedene Zugänge erlebt. Mancher Dirigent hat einfach spielen lassen, das mochte ich nicht. Bei Carlos Kleiber hat hingegen jede Kleinigkeit etwas über Klang ausgesagt, bei ihm war der ganze Körper Klang. Harnoncourt hingegen hat sehr viel gesprochen, aber auch ganz klare Vorstellungen gehabt."

Honeck selbst versucht, "mit jedem Finger, mit jeder Bewegung Hinweise zu geben. Wenn eine Geste etwa wie das Sausen eines Schwertes daherkommt, hat das eine entsprechende Wirkung. Auch ist mir wichtig, Klangbilder zu vermitteln. Wenn ich sage, das müsse klinge wie ein nasser Schwamm, der zu Boden fällt, dann produziert das einen anderen Sound als das Bild eines auf den Boden fallenden Steines."

Man kann natürlich noch so plastisch erklären - Dirigiererfahrung ist damit nicht zu ersetzen. "Es gibt auch 20-Jährige, die fulminant Strawinskys Sacre umsetzen können. Toll! Aber wenn es um Mozart geht, darum, nur eine seiner Phrasen richtig zu nehmen, braucht es schon vieler weißer Haare." (Ljubisa Tosic/ DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2011)

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    Dirigent Manfred Honeck macht mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra tolle und weniger tolle Erfahrungen: Durch die Krise sei man "finanziell  um sechs bis sieben Jahre zurückgeworfen" worden.

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