"Man ließ die Vernichtung geschehen"

21. April 2011, 17:49
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Jan Karski wollte 1943 die Welt auf das Schicksal der Juden aufmerksam machen

Dass Claude Lanzmann 2010 unter dem Titel Der Karski-Bericht eine rund einstündige Ergänzung zu seinem Film Shoah herausbrachte, hatte mit einem Roman zu tun, der 2009 in Frankreich erschienen war und nun auf Deutsch erschienen ist: Das Schweigen des Jan Karski von Yannick Haenel (Rowohlt 2011).

Es geht darin um den polnischen Widerstandskämpfer, der 1943 den US-Präsidenten Roosevelt traf und ihn auf das Schicksal der osteuropäischen Juden aufmerksam machte. Karski war selbst im Warschauer Ghetto und einem "Transitlager" gewesen. Mit diesen Eindrücken war er 1942 nach London gereist, als Kurier, der Nachrichten des polnischen Widerstands an die Exilregierung überbrachte und damit zum mächtigsten Vertreter der Alliierten geschickt wurde.

Beide, Lanzmann und Haenel, beanspruchen, diese nahezu vergessene Figur wieder ins Gedächtnis gerufen zu haben. Lanzmann geht in der Präambel zu seinem Film sogar so weit zu sagen, er hätte Karski 1985 wieder "zum Leben erweckt".

Tatsächlich war Karski schon 1981 auf einer Konferenz der Befreier von Konzentrationslagern aufgetreten, die Elie Wiesel ausgerichtet hatte - zu diesem Zeitpunkt hatte Lanzmann seine Aufnahmen schon gemacht, aber Shoah war noch weit von der Fertigstellung entfernt.

Dass er schließlich nur ein kurzes Segment mit Karski in die Montage von Shoah nahm, gab Yannick Haenel die Gelegenheit zu einer weiteren "Entdeckung" in Form eines Texts, der als Roman nur durchgeht, wenn man den Gattungsbegriff großzügig deutet. Das Schweigen des Jan Karski - Deutsch von Claudia Steinitz, - besteht aus drei Teilen. Im ersten erzählt Haenel die Szene mit Karski aus dem Film Shoah interpretierend nach, wobei er sich bemerkenswert uninformiert gibt.

Der Bericht von seinem Besuch im Ghetto, den Lanzmann in Shoah zeigt, kommt nur unter Schmerzen zustande. Haenel: "Genau das hatte Jan Karski am Anfang des Interviews gefürchtet: dieses Erstarren im Entsetzen, das er an jenem Tag im Herbst 1942 verspürt hatte, im Warschauer Ghetto, in der Nähe des Todes." Aber er "beugt sich dem Geheimnis dieses Wortes: der Zeuge".

Das Pathos dieses Begriffs des Zeugen steht im Zentrum von Haenels Roman, der im zweiten Teil eine Nacherzählung von Karskis Buch Story of a Secret State aus dem Jahr 1944 bringt, und im dritten sich selbst die Stimme von Karski aneignet; in einem fiktionalen inneren Monolog, der so beginnt: "Man ließ die Vernichtung der Juden geschehen. Niemand hat versucht, sie zu stoppen, niemand wollte es versuchen. (...) Niemand hat mir geglaubt, weil mir niemand glauben wollte."

So wird Karski im Lauf der Nachkriegsjahrzehnte vom Boten zum Zeugen, der sein Wissen in sich verschließt, während die Welt ihn weitgehend vergisst - bis Lanzmann anruft und später Haenel das "Schweigen" von Karski neuerlich bricht: "Ich hatte das Wort im Namen einer Sache ergriffen, die viel größer ist als die Erinnerung und die man Auferstehung nennt." Diese spekulativen Passagen führen auf jeden Fall an die Grenze dessen, was ein "Roman" an erzählerischer Freiheit für sich reklamieren kann.

Der auch von sachlichen Ungenauigkeiten durchsetzte Roman ist ein weiteres Beispiel für eine fragwürdige Literarisierung von historischen Vorgängen, die in ihrer Komplexität gerade im Fall des polnischen Patrioten und Antikommunisten Karski nicht so einfach auf einen spekulativen Monolog zu bringen sind.

Ein positiver Nebeneffekt dieser Angelegenheit ist, dass nun endlich das Buch in deutscher Übersetzung vorliegt, das Jan Karski selbst noch während des Krieges geschrieben hat: Mein Bericht an die Welt. Geschichte eines Staates im Untergrund (Kunstmann 2011) erschöpft sich keineswegs in der Nacherzählung, die Haenel davon gibt. Von der Mobilmachung kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen 1939 bis zu seinem Exil in den USA erstreckt sich dieser Bericht, der 1944 noch unter den Bedingungen des Krieges erschien.

Das Kapitel über das Warschauer Ghetto und das Transitlager Izbica Lubelska (das Karski mit Belzec verwechselte) sind vor überragendem Interesse, aber auch die ausführlichen Schilderungen der Arbeit der polnischen Untergrundinstitutionen sind enorm gut beobachtet und beschrieben.

Mein Bericht an die Welt ist das Buch, das deutlich macht, dass Jan Karski ein Zeuge war, der keinen Zeugen braucht. (Bert Rebhandl aus Berlin/ DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ist 2000 mit 86 Jahren gestorben: Jan Karski.

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