Deckeln, deckeln, deckeln

22. April 2011, 08:42
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Ein Hick-Hack zum Umstieg auf erneuerbare Energien - der österreichische Weg

Es ist der tägliche politische Hick-Hack, den man normalerweise bestenfalls überfliegt. Ist ja alles schon gesagt. Nach der Präsentation des neuen VP-Regierungsteams kam dann noch eine Aussendung vom Grünen-Landesrat Rudi Anschober aus Oberösterreich daher. Eh klar, muss er, ist ja sein Job.

Anschober präsentiert darin ein Mail, mit dem Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner auf die Anfrage eines Bürgers geantwortet habe. Mitterlehner schreibe in diesem Mail davon, dass die Photovoltaik die teuerste Energieform sei und mit den Förderungen Arbeitsplätze in China geschaffen würden. Das nennt Anschober eine "skandalöse Uninformiertheit".

Im Anschluss daran nennt der Grünen-Landesrat allerdings ein paar Zahlen und Fakten, die man sich immer wieder vor Augen führen kann. Beispielsweise, "dass alleine in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten rund 200 Milliarden Euro an Subvention in die Atomenergie geflossen sind und dass sich der Preis für PV-Anlagen in Deutschland von 2006 auf 2010 beinahe halbiert hat. Bis 2015 wird eine weitere Halbierung erwartet. 1996 wurde weltweit im gesamten Jahr rund ein Megawatt Solarstrom erzeugt, heute ist dies der Produktionswert einer Stunde, Ende 2011 wird die weltweit installierte Gesamtleistung bei ca. 60 Gigawatt liegen (das ist eine Ver-60.000-fachung) und einen Stromertrag liefern, der mit jenem aus zehn großen Atomkraftwerken vergleichbar ist."

"Jobs in China"

Dass aber mit der Förderung von Photovoltaik-Anlagen nur Jobs in China generiert würden, ist jedenfalls wirklich ein origineller Ansatz. Ganz abgesehen von der Frage, welche Jobs in Österreich werden denn geschaffen werden, wenn wir Atomstrom importieren. Anschobers Bilanz lautet jedenfalls: "Mittlerweile 133.000 Menschen sind in Deutschland in der PV-Branche beschäftigt (zum Vergleich sind es 38.000 in der Atomwirtschaft). Und Paradeunternehmen wie der Wechselrichterkonzern Fronius aus Oberösterreich sichern bereits mehr als 500 Jobs in der Solarbranche und müssen 98 Prozent ihres Umsatzes im Export erwirtschaften."

Warum Unternehmen wie Fronius fast ausschließlich exportorientiert arbeiten müssen, ist kein Mysterium. Im Gegensatz zu Deutschland und inzwischen einigen anderen Ländern ist es im selbsternannten "Umweltland" Österreich noch nicht gelungen, den PV-Markt mit Hilfe einer ordentlichen Anschub-Unterstützung in Schwung zu bringen. Im Gegenteil: Die Subventionen werden gedeckelt, gedeckelt, gedeckelt.

Die Frage der Wirtschaftlichkeit

Und weil da wie das Amen im Gebet kommt, die Photovoltaik sei eben noch nicht wirtschaftlich: In der gerade präsentierten Studie "Was Strom wirklich kostet", die von Greenpeace beauftragt wurde, kommt das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft zu dem Ergebnis: Bei Berücksichtigung aller tatsächlichen Kosten und Förderungen trage die Gesellschaft "bei einer Kilowattstunde Windstrom Kosten von 7,6 Cent und bei Wasserstrom 6,5 Cent. Die Gesamtkosten für Strom aus Braun- und Steinkohlekraftwerken summieren sich hingegen auf 12,1 Cent und für Atomkraft sogar auf 12,8 Cent je Kilowattstunde" - und da sind Katastrophen wie in Fukushima noch nicht einmal berücksichtigt, weil derartige Atomunfälle schlicht nicht darstellbar sind. "Lediglich Photovoltaik-Strom ist mit 46,5 Cent/kWh noch deutlich teurer als die konventionellen Energien." 

Aber: "Der vergleichsweise hohe Wert bei Photovoltaik ist dabei auch im Vergleich zur Markteinführungsphase der Atomenergie zu sehen", wird in der Studie weiters betont. "In den frühen Jahren der Atomenergienutzung sind noch höhere staatliche Förderungen von mehr als 60 Cent je Kilowattstunde festzustellen. Darüber hinaus ist das große Potential der PV für Kostensenkungen zu berücksichtigen. Gegenüber der hier verwendeten EEG-Durchschnittsvergütung von 46,8 Ct/kWh wurde bei Neuanlagen bereits ein deutlicher Rückgang realisiert. So liegen die Vergütungssätze von Neuanlagen im Jahr 2011 bereits zwischen 21,1 und 28,7 Ct/kWh."

Wann hat sich der Kauf eines Fernsehers amortisiert?

Letztlich stellt sich aber immer noch die Frage des politischen und gesellschaftlichen Willens. Warum soll man nicht Geld in die Hand nehmen, wenn man den Umstieg auf erneuerbare Energien will? Hat jemand schon einmal gefragt, wie wirtschaftlich es denn sei, wenn er sich einen Fernseher oder eine Playstation gekauft hat? Hat da je irgend jemand gefragt, wann sich diese Investition amortisiert habe? (Roman David-Freihsl, derStandard.at, 21.4.2011)

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    Im Gegensatz zu Deutschland und einigen anderen Ländern ist es im selbsternannten "Umweltland" Österreich noch nicht gelungen, den Photovoltaik-Markt in Schwung zu bringen. In Philippsburg wurde im April diese Anlage mit einer Fläche von 87.000 Quadratmetern (mehr als zwölf Fußballfelder) eingeweiht - die größte ihrer Art in Deutschland und die fünftgrößte weltweit.

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