Alles nichts

Alan Posener
21. April 2011, 11:33

Wenn Dostojewski sagt, ohne Gott sei alles erlaubt, leugnet er selbigen

Dostojewskis Diktum, ohne Gott sei alles erlaubt, bedeutet eine Verurteilung der Religion und Leugnung Gottes. Wie das?

Zum einen zeigt die Beobachtung des Ist-Zustands unserer Erde, von deren Geschichte ganz zu schweigen, dass in der Tat alles erlaubt ist. Jedes denkbare Verbrechen wird ausgeführt. Jedes vorstellbare Leid gibt es tausend- und millionenfach. Gäbe es einen Gott, wäre so etwas "nicht erlaubt". Die Menschen wären anders erschaffen, anders beschaffen. Die Ausrede, Gott habe ihnen den freien Willen gegeben, sich für das Böse zu entscheiden, ist theologisch armselig. Denn die Frage bleibt, warum Gott ihnen diesen Willen gegeben hat. Da "alles erlaubt ist", kann es keinen Gott geben.

Gute Menschen tun böse Dinge wegen der Religion

Zum Zweiten zeigt das Verhalten der Gläubigen aller Zeiten, dass mit den Göttern alles erlaubt ist. Es bedarf nicht viel, einen bösen Menschen dazu zu bringen, Böses zu tun; um einen guten Menschen zum Bösen zu verleiten, bedarf es der Religion. Wenn also der Gott des Auserwählten ihm das Verbrechen erlaubt, sei es die Hexenverfolgung oder das Selbstmordattentat, die Vertuschung des Kindesmissbrauchs oder die Fatwa gegen den Apostaten, darf es Gott nicht geben.

Und zum Dritten wäre dieser Satz, sollte er zur Verteidigung der Religion gebraucht werden, das Eingeständnis, dass Gott eine Schöpfung des Menschen ist. Denn dann hieße es: Wir brauchen Gott, um Ordnung zu halten. Dann ist Gott da, damit nicht das erlaubt sei, was uns nicht passt: Mord, Vergewaltigung, Selbstmord, Revolution, Ungehorsam gegen die Eltern, Diebstahl, Prostitution, Ehebruch, Lug und Betrug, Drogen, Pornografie, Abtreibung, PID, Onanie, Schweinefleisch essen, Milchiges und Fleischiges vermischen, Zinsen nehmen, als Frau ohne Kopftuch herumlaufen und so weiter und so fort. 

Wer Gott instrumentalisiert zur Begründung irdischer Ordnung, so wünschenswert sie sein mag, oder als Lückenbüßer für das noch nicht Erklärbare, so fundamental das Unwissen sein mag - der reduziert Gott, der macht ihn zum Instrument seines eigenen Bedürfnisses nach Ordnung und Erkenntnis. Bekanntlich ist dies der Vorwurf, den viele Jesuiten dem Theologen Joseph Ratzinger machen.

Weil es Gott gibt, ist alles erlaubt, sagt der Christ

Im Gegensatz zu Ratzinger hat Jesus von Nazareth die instrumentelle Falle erkannt. "Ist der Mensch für das Gesetz da, oder das Gesetz für den Menschen?", fragt er. Sein Maßstab: der Mensch, nicht Gott. Paulus behauptete, mit seinem Tod am Kreuz habe Jesus den Preis für die Sünde vorweg bezahlt, womit dem "neuen Menschen" alles erlaubt sei. Selbstverständlich finden sich im Neuen Testament Worte von Jesus und Paulus, die das genaue Gegenteil behaupten. Gerade das begründet die darwinistische Fitness des Buchs der Bücher. Aber dass man mit der Bibel alles beweisen kann, ist kein Grund, sich nicht darauf zu beziehen, besonders als Atheist. Denn die Bibel dokumentiert die Entwicklung Gottes von einem Wesen, der jedes Übertreten seiner Verbote persönlich ahndet, zu einem Wesen, das alles erlaubt und die Menschen in die Freiheit entlässt.

Der Christ wäre nach Paulus also einer, der sich für das Gute entscheiden kann, weil er sich nicht fragen muss, was die Strafe für das Böse wäre. So geht es dem Atheisten auch. Weil es Gott gibt, ist alles erlaubt, sagt der Christ. Weil es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt, sagt der Atheist. Lasst uns überlegen, was wir mit dieser Freiheit anfangen, könnten beide sagen, wenn die modernen Sadduzäer und Pharisäer nicht sagen würden: "Gott sei Dank, ich bin nicht so wie diese." (derStandard.at, 21.4.2011)

Autor

Alan Posener, The European, studierte an der FU Berlin Anglistik und Germanistik. Seit 1999 arbeitet er für die Welt und Welt am Sonntag. Alan Posener schrieb Bücher über John Lennon, John F. Kennedy, Elvis Presley, William Shakespeare, Franklin D. Roosevelt und die Jungfrau Maria

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13 Postings
Posener wirft mit Scheinargumenten herum...

Wir brauchen Gott nicht, um die Moral zu begründen.

Aber es ist einsichtig: Wenn es Gott nicht gibt, dann gibt es auch keine umfassende Gerechtigkeit.

Wenn es Gott gibt, dann ist es zumindest denkbar, dass es eine umfassende Gerechtigkeit gibt, weil sich der Mensch dann vor Gott verantworten muss.

Wenn nicht jetzt, dann im Angesicht Gottes.

Genau: "Mit Gottes Hilfe" Siedlungen im Westjordanland bauen und 1000 Jahre alte Olivenbäume verbrennen.

"Im Namen Gottes"... Aber es ist der Gott dieser Weltzeit...

hoch gepriesen sei die philosophie, da kann man viel reden, diskutieren, alles und jedes in frage stellen oder thesen aufstellen, mitten in die welt oder doch knapp daneben.

Widerspruch!

Es gibt auch eine Phiolosphie, die nicht erst seit heute Morgen beginnt existentielle Fragen zu stellen! (Und ganz und gar nicht beliebig ist)

Man muß auch das Rad nicht jedesmal neu erfinden, wenn schon der Osterverkehr auf den Autobahnen zu stauen beginnt:

es gibt schon lange eine Moral, die ganz ohne Gott auskommt und trotzdem nicht unmenschlich ist: zB Kants kategorischer Imperativ, die allgemeinen Menschenrechte, oder noch früher fragte sich Platon, aufbauend auf Sokrates ''was ist gerecht?'' (vieles klingt überraschend modern, anderes verstört zugegeben)

Und an Gott kann man eben glauben oder auch nicht! Logische Gottesbweise (Gott zu verleugenen würde zB indirekt seine Existenz beweisen) sind alte Hüte aus dem Mittelalter!

Ich glaube,

er hat Dostojewsky nicht gelesen.

guter artikel

nur finde ich:
das 1. argument spielt mit dem Wortbedeutungsunterschied von "erlauben" im sinne von "ermöglichen" (der autor) und im sinne von "(straflos) dürfen" (wie ich dostojewski verstanden hätte).
das 2. argument zielt auf einen umkehrschluss. wenn ohne gott alles erlaubt ist, heisst das, für den fall das (offensichtlich) eh alles erlaubt ist, kann es keinen gott geben. das ist nicht zwangsläufig schlüssig (es könnte ja mit und ohne gott alles erlaubt sein)
das 3. argument aber ist für mich das stichhaltigste und kann nicht oft genug ausgesprochen werden: ein gott, den es gibt (geben muss), weil ihn die menschen zum gedeihlichen zusammenleben brauchen, ist armselig.

Das dritte Argument wäre ein Funktionalisierung Gottes.

Dennoch: Wenn es eine unbedingt liebende, unüberbietbar vollkommene Wirklichkeit gibt, die wir, wenn wir wollen, Gott nennen, dann sind unsere Liebesmühen nicht vergeblich (wie wir hoffen dürfen).

Und: Wenn es diesen Gott gibt, dann gibt es einen Maßstab, dem wir uns annähern können und sollen.

"Seid barmherzig, wie es euer Vater im Himmer ist", sagt Jesus.

naja

haette er "lest Leibnitz" geschrieben, es waere ein besserer Artikel geworden

böse?

"es gibt keine bösen menschen. ich hab noch nie einen bösen menschen gesehen. aber ich habe schon sehr viele sehr dumme menschen gesehen."
(Don Juan Matus)

an sich ist es gott absolut gleichgültig, ob er existiert oder nicht, aber was die religionen aufführen, übersteigt seine unendliche toleranz. und weil er der totale widerspruch ist, glaubt er selbst, mensch zu sein, obwohl er keine ahnung hat, was das bzw. das ganze bedeuten soll. ist es ein film? oder hat er zuviel nichts geschluckt? wieso frage ich mich das? mit dem fragen beginnt die religion mit ihren scheiss-antworten.

Genau! Wir sollten besser an der Einführung des bedingungslosen Grundeinkommen arbeiten. ;)

allerdings

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