Österreich auf Stromimporte angewiesen

21. April 2011, 10:18
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Deutsche Atom-Moratorium könnte sich auf Österreich auswirken, die Strompreise steigen

Wien - Mittelfristig könnten die Strompreise für Endkunden wegen des deutschen Atom-Moratoriums auch in Österreich steigen. Schon während der Erklärung der deutschen Bundeskanzlerin zum Aussetzen der Laufzeitverlängerung für die deutschen Atomkraftwerke seien die Preise an der Strombörse um 1,50 Euro pro MWh in die Höhe geschnellt, sagte Erwin Mair, Stromhandelschef der Energie AG.

Mittlerweile liege der Preis bei rund 60 Euro pro MWh und damit um etwa 8 Euro höher als vor dem Moratorium. Allerdings werde in der Stromwirtschaft langfristig eingekauft, weswegen es im Großhandel zu weit größeren Schwankungen komme als beim Endkundenpreis. Früher oder später dürften die hohen Großhandelspreise aber auch ihren Niederschlag beim Konsumenten finden, sagte Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber, Präsident des Interessenverbandes "Oesterreichs Energie".

Österreich auf Stromimporte angewiesen

Angesichts von Diskussionen um ein "energieautarkes" Österreich hält es die heimische E-Wirtschaft nicht für sinnvoll, den nationalen Strommarkt zu isolieren. "Ein Stromsystem kann nur auf europäischer Ebene sinnvoll stattfinden", sagte Anzengruber am Mittwochabend vor Journalisten in Wien. Im Übrigen sei Österreich wegen saisonaler Schwankungen bei der Wasserkraft mehr auf Stromimporte angewiesen, als dies in der aktuellen Diskussion um Atomstrom deutlich werde.

Zwar lägen die Nettoimporte der heimischen E-Wirtschaft "nur" bei etwa 5 TWh (Terawattstunden) pro Jahr, die tatsächlichen Importe beliefen sich über das Jahr verteilt aber auf knapp 20 TWh pro Jahr. Für eine sichere und preislich stabile Energieversorgung sei es daher unabdingbar, als Händler am europäischen Strommarkt aufzutreten, auch wenn dadurch zwangsläufig ein Anteil an Atomstrom in den heimischen Netzen lande. "Strom, der an der Strombörse gehandelt wird, hat keine Herkunftsbezeichnung. Den Verkäufer kennt man erst hinterher", sagte Erwin Mair, Stromhandelschef der oberösterreichischen Energie AG. Die Verbraucher würden vom Stromhandel durch hohe Versorgungssicherheit und stabile Preise profitieren.

Auch zur Forcierung von sauberer Energie aus Wind- oder Sonnenkraft aus anderen EU-Ländern spiele Österreich mit seinen Pumpspeicherkraftwerken eine wichtige Rolle. Der Nachteil der erneuerbaren Energien sei nämlich, dass sie den Strom nicht bedarfsgerecht erzeugen können, also nicht dann, wenn er gebraucht wird. "Windkraftwerke produzieren Strom, wenn der Wind weht", so Anzengruber. Bei der Lösung der Speicherproblematik komme österreichischen und Schweizer Pumpspeicherkraftwerken eine tragende Rolle zu. Mit einem Anteil von 17 Prozent der Pumpspeicherkapazität Europas sei Österreich dabei sogar der Spitzenreiter der Staatengemeinschaft.

"Ein Ausstieg Österreichs aus dem europäischen Stromhandel würde den Ausbau der erneuerbaren Energien in der Stromerzeugung Europas erschweren und steht damit in diametralem Gegensatz zum Ziel einer weitgehend nachhaltigen Stromproduktion", so der Verbund-Chef.

Notwendiger Ausbau der Stromnetze

Ein Punkt, an dem man dringend arbeiten müsse, sei der Ausbau der Stromnetze. "Ohne die wird es nicht gehen", meinte Anzengruber. Früher seien die Kraftwerke möglichst nahe am Verbraucher gebaut worden. "Windkraftwerke stehen aber nun mal da, wo der Wind weht." Die leistungsfähige Anbindung Österreichs an Deutschland sei heute eine der wenigen zwischenstaatlichen Verbindungen in Europa, die keine Engpässe aufweist. "Eigentlich ist das Problem auf europäischer Ebene anzugehen. Das ist aber naturgemäß schwierig", sagte Mair.

Auch als Anbieter von Ökostrom-Zertifikaten tritt Österreich am europäischen Markt in Erscheinung. Dabei können Stromhändler, die ihren Strom über die Börse beziehen, ihrem Produkt dennoch ein "grünes Mascherl" verpassen. Kritiker meinen, damit würde Kohle- oder Atomstrom grün gewaschen. Im Grunde sei dieses System aber durchaus sinnvoll und alternativlos, weil damit das Geld zu den Ökostrom-Erzeugern fließe, so Anzengruber. Wichtig sei, dass es ein verlässliches System und keine "wundersame Vermehrung" von Zertifikaten gebe.

Letztlich komme auch auf die Verbraucher eine tragende Rolle zu, da sie über die Wahl des Anbieters und des Tarifs entscheiden können, welcher Strom in das Netz eingespeist wird. Wegen physikalischer Gesetze sei es freilich nicht möglich, "garantiert grünen Strom" an einen bestimmten Haushalt zu liefern, betont die E-Wirtschaft. Durch den Handel von Zertifikaten würde aber garantiert, dass auch die nachgefragte Menge an Strom aus erneuerbaren Energien in den "Stromsee" an der Börse gelangt. (APA)

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    Verbund-Chef Anzengruber

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