Das Handwerk des Gehens

21. April 2011, 17:43
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Allein und zu Fuß von Mariatrost nach Mariazell. Jause und Schlafsack sind Kost und Quartier. Martin Grabner auf einer fünftägigen Pilgerreise

foto: martin grabner

I

Die Stille und die kühle Luft in der Kirche von Mariatrost am Rande von Graz lassen mich kurz verweilen und eine leise Bitte für eine erfolgreiche Pilgerfahrt murmeln. Dann geht es los, und nach der ersten Euphorie macht sich der asphaltierte Weg Richtung Schöckel bald mit dezentem Brennen der Fußsohlen bemerkbar. Das Gespräch mit einer Nordic-Walker-Gruppe bleibt im Gedächtnis: "Gehst nach Mariazell?" "Ja." "Großer Rucksack!" "Ja." "Schlafst draußen?" "Ja". "Sehr cool!"

II

Nach neun Stunden ist Passail noch immer nicht erreicht. Die Füße schmerzen mittlerweile gewaltig. An den kleinen Zehen haben sich riesige Blasen gebildet. Der kleine Bach bietet zumindest kurze Erholung, und die Wasserflaschen können wieder aufgetankt werden. Die Asphaltstraße macht das Gehen fast unerträglich. Wie soll die Pilgerreise mit diesen Problemen die nächsten drei Tage funktionieren? Wann kommt endlich dieser Ort, und wie wird der Aufstieg durch den Wald zum Nachtlager?

III

Langsam wird es dunkel auf dem Weg auf die Alm zur heiß ersehnten Nothütte, dem sogenannten "Ochsenhalt." Wo sind plötzlich die rot-weiß-roten Markierungen hingekommen? Der Weg erscheint falsch. Die Stirnlampe muss her, aber erst einmal im Rucksack in der Dunkelheit gefunden werden. Mit ihr finde ich bald wieder den richtigen Pfad, aber inzwischen ist es stockfinster, und die kleine Hütte einfach nicht zu finden. Kurz vor der völligen Verzweiflung taucht sie aber im Licht der Lampe auf. Gerettet!

foto: martin grabner

IV

Die Notunterstandshütte bietet alles, was das Pilgerherz begehrt. Ein schützendes Dach, eine trockene Schlafstatt und sogar eine Kerze für ein wenig Licht. Zum Kochen von Nudelsuppe und Tee brauche ich aber dann schon auch die Stirnlampe. Auf der kleinen Veranda vor der Hütte später der Blick hinunter auf das hell erleuchtete Passail – und viel Müdigkeit, aber auch viel Zufriedenheit über das erreichte Tagesziel. Im Schlafsack dann die Frage vor dem Einschlafen: Was kommt morgen?

V

Das Frühstück war ausgiebig und bringt Energie für den weiteren Aufstieg auf die Sommeralm. Die Zehen gewöhnen sich leider sehr langsam an die schmerzenden Bergschuhe. Aber bergauf und auf dem weichen Waldboden ist es im Moment nicht ganz so schlimm. Ein Bauer, der gerade seine gefällten Holzstämme verarbeitet, blickt kurz auf: "Wo kommst denn her?" "Vom Ochsenhalt." "Wo gehst denn hin?" "Nach Mariazell!" "Zu Fuß? Da musst du aber viele Sünden zum Abbüßen haben!"

VI

Der Weg über Sommeralm und Teichalm zieht sich. Das vorgenommene Tagesziel auf der Stanglalm rückt in immer größere Ferne. In meinen Gedanken berechne ich die weiteren Tagesetappen – und verzweifle zusehends. Ich kann mit den schmerzenden Zehen nicht so schnell gehen. 1. Konsequenz: eine Tagesetappe mehr, dann müsste es funktionieren. 2. Konsequenz: ein starkes Schmerzmittel, von Mutter vorsorglich in den Rucksack gepackt, soll die Tortur mit den blutigen Zehen ein wenig erleichtern.

foto: martin grabner

VII

Nach knapp acht Stunden hat die zweite Etappe ein versöhnliches Ende gefunden. Es regnet mittlerweile, aber der zugegeben nicht ganz legale Schlafplatz schützt davor. Eine Quelle mit Wasser gibt es hier auch in der Nähe. Das Kochen, Essen und Biwakieren findet sehr unauffällig und versteckt statt – immer mit der Angst, erwischt zu werden. Mein Herz schlägt stärker, als kurz vor Dunkelwerden ein Traktor ganz nahe vorbeifährt und sein Scheinwerferlicht durch den Holzverschlag leuchtet. Doch er fährt weiter.

VIII

Die zusätzliche Tagesetappe lässt mich am nächsten Morgen entspannt losmarschieren. Die Schmerztabletten wirken auch ganz gut. Der lange Anstieg auf die Stangl-alm lässt die Gedanken immer wieder in die Ferne schweifen. Schritt für Schritt gehe ich, wie in Trance. Es gibt viele Schneefelder auf der Alm und dazwischen riesige, gefrorene Lacken auf dem Hohlweg. Ein falscher Schritt – ich rutsche aus – und sitze plötzlich in einer sehr kühlen "Badewanne." Die nasse Kleidung klebt am Körper. Trotzdem muss ich lachen.

IX

Später Nachmittag, herrlich warmes Wetter und ein kurzes Wiedersehen mit der Zivilisation in Form des kleinen Ortes Mitterdorf im Mürztal. Jetzt gilt es, den gut einstündigen Anstieg zur Hundskopfhütte zu bewältigen. Es werden schier endlose und mühsame eineinhalb Stunden. Die Hütte ist geschlossen. Auf der Veranda dienen zwei zusammengeschobene Bänke als Nachtlager. Ich muss mit dem Wasser genau haushalten, da es hier nichts gibt. Trotzdem wird es das schönste Nachtlager auf der Pilgerfahrt.

foto: martin grabner

X

Sonntagmorgen, und die Königsetappe über die Veitsch wartet. Wie viel Schnee wird es oben geben? Sechs Stunden zeigt der Wegweiser auf die Rotsohlalm. Dann noch gute zwei Stunden bis zum Niederalpl-Pass – das muss einfach zu schaffen sein. Beim letzten Anstieg auf die Alm ist er dann sehr massiv vorhanden, der Schnee. Immer wieder sinke ich bis zum Knie ein. Die Gamaschen schützen vor Nässe, aber es ist extrem anstrengend und vor allem so zeitraubend. Ich muss zum Niederalpl – um jeden Preis!

XI

Sonntagabend, 18.30 Uhr. Das Gasthaus am Niederalpl-Pass lockt gewaltig. Schnitzel, Bier, ein weiches Bett. Der Wegweiser richtet seinen Pfeil aber bergwärts: Weißalm, eine Stunde Gehzeit. Das müsste jetzt auch noch zu schaffen sein und bringt für morgen einen feinen Vorsprung, denke ich mir, während ich mich den steilen Pfad hinaufkämpfe. Auf der Alm liegt noch ordentlich Schnee, und es weht ein kühler Wind. Das Schlaflager auf der Bank ist nicht sehr bequem, die Nacht wird unruhig, aber das Ziel ist ja schon sehr nah.

XII

Laut Plan sind es noch fünf Stunden bis Mariazell. Voller Euphorie starte ich am Morgen und werde sehr schnell wieder gebremst. Noch mehr Schnee auf den Almwegen am Herrenboden und hinunter nach Schön-eben, diesmal hüfttief. Der Rucksack wird zum Rasten abgelegt, die danebenliegende Kameratasche purzelt plötzlich fast hundert Meter einen Schneehang hinunter. Ich verliere kein lautes Wort über diese halbstündige Fleißaufgabe und kämpfe mich hinunter, um meine Kamera zu holen.

foto: martin grabner

XIII

Jetzt liegt nur noch der letzte Aufstieg über den berühmten Kreuzberg nach Mariazell vor mir. 45 Minuten steht auf dem Hinweisschild. Oben angekommen, gibt es den ersten Blick auf die riesige Kirche. Ein Wanderer kommt entgegen: "Jetzt hast du es nicht mehr weit. Von wo kommst denn?" "Graz, Mariatrost." "Ich komme von Eisenstadt, und jetzt gehe ich auf dem Wiener Wallfahrtsweg zurück." "Dann wünsche ich dir viel Glück und gutes Wandern", sage ich und ziehe meinen Hut vor dieser Leistung.

XIV

Die Kirche kommt immer näher, doch die letzten Schritte werden noch einmal zu einer besonderen Prüfung. Plötzlich ein Sturm, starker Regen, ich flüchte förmlich in die Kirche. Drinnen herrscht Ruhe, bis jemand auf der Orgel zu spielen beginnt. Wahrscheinlich wird gerade etwas repariert oder ausprobiert, aber es klingt großartig, und mir rollen nach all den Anstrengungen und ob dieser gewaltigen Begrüßung einfach nur die Tränen runter. Danke für dieses Erlebnis, sage ich beim Anzünden der Kerzen in der kleinen Kapelle.

foto: martin grabner

(Martin Grabner/DER STANDARD/Rondo/22.04.2011)

Pilgern nach Mariazell

Allgemeine Information: Die Mariazellerwege werden immer mit der Wegnummer 06 bezeichnet und führen aus mehreren Bundesländern Österreichs zum Wallfahrtsort in der Obersteiermark. Der komplette steirische Mariazellerweg führt auf rund 240 Kilometern, ca. 6200 Höhenmetern, über zehn Tagesetappen von Eibiswald nach Mariazell.

Am Start der 8. Tagesetappe, beim Alpengasthof „Auf der Schanz" teilt sich der Weg in zwei Varianten: A: über die Stanglalpe, Mitterdorf im Mürztal, Rotsohlalm auf der Veitsch, Niederalpl und Wetterinalm nach Mariazell. B: über das Geburtshaus Roseggers, Alpl, Krieglach, Veitsch, Mürzsteg und Buchalpenkreuz nach Mariazell.

Genaue Informationen über die Etappenlängen und Übernachtungsmöglichkeiten in Gasthäusern und Hütten am Weg gibt es unter: www.pilgern.info, www.pilgerwege.at

Buchtipp: Wanderführer (Wegbeschreibung): Erika und Franz Käfer: „Pilgerwege nach Mariazell", Band West+Süd, Verlag Styria, Graz 2009, 208 Seiten, € 16,95, ISBN: 978-3-222-13262-9

grafik: der standard
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