Gefrorene Albträume

21. April 2011, 17:04
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Bill Callahan ist der große Mysteriöse unter den US-Songwritern. Sein neues Album heißt "Apocalypse" und ist ein weiteres Meisterwerk

Das Spannungsfeld, dass der Widerspruch zwischen Distanziertheit und Intimität gebiert, hat Bill Callahan zu seinem Arbeitsgebiet erklärt. Ihn umgibt die Aura derer, die in wenigen Worten große Dinge zu beschreiben vermögen. Das schafft eine Autorität als Erzähler, die nur wenige Singer-Songwriter so abschlagslos ihr Eigen nennen wie der 44-jährige US-Amerikaner. Als seltsam wird er beschrieben, als distanziert, wortkarg, scheu. Ein Außenseiter in einem Geschäft, in dem er eher zufällig gelandet ist und dessen Gesetze ihm zuwider sind. So konnte man ihn bei seinem ersten Wien-Auftritt in den 1990ern noch mit dem Rücken zum Publikum spielen sehen. Ziemlich deppert, aber auch irgendwie passend, weil so unpassend.

Damals wuchs er gerade erst in seine Kunst hinein, veröffentlichte als Smog karge Folkplatten, die ihn in die Nähe von Will Oldham alias Bonnie "Prince" Billy rückten, der sich damals noch Palace Brothers und Ähnliches nannte. Doch während Oldham durch seinen enormen Output so etwas wie ein kleiner Star wurde, blieb Callahan ein Mann im Schatten. Trotz zwingender werdender Arbeiten mit Smog, wie etwa dem herausragenden Dongs Of Sevotion.

Seit 2007 veröffentlicht Callahan nun unter seinem eigenen Namen, eben ist sein drittes Studioalbum erschienen: Apocalypse. Wie sein Vorgänger Sometimes I Wish We Were An Eagle, auf dem er in Songs wie Faith/Void einem lethargischen Atheismus das Wort redete, spielt er auf Apocalypse mit zutiefst persönlichen Motiven, die nur zwischen den Zeilen so etwas wie eine größere Bedeutung erlangen. Die Ausnahme: America!, der "Hit" des Albums, der quasi explizit politisch ist, und in dem Callahan mit Formulierungen wie "Captain Kristofferson" oder "Sargeant Cash" seine "Army" umreißt und erstmals jenen Verdacht bestätigt, den Deuter seiner Musik längst erkannt haben: Callahans Nähe zu Typen wie Kris Kristofferson oder Johnny Cash - auch eher als Erzähler denn als Schwätzer bekanntgeworden.

Aber man muss Callahan gar nicht mit derlei Vergleichen schmeicheln. Sein Bariton, der sich selten mehr als eine gefrorene Empathie erlaubt, besitzt auch so eine faszinierende Anziehungskraft. Hinzu kommt der Sog der Musik, die so ökonomisch ist wie seine Texte. Da wird keine Note zu viel gespielt, Callahan leitet einen strengen Orden, der keinen Klimbim duldet.

Diesen Eindruck unterstreichen die Konzerte Callahans. Mittlerweile spielt er mit voller Band, erfreut das Publikum mit seiner Vorderseite, aber mehr als ein knappes "Thank you" als zwischenmenschliche Regung ist selten drinnen, nicht einmal für ein Porträt in der New York Times überwand er diese Verschlossenheit. Man soll das natürlich nicht überbewerten, denn da droht gleich Dylan'sche Legendenbildung, aber bei Callahan ergeben Musik und Erscheinung eine derartig stimmige Symbiose, dass man sie nur schwer nicht miteinander in Verbindung bringen kann.

Und dann die Texte: Auf dem neuen Album beerdigt er ein Baby, stattet den Begriff Freiheit bis zur Beklemmung mit Zweifeln aus oder erlaubt in erwähntem America! Einblicke in seine Melancholie: strenger Sprechgesang, ein repetitives Grundgerüst, dem die Basstrommel Gewicht verleiht, dazu grimmiger Feedbacklärm und kurze, gewürgte Soli, die wie kleine Gefühlsregungen wirken. Aber sofort gewinnt er die Fassung zurück, die er ohnehin nie verliert, singt wieder distanziert, als ginge ihn das alles nichts an, von Afghanistan oder dem Iran. Und man kann nur ahnen, was er tatsächlich denkt, auf jeden Moment der Schönheit folgt ein Albtraum. Bill Callahan ist der große Mysteriöse der US-Songwriter - und er wird immer noch besser.

Apocalypse? Now! (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2011)

Bill Callahan: Apocalypse (Drag City / Trost)

  • Artikelbild
    foto: drag city / trost
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