Diplomatisches Schweigen ist ihr Geschäft

20. April 2011, 19:23
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Queen Elizabeth II wird 85 - Mit politischen Äußerungen hat sie sich den Mund verbrannt, an Ruhestand denkt sie nicht

Wie gut, dass es auch noch den zweiten Samstag im Juni gibt. An jenem Tag feiert Großbritannien den "offiziellen Geburtstag" seiner Königin mit einer festlichen Truppenparade. Was als Sommerfest für den im November geborenen Edward VII (1901-1910) begann, vergrößert seit 1952 auch Queen Elizabeths II Chance auf eine Party im Londoner Sonnenschein.

In diesem Jahr hat die Königin besonderen Grund zur Dankbarkeit für den Sondertermin. Ihr Geburtstag heute, Donnerstag, wird gleich von zwei Anlässen übertrumpft. Schließlich handelt es sich um den Gründonnerstag, an dem der englische Monarch traditionell nach der Feiertagsmesse Geld an Arme und Bedürftige verteilt -die zeremonielle Fußwaschung kam schon im 18. Jahrhundert aus der Mode. Der Schauplatz des Royal Maundy ist diesmal Westminster Abbey, wo in der Woche nach Ostern das nächste Großereignis gefeiert wird: An gleicher Stelle heiratet am 29. April Elizabeths Enkel William seine Freundin Kate Middleton.

Überschattet?

Ob sich Elizabeth Alexandra Mary, Oberhaupt des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland, Führerin des Commonwealth, Verteidigerin des Glaubens, dieser Tage ein wenig überschattet fühlt von der Braut und zukünftigen Königin? Immerhin jährt sich ihr Geburtstag zum 85. Mal - unter Normalsterblichen wäre das durchaus Anlass für eine ordentliche Feier. Oder überwiegt die Erleichterung, weil die Hochzeit die Thronfolge zu sichern verspricht?

Darüber kann man nur spekulieren. Denn in der globalisierten Medienwelt des 21. Jahrhunderts, wo Tsunamibilder binnen Sekunden per Internet um die Welt gehen, wo Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher im Vormittags-TV ihre Sexprobleme besprechen, schweigt diese Frau. Redet nicht über ihre Launen, ihre Vorlieben und schon gar nicht über die Gespräche mit ihren Premierministern.

Vierzehnmal wurde während Elizabeths Amtszeit das Unterhaus neu gewählt, zwölf Premierminister hat sie zum allwöchentlichen Gedankenaustausch empfangen. Der vorläufig letzte, David Cameron, wurde erst gut 14 Jahre, nachdem Elizabeth II im Februar 1952 ihrem Vater Georg VI nachfolgte, geboren.

Sie war damals "verheerend schlecht ausgebildet", sagt die Geschichtsprofessorin Jean Seaton, und sei heute doch "eine intelligente Frau" mit tiefen politischen Einblicken. Kein Wunder nach 60 Jahren Aktenstudium, nach Gesprächen mit allen politischen Größen dieser Welt.

"Das größte Fehlurteil" 

Vergessen die Sünden ihrer ersten Amtsjahre, als sie sich in der Nachfolgediskussion vorzeitig zurückgetretener Premierminister zweimal von einer Fraktion der Konservativen Partei manipulieren ließ - "das größte politische Fehlurteil ihrer Amtszeit", wie der beste Queen-Biograf Ben Pimlott glaubt. In den Achtzigerjahren wirkte die Königin im Verborgenen als einzige effektive Opposition gegen Margaret Thatcher.

Zuletzt stellte Sie den Ökonomen jene Frage, die Millionen Bürger beschäftigt: "Warum haben Sie die Finanzkrise nicht vorhergesehen?" Was wäre diese Frau für eine Fundgrube für Zeitgeschichtler! Doch das diplomatische Schweigen bleibt ihre Domäne, auch im neunten Lebensjahrzehnt. Abgesehen von kleinen Wehwehchen wirkt die Monarchin rüstig wie je und eh. Sie selbst sagt von sich: "Unter meinen Altersgenossen gelte ich als ziemlich gut erhalten."

Fragen nach dem wohlverdienten Ruhestand wimmeln die Sprecher Ihrer Majestät schon seit Jahren ab. Die Queen sei entschlossen, "ihre Amtszeit zu Ende zu führen". An Elizabeths Sinn für Pflichterfüllung hegt niemand Zweifel. Dem Enkel und dessen zukünftiger Frau dürfte es recht sein: Je länger die Monarchin am Leben und Charles der Thronfolger bleibt, desto mehr Zeit bleibt William und Kate für ein einigermaßen normales Familienleben. (Sebastian Borger, DER STANDARD Printausgabe, 21.4.2011)

  • Elizabeth Alexandra Mary gestern und heute: die Queen am 2. Juni 1953 bei der Krönung ...

    Elizabeth Alexandra Mary gestern und heute: die Queen am 2. Juni 1953 bei der Krönung ...

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    ... (re.) und mit über 80 Jahren auf dem Weg ins Parlament

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