Hokuspokus-Theater an der baltischen See

20. April 2011, 18:23
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Die schönsten Theaterhäuser von St. Petersburg haben nun eine Woche lang den 14. Europäischen Theaterpreis beherbergt

Nachdem die letzten Eisschollen auf der Neva geschmolzen waren, erhielt Peter Stein den Hauptpreis.

Das einstige Ansinnen der Europäischen Kommission, mit dem 1986/87 gegründeten Europäischen Theaterpreis die interkulturellen Beziehungen zu fördern, hat der finnische Theatermacher Kristian Smeds in diesem Jahr mit klaren Worten verworfen. Eine Verbrüderung, wo es keine gibt, könne er nicht eingehen. Der 41-Jährige arbeitet vorwiegend in seiner Heimat und den baltischen Staaten. Einmal hat es ihn nach Brüssel verschlagen (Mental Finland, 2009), eine denkwürdige Veranstaltung. Mit zentraleuropäischer Mentalität habe er nichts gemein, so Smeds. Und in der Tat trägt die nach St. Petersburg mitgebrachte Produktion Mr. Vertigo verstörende Charakterzüge: Die nach einem Roman von Paul Auster inszenierte Show wirkt so, als würden Rage Against the Machine Theater machen - böse Träume aus männlichen Gehirnen.

Mit einem aus dem üblichen Rahmen fallenden Haus- und Gartentheater frei nach Tschechows Kirschgarten ist der finnische Regisseur übrigens Ende Mai bei den Wiener Festwochen zu sehen.

Smeds ist aber nicht der einzige, dem in St. Petersburg auffiel, wie unterschiedlich die Theaterstile in Europa sind, wie sehr einerseits die Geschmäcker divergieren, wie verschieden und zum Teil schwer decodierbar auch die Ausdrucksweisen sind.

Kristian Smeds war in St. Petersburg einer von sechs eingeladenen Theatermachern- und gruppen, die von einer internationalen Jury den Preis für "Neue Theaterrealitäten" zugesprochen bekamen: das portugiesische Theater Meridional, der tschechische Regisseur Viliam Doèolomanský, der Russe Andrey Moguchiy, die britische Regisseurin Katie Mitchell und das isländische Vesturport Theater.

Dass die Qualität der Produktionen deutlich schwankte und im Vergleich zur Austragung vor zwei Jahren in Breslau noch weiter abgefallen ist, wirft kein gutes Licht auf den Europapreis, der eigentlich Premio Europa per il Teatro heißt. Zudem irritierte auch die Tatsache, dass ausgerechnet von der weit und breit einzigen Frau in dieser dem Loben und Preisen dienenden Veranstaltung, Regisseurin Katie Mitchell, keine Produktion in St. Petersburg zu sehen war. Finanzielle Gründe wurden dafür angegeben.

Einzig das Vesturport Theater aus Reykjavík, das sich in aller Bescheidenheit am Cirque du Soleil orientiert, konnte sich hier behaupten. Die 2001 von vier Theaterstudenten gegründete Gruppe befasst sich mit der Neuadaption von Klassikern; in St. Petersburg waren sie mit einer eigenen Version von Franz Kafkas Verwandlung zu Gast, in der sich die Beklemmungszustände der zu einem Käfer mutierten Hauptfigur vor allem über Raumempfindungen ausdrücken. Ein zugleich aus zwei Perspektiven zu betrachtener Querschnitt eines Hauses (Erdgeschoß: horizontal; erster Stock: aus der Vogelperspektive) offenbart die Zugriffe einer Familie auf ihren im Mansardenzimmer zum Fremdling gewordenen Sohn. Waghalsige Akrobatik (Gisli Orn Gardarsson) macht dieses Raumkonzept glaubhaft.

Auch hinter ihrem als effektvoller Trash-Show verkleideten Faust verbirgt sich ein schlüssiges Konzept. Den Isländern ist es vergönnt, den bleischweren bildungsbürgerlichen Dramenschatz über den leichtsinnigen Gelehrten als spannendes Hokuspokus-Theater zu inszenieren. Dabei leistet das Soundsystem (Genickbrüche in der Walpurgisnacht!) allerbeste Arbeit und wird ein über die Köpfe des Publikums gespanntes Netz zur Verlängerung der von Mephisto beherrschten Bühne.

Guter Platz für Peter Stein

Mit dem mit 60.000 Euro dotierten Hauptpreis wurde dieses Jahr der deutsche Regiestar Peter Stein ausgezeichnet (der Standard berichtete). Ihm gehen Preisträger wie Ariane Mnouchkine, Robert Wilson oder Heiner Müller voraus. St. Petersburg, die europäischste aller russischen Städte und das langjährige Zuhause von Dostojewski, war für Steins Ehrung der richtige Schauplatz. Die Russen lieben den Altmeister und er sie. "Meine Kunst ist ohne das russische Theater nicht denkbar", sagte er bei dem ihm gewidmeten Symposium.

Stein zog ein mit dem Zerbrochnen Krug vom Berliner Ensemble (mit Klaus Maria Brandauer) und wurde dafür im bombastischen Saal des Baltischen Hauses an der Petrograder Stadt-Seite, jenseits der noch die letzten Eisschollen spazieren führenden Neva, mit Zuspruch aufgenommen; auch wenn so mancher nichtdeutschsprachige Zuseher sich trotz des Übersetzungsbandes vor ein Rätsel gesetzt sah. Seine Faust Fantasia zeigte Stein im Anschluss an die russisch-prächtige, mit echtem Pferd, Birkenwäldern und feierlichen Chören absolvierte Gala im goldbeladenen Alexandrinsky Theater, das erste professionelle Theater Russlands (1756).

Dass so ein Theaterleben lange währen kann, dafür ist Yuri Ljubimov ein vitales Beispiel. Die russische Theaterlegende, Jahrgang 1917, erhielt unter Standing Ovations den Spezialpreis und meinte, am Sowjet-Erbe immer noch schwer zu tragen. "Das hält sicher noch 50 Jahre". (Margarete Affenzeller aus St. Petersburg/ DER STANDARD, Printausgabe, 21.4.2011)

  • Franz Kafka auf Isländisch: Gisli Orn Gardarsson und Nina Dogg 
Filippusdottir 
(Vesturport Theater) in einer Bearbeitung der "Verwandlung" - 
ausgezeichnet mit 
dem Preis für "Neue Theaterrealitäten".
    foto: eggert jonsson

    Franz Kafka auf Isländisch: Gisli Orn Gardarsson und Nina Dogg Filippusdottir (Vesturport Theater) in einer Bearbeitung der "Verwandlung" - ausgezeichnet mit dem Preis für "Neue Theaterrealitäten".

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