Energiesparen ohne Komfortverlust?

20. April 2011, 18:10
89 Postings

Solange sich unser Protest gegen den Istzustand der Energiepolitik in Petitionen gegen Atomkraft erschöpft, wird sich kaum etwas ändern

Solange sich unser Protest gegen den Istzustand der Energiepolitik in Petitionen gegen Atomkraft erschöpft und wir uns einreden (lassen), es gäbe eine ökologische Trendwende zum Nulltarif, wird sich am Status quo kaum etwas ändern.

***

Seit einigen Wochen beschäftigt sich die öffentliche Diskussion - besonders in Österreich, das nur ein "Atomkraft-Museum" beherbergt - wieder mit der Frage des Ausstiegs aus der Atomenergie. Aus österreichischer Sicht: mit dem Atom-Ausstieg in den anderen Ländern. Der einfache und bequeme Standpunkt, dass es ohne Zwentendorf ja auch geht, lässt sich aufgrund von Schätzungen eines Atomstromimports in Höhe von 5% des Stromverbrauchs allerdings nicht mehr durchhalten.

Konsequenterweise verlagert sich die Diskussion daher auf Energieeinsparung (Energieeffizienz) und erneuerbare Energieträger. Dabei werden wir täglich mit Szenarien von wundersamen Einsparungsmöglichkeiten von 80% und mehr unseres Energieverbrauchs in den nächsten 40 Jahren konfrontiert, und zwar immer - Adressat ist ja die Politik - "ohne Komfortverlust". Entgegen der Feststellung Mark Twains, dass "Prognosen schwierig sind, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen", blickt man bei Szenarien zur Reduktion des Energieverbrauchs viel lieber in die Zukunft als in die Vergangenheit.

Verbrauch wächst stetig

Das ist auch nur zu verständlich: der Verbrauch von Elektrizität ist in den letzten 20 Jahren in etwa so stark gestiegen wie das BIP. Das wiederum bedeutet, dass es für Elektrizität bisher keine (in Zahlen: null) Effizienzsteigerung auf der makroökonomischen Ebene gegeben hat. Wie ist das vereinbar mit dem Befund, dass die elektrischen Geräte im Einzelfall sehr wohl effizienter geworden sind?

Hier kommen die zahlreichen sozio-ökonomischen und technologischen Treiber des Energieverbrauchs und der lange vernachlässigte "Rebound-Effekt" zum Tragen. Ich kann mir heute zwar keinen energetisch derart ineffizienten Kühlschrank, Geschirrspülmaschine, Waschmaschine, etc., wie vor 20 Jahren mehr kaufen (da es das gar nicht mehr gibt), aber ich kann mir größere Geräte kaufen, sie öfter benützen, da durch die Energieeinsparung die "Energiedienstleistung" billiger geworden ist ("Rebound-Effekt") und - last but not least - die Ausstattung der Haushalte mit diesen Geräten ist besser.

Dazu kommt eine steigende Ausstattung mit neuen Geräten, wie leistungsfähigen PCs und Plasma-TV-Bildschirmen, die man sich vor 20 Jahren nicht vorstellen konnte. Ein Nebenaspekt dabei ist, dass Österreichs Bevölkerung in den letzten 20 Jahren - parallel zu allen demographischen Schrumpfungsszenarien - nicht unerheblich gewachsen ist; auch das ist ein Treiber für Energieverbrauch.

Im Wesentlichen ist festzuhalten, dass die Entwicklung des Energieverbrauchs, insbesondere des Stromverbrauchs trotz Effizienzsteigerung sehr dynamisch ist, da die "Energiedienstleistungen" sehr dynamisch wachsen und direkt an das BIP-Wachstum gekoppelt sind. Der Stromverbrauch der Haushalte ist seit 1990 um ca. 2% pro Jahr gestiegen, wobei die Effizienz der Stromanwendung in den Haushalten ebenfalls um 1% pro Jahr gestiegen ist. Fazit: die "Energiedienstleistungsnachfrage" nach Stromanwendungen ist um 3% pro Jahr gestiegen. Gerade die Energiedienstleistungsnachfrage ist es aber, die den Komfort beschert, da sie das Bedürfnis nach Information, Unterhaltung, Mobilität etc. befriedigt. Gleichzeitig finden äußerst sinnvolle und geradezu notwendige Maßnahmen zur Reduktion der Energienachfrage nach Kohle, Öl und Gas statt, die den Stromverbrauch weiter antreiben. Die seit Jahrzehnten im Zusammenhang mit Energie- und Klimapolitik diskutierte und seit Jahren auch äußerst erfolgreich durchgeführte thermische Gebäudesanierung und der technische Fortschritt im Neubau treiben tendenziell den Stromverbrauch weiter an: Regelung, Steuerung, Wärmepumpe, etc. .

Natürlich kann jedes Land, jede Region, unter Zwang, den Energieverbrauch reduzieren, wenn es unumgänglich ist, und auch "energieautark" werden. Dafür steht im Notfall auch die Rationierung als Maßnahme zur Verfügung. Da gibt es dann auch - wie ich selbst vor fünf Jahren in Kalifornien erleben durfte - das Internet-Café ohne Elektrizität, also ohne Internet und ohne Kaffee (und ohne Klimatisierung). Ich überlasse es dem Leser zu beurteilen, ob das einen Komfortverlust darstellt (die Polstersessel, auf denen man im Dunkeln sitzen konnte, waren jedenfalls komfortabel).

Es wäre daher fahrlässig, nicht darauf hinzuweisen, dass massive Absenkungen unseres Energieverbrauchs mit massiven Veränderungen unserer Konsum- und Produktionsweisen verbunden wäre. Unsere ökonomische Entwicklung, speziell der letzten 20 Jahre, beruht auf hohem inländischen und ausländischem (Importe aus Schwellenländern) Energie- und Ressourcenverbrauch. Das wird sich erst ändern, wenn die prinzipielle absolute Begrenztheit von Energie und Ressourcen deutlich spürbar ist. Davon sind wir aber (noch) weit entfernt, so sind z. B. die Treibstoffpreise real noch immer niedriger sind als 1980/81.

Auch der neueste Fahrplan der EU-Kommission für eine "low carbon economy", der bis 2050 eine Reduktion der CO2-Emissionen in Europa um 80% gegenüber dem Niveau von 1990 vorsieht, geht davon aus, dass der Verbrauch von Elektrizität in diesem Szenario in etwa gleich steigen wird wie in der Vergangenheit, d. h. es werden sehr viele (fast alle) Energieanwendungen auf Basis von Elektrizität sein. Besonders dann stellt sich die Frage, wie der Strom in die Steckdose kommt.

Als ein Ausweg bleibt die Forcierung der erneuerbaren Stromerzeugung, in der unzweifelhaft noch einiges Potenzial steckt, auch in Österreich. Das ist - auch unter Berücksichtigung weiterer Kostendegression aufgrund von Lerneffekten in der Erzeugung dieser Technologien (v.a Photovoltaik) - mit massiv höheren Kosten der Stromerzeugung und damit mit höheren Strompreisen verbunden. Diese werden Verhaltensänderungen auslösen, sodass sich das Muster unseres Energiekonsums (wahrscheinlich drastisch) verändern wird.

Nur solange sich unser Protest gegen die Atomkraft weiterhin in Petitionen erschöpft und nicht zu radikalen Einschnitten in unser Energiesystem führt, die zwangsläufig mit massiven Verhaltensänderungen verbunden sind, können wir uns weiterhin an Konzepten erfreuen, in denen wir 80% unseres Stromverbrauchs "ohne Komfortverlust" reduzieren. Nützen wir daher diese Zeit, freuen wir uns und tun wir weiterhin nichts! (Kurt Kratena, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.4.2011)

KURT KRATENA ist Energieexperte am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Achtung Atomkraft! Österreichs Energiepolitik gefällt sich in der Ablehnung von AKW-Strom - wie ernst wird aber an alternativen Zukunftsszenarien gearbeitet, wo ist die Energiewende?

Share if you care.