"Stimmt ja nicht, dass wir in Städten schwach sind"

20. April 2011, 18:05
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Am Tiroler Wesen soll die Volkspartei genesen, ist offenbar das Rezept des neuen Generalsekretärs Johannes Rauch

Standard: Wie redet man Sie korrekt an: Schon "Herr Generalsekretär" oder noch "Herr Landtagsabgeordneter"?

Rauch: Am liebsten ist mir "Hannes Rauch" - Titel sind nicht so das meine. Formal war gestern der Beschluss des Bundesparteivorstands, der mich zum Generalsekretär bestellt hat. Auch das Abgeordnetenmandat lege ich zurück, weil es nicht machbar ist, von Wien aus alle zwei, drei Wochen ins Heilige Land Tirol zu fahren und dort den Abgeordneten zu spielen - das ist keine Form der Politik, wie ich sie mir vorstelle.

Standard: Wie also stellen Sie sich Politik vor?

Rauch: Um in der Parteisekretärssprache zu bleiben: Es geht darum, Politik für die Stammtische zu übersetzen. Wir sind geprägt vom Over-Channeling - ich kann daheim 250 Fernsehsender anschauen. Wenn ich will, kann ich 50 Tageszeitungen auf dem iPad lesen. Aber die Herausforderung für die Politik, auch die Chance, vor allem für die ÖVP, ist, dass der persönliche Kontakt im Vordergrund steht. Neben dem ganzen Tagesgeschäft, der Medien- und Kommunikationsarbeit, ist mir das das Wichtigste. Ich bin selber ehrenamtlich als Stadtparteiobmann meiner Heimatstadt Kufstein tätig, das will ich auch bleiben - weil es wichtig ist, eine Verankerung an der Basis zu haben. Das ist die große Stärke der ÖVP: die starke regionale und kommunale Verankerung mit tollen Funktionären. Das sollte man im Jahr des Ehrenamts betonen.

Standard: Die ÖVP hat die 70er-, 80er- und 90er-Jahre hindurch gesagt: Wir sind die Bürgermeister-Partei, über die Gemeinden führt der Weg auf den Ballhausplatz. Tatsächlich führte er über eine Koalition mit der FPÖ ...

Rauch: Auch wenn ich normal in die Zukunft blicke, sollte man ab und zu in die Vergangenheit schauen; verstehen, dass der Kontakt zu den Bürgern das Wichtigste ist, so schlecht war das nicht.

Standard: Persönlicher Kontakt funktioniert dort, wo der Bauernbund stark ist. Die Schwäche der ÖVP liegt in den Städten. Was ist Ihre Ansage für städtische Wähler?

Rauch: Dass wir ihnen zuhören. Es stimmt ja nicht, dass wir in den Städten schwach sind, bei der letzten Wahl in Tirol haben wir in den Städten zugelegt - wir haben 50.000 Hausbesuche in einer Woche gemacht. Wenn das die Tiroler VP schafft, schaffen es auch die anderen. Aber in Großstädten wird sich die ÖVP etwas überlegen wird müssen. Sebastian Kurz ist eine hervorragende Ansage.

Standard: Wenn er so gut ist, fehlt er dann nicht der schwächelnden Wiener ÖVP?

Rauch: Die ÖVP hat ein riesengroßes Reservoir an guten Politikern, bei Kurz hat Spindelegger das gut erkannt...

Standard: ... aber Wiens ÖVP wird sich rasch neu aufstellen müssen, denn die Wahlen werden in den Städten gewonnen oder verloren?

Rauch: Ich habe Verständnis, dass die Wiener nach einer nicht glücklich gelaufenen Wahl nachdenken und hart arbeiten müssen. Aber eine Wahl wird nicht in Wien gewonnen oder verloren, sondern in ganz Österreich. Wenn wir im ländlichen Raum stark sind, ist das ein Asset. Wenn wir Sebastian Kurz in der Regierung haben, ist das auch eines, denn das wirkt ja auf die Wiener ÖVP zurück. Politik ist auch stimmungsgeprägt - und momentan ist die Stimmung gut. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.4.2011)

(JO) HANNES RAUCH (39) stammt aus Kufstein, war Pressesprecher im Innenministerium und zuletzt Landesgeschäftsführer der Tiroler ÖVP.

  • "Eine Wahl wird nicht in Wien gewonnen oder verloren, sondern in ganz Österreich", sagt Rauch.
    foto: standard/fischer

    "Eine Wahl wird nicht in Wien gewonnen oder verloren, sondern in ganz Österreich", sagt Rauch.

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