Absichtslose Ausdruckswelten

20. April 2011, 17:32
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Uraufführung von Christian Ofenbauer beim Osterfestival Tirol

 

Hall in Tirol - Ein Kyudo-Meister im klassischen Kimono, umringt von einer Schar von Schülern; Batterien von Pfeilen und Bögen nebst all den anderen Utensilien, die beim japanischen Bogenschießen benötigt werden; schließlich das zeremonielle Schießen selbst:

Größte Anspannung der Körper und der Bogensehnen, der Schuss quer durch eine riesige Halle, das eine gefühlte Sekunde später deutlich zu vernehmene Ankommen des Pfeils auf der vibrierenden Zielscheibe, während die Schützen noch in regungsloser Konzentration verharren.

So beginnt üblicherweise kein Bericht über ein Musikfestival; doch boten sich genau diese Bilder am Dienstag im Salzlager Hall beim Osterfestival Tirol. Der Bogenschütze, der da einen siebenstündigen Workshop leitete, war niemand anderer als Komponist Christian Ofenbauer, der dann am Abend am selben Schauplatz die Uraufführung seines vierten Streichquartettsatzes Bruchstück IX (2010) mitverfolgte.

Mechanische Fahlheit

Ofenbauers künstlerische Haltung lässt sich durchaus mit der Philosophie des Zen verbinden: Der Loslösung vom eigenen Selbst in der fernöstlichen Lehre scheint eine zentrale Tendenz seiner neueren Werke ziemlich genau zu entsprechen, nämlich der Abwendung von einer Ausdrucksmusik, der auch Ofenbauer selbst anfangs noch verpflichtet war.

Von Emphase und Expressivität in der Schönberg-Nachfolge hat er sich also abgewendet. An ihre Stelle ist eine beim ersten Hinhören karge, brüchige Musiksprache getreten, die an die "Absichtslosigkeit" amerikanischer Avantgardisten erinnert: Mit fast starrer Langsamkeit tastet sich Bruchstück IX an mechanisch-fahl wiederholten Akkordstrukturen und Mikromelodien entlang. Fast unmerklich beginnen die Repetitionen - ganz ähnlich wie beispielsweise auch bei Morton Feldman - auszufransen und kleinste Varianten zu entwickeln.

Betörender Sensualismus

Ebenso unmerklich verändern sich die Klangvaleurs, mischen sich stets wieder andere geräuschhafte Anteile hinzu. Wie auf der Negativseite musikalischer Emotionalität sind es dennoch reichste Ausdruckswelten, in denen diese Musik resultiert - zumindest in ihrer Wiedergabe durch die Musiker des Quatuor Diotima.

Die Art ihrer interpretatorischen Herangehensweise ist der Haltung Ofenbauers im Grunde diametral entgegengesetzt. Ihre Klanggebung zielt bei aller Akribie auf unmittelbare Sinnlichkeit, wie sich auch beim zweiten Streichquartett von György Ligeti (1968) zeigte: Dessen flüsterndes Huschen spielten sie etwa geradezu betörend sensualistisch, sein hermetisches harmonisches Gefüge klang beinahe kulinarisch.

Und die ziemlich simplen Wiederholungsschleifen der Different Trains (1988) von Steve Reich luden sie mit blitzenden Crescendi und näselnden sprachhaften Gesten auf. Bei Ofenbauers Neuheit, die sich vielleicht noch ein wenig karger spielen ließe, sorgten die vier Streicher jedenfalls mit regungsloser Konzentration für eine Schärfung der Wahrnehmung - wie beim Kyudo. (Daniel Ender/ DER STANDARD, Printausgabe, 21.4.2011)

Das Osterfestival Tirol läuft noch bis Sonntag. 05223/538 08

 

  • Christian Ofenbauer
    foto: standard / andy urban

    Christian Ofenbauer

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