In den Hinterzimmern der schwarzen Macht

22. April 2011, 15:58
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Bei der Aufstellung des ÖVP-Teams hat sich der ÖAAB durchgesetzt - Ein derStandard.at-Porträt des schwarzen Bundes

Lukas Mandl nimmt ein golden gerahmtes Bild in die Hand, es zeigt einen Clown. "Es gibt eine gewisse Verwandtschaft zwischen Clowns und Politikern. Aber selbstverständlich gibt es auch große Unterschiede in der Verantwortung und in der Authentizität", sagt der 32 Jahre junge Generalsekretär des ÖAAB (Österreichischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmerbund) und betrachtet die bunte Zeichnung. "Clowns kommunizieren intensiv mit den Menschen und schenken ihnen Freude." Dann stellt er das Bild wieder auf den Schrank seines Großraumbüros in der Lichtenfelsgasse 7, wo die Volkspartei ihren Sitz hat.

Wäre die ÖVP ein Zirkus und seine Bünde die Clowns, dann wäre der ÖAAB nach der Regierungsumbildung der lachende Clown und der Bauernbund jener mit der aufgemalten Träne und den heruntergezogenen Mundwinkeln. Die Bauernbund-Bilanz im neuen VP-Führungsteam sieht so aus: minus ein Parteiobmann, minus ein Minister, minus ein Generalsekretär. Die Bilanz des ÖAAB: plus ein Generalsekretär, plus ein Parteiobmann, plus ein Minister. Würde man den Partei-freien Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle in den schwarzen Bünden verorten wollen, dann wäre der Beamte wohl auch noch im Arbeitnehmerbund. Unterm Strich hat der ÖAAB nur einen Staatssekretär verloren - an die JVP, den schwarzen Jugendbund.

"Das Wort Zufall wäre kokett"

Ist es Zufall, dass ÖAAB-Obmann Spindelegger als frisch gekürter ÖVP-Chef sein neues Team hauptsächlich aus dem ÖAAB rekrutiert? "Das Wort Zufall würde ich nicht verwenden, das Wort Zufall wäre kokett. Denn jede und jeder Einzelne wurde ja nicht per Zufall ausgewählt, sondern aufgrund von charakterlicher und fachlicher Qualifikation", sagt Mandl. "Aber es ist keine Gesetzmäßigkeit, dass es Verschiebungen im Einfluss von Teilorganisationen gibt." Wie einflussreich ist der ÖAAB innerhalb der ÖVP? "Wir sind als ÖAAB so einflussreich, wie wir unsere Arbeit machen. Und wir sind als ÖAAB so durchsetzungsstark, wie wir gute Konzepte haben und sie durchsetzen können", laviert Mandl.

Gegründet wurde der ÖAAB kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, damals hieß er noch "Österreichischer Arbeiter und Angestellten Bund". Per definitionem ist der ÖAAB die schwarze Fraktion in der Arbeiterkammer (AK). Bei den AK-Wahlen 2009 erhielt der Arbeitnehmerbund 24,9 Prozent, in den erzschwarzen Ländern Tirol (63 Prozent) und Vorarlberg (52,8) wählte ihn die absolute Mehrheit. Dort stellt der ÖAAB auch den Arbeiterkammer-Präsidenten.

Think-tank der Volkspartei

Generalsekretär Mandl sagt: "Wir sind nicht nur ein Arbeiterkammerwahl-Verein. Darauf kann man den ÖAAB nicht reduzieren. Das ist nur eine von vielen Tätigkeiten. Unsere Funktionärinnen und Funktionäre in der Arbeiterkammer leisten gute Arbeit und verdienen das Vertrauen der Wahlberechtigten. In Tirol und Vorarlberg sieht man, dass Länder-Arbeiterkammern unter ÖAAB-Führung besser funktionieren als andere." Er beschreibt seinen Bund lieber als "Think-tank" für die Volkspartei, der sich den großen Fragen der Zukunft widmet - von der Heeres- bis zur Bildungsreform. Die Themen des ÖAAB hat sein Chef Michael Spindelegger in einem 56-seitigen Büchlein umrissen. Es heißt: "Übermorgen - Meine Thesen für die Zukunft Österreichs".

Darin geht es um die Arbeitswelt, um Bildung, ums Bruttosozialprodukt, um Familie, um Pensionen, um Soziales, um Zuwanderung, um internationale Politik. Eigentlich geht es darin um fast alles. Mandl sagt: "In der ÖVP, die die breiteste Partei ist, sind wir die breiteste Teilorganisation. Der ÖAAB vertritt die große Gruppe der arbeitenden Menschen." Rund eine Viertel Million Österreicher sind ÖAAB-Mitglieder.

AAB.TV befreit von Maulkorberlass

Die Bundeszentrale in der Lichtenfelsgasse. Hohe Räume, weiße Wände, Stuck über den Türen, im Sekretariat eine verzierte Holztafeldecke. Als der ÖAAB noch in der Laudongasse im achten Wiener Gemeindebezirk residierte, war das hier eine alte Privatwohnung. "Es war früher alles vertäfelt. Es dürfte ziemlich düster gewesen sein", sagt Sekretärin Sabine Egerer - eine von neun Angestellten des ÖAAB-Teams. Nachdem der ÖAAB Ende 2003 in den zweiten Stock der ÖVP-Zentrale zog, wurde es licht.

Nur der alte Kamin im Besprechungszimmer neben dem Sekretariat stört Mandl noch. "Zu verschnörkelt, zu dunkel. Der passt nicht zum ÖAAB", sagt der Jungpolitiker. Den Besprechungsraum will er in Bälde in ein modernes Mediacenter umbauen lassen - mit Rednerpult, Flatscreen, Splitbox und bequemen Sesseln. Die Aufnahmen für "AAB.TV" sollen hier gedreht werden - für den Youtube-Kanal des ÖAAB, der seit drei Wochen online ist und bereits auffiel: Während für die neue VP-Führungsriege bis zur Angelobung ein Maulkorberlass gegenüber Medien galt, sendete AAB.TV die ersten Statements der ÖAAB-Köpfe schon davor - sie rühmten Partei, Bund und Spindelegger.

ÖAAB in niederösterreichischer Hand

ÖVP-Chef Spindelegger hat bereits angekündigt, die ÖAAB-Obmannschaft zurückzulegen. "Der Parteiobmann steht über den Bünden", erklärt Mandl und setzt sich auf einen Lederstuhl der Sitzgarnitur in seinem Büro. Blickt man durch das Fenster hinter ihm, sieht man das Wiener Rathaus, links von ihm hängt eine Österreichkarte, ihm gegenüber eine von Niederösterreich. In den vergangenen 40 Jahren kamen fünf von sieben ÖAAB-Obmännern aus dem Reiche Erwin Prölls. Auch aktuell ist der Bund in niederösterreichischer Hand - Obmann Spindelegger kommt aus der Hinterbrühl, Generalsekretär Mandl aus Gerasdorf. Warum sind in der Vergangenheit meist Niederösterreicher ÖAAB-Chef geworden? "Das hab ich gar nicht gewusst. Ich würde da keine Gesetzmäßigkeit erkennen", sagt Mandl. "Jede Personalentscheidung für sich war eine vom Gesamt-ÖAAB-Österreich getragene Entscheidung." So wird es auch diesmal sein. (Benedikt Narodoslawsky, Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 22.4.2011)

  • Lukas Mandl im Wordrap über Bünde und Blau-Schwarz unter Strache

  • Lukas Mandl: "Wir sind nicht nur eine Arbeiterkammerwahl-Verein."
    foto: benedikt narodoslawsky

    Lukas Mandl: "Wir sind nicht nur eine Arbeiterkammerwahl-Verein."

  • Sekretärin Sabine Egerer, eine von insgesamt neun Angestellten in der ÖAAB-Zentrale.
    foto: benedikt narodoslawsky

    Sekretärin Sabine Egerer, eine von insgesamt neun Angestellten in der ÖAAB-Zentrale.

  • Vor der grünen Wand mit dem ÖAAB-Slogan im zukünftigen "Mediacenter" finden Pressekonferenzen statt.
    foto: benedikt narodoslawsky

    Vor der grünen Wand mit dem ÖAAB-Slogan im zukünftigen "Mediacenter" finden Pressekonferenzen statt.

  • Mit dem Kamin ist Mandl nicht zufrieden: "Zu verschnörkelt."
    foto: benedikt narodoslawsky

    Mit dem Kamin ist Mandl nicht zufrieden: "Zu verschnörkelt."

  • Die Niederösterreich-Landkarte im Büro des Jungpolitikers.
    foto: benedikt narodoslawsky

    Die Niederösterreich-Landkarte im Büro des Jungpolitikers.

  • "Wir sind als ÖAAB so einflussreich, wie wir unsere Arbeit machen."
    foto: rosa winkler-hermaden

    "Wir sind als ÖAAB so einflussreich, wie wir unsere Arbeit machen."

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