"Wojna": kulturpolitischer Kollateralschaden

20. April 2011, 17:23
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Provokante russische Kunst als symbolisches Minenfeld - für Präsident Medwedew

Moskau - Die russische Kunstszene hatte sich im Kulturzentrum Garage in Moskau eingefunden und wartete auf die Resultate des diesjährigen Innovacija-Kunstpreises - er wird vom russischen staatlichen Zentrum für zeitgenössische Kunst (NCCA) vergeben. Mit vier zu drei Stimmen hatte die Jury für die Verleihung des Preises an das Aktionistenkollektiv Wojna (Krieg) votiert - der Standard berichtete.

Die Künstler hatten einen 60 Meter hohen Phallus auf jene Brücke in St. Petersburg gemalt, die sich gegenüber der Zentrale des mächtigen Inlandgeheimdiensts FSB befindet. Danach wurde die Brücke, wie in Sommernächten üblich, aufgerichtet.

NCCA-Direktor Michail Mindlin bemühte sich um Schadensbegrenzung. In seiner Rede versuchte er das Kulturministerium aus dem Schussfeld zu nehmen. Obwohl der Preis vom staatlichen NCCA vergeben werde, handle es sich um keinen Staatspreis, für das Preisgeld, in der Hauptkategorie 10. 000 Euro, kämen Sponsoren auf. Kulturminister Aleksandr Awdejew, er hatte nicht gegen Wojna interveniert und im Vorfeld für die Freiheit der Kunst plädiert, war nicht zur Zeremonie erschienen. Er hoffe, so erklärte Mindlin nach der Zeremonie, dass die Verleihung an Wojna keine Konsequenzen nach sich ziehen werde.

Ein Irrtum: Vergangene Woche veröffentlichte die sogenannte Gesellschaftskammer, ein offizielles Beratergremium der russischen Regierung, eine Resolution gegen den Preis für Wojna: "Das ist eine Ohrfeige für den gesunden Menschenverstand und für all jene Bürger, die das Bild auf der Brücke als banalen Hooliganismus erachten."

Die Nichteinmischung von Kulturministerium und Kulturminister, so die Erklärung, sei für ein Staatsorgan unprofessionell. Ein deutliches Zeichen setzte auch "Junges Russland", eine antiliberale und Putin nahestehende Jugendbewegung: Aktivisten demonstrierten am vergangenen Freitag vor dem Kulturministerium mit einem Phallusplakat und skandierten: "Schluss mit Subventionen für so einen Scheiß."

Aber weshalb die Angriffe gegen einen Kunstpreis? Der russische Präsidentschaftswahlkampf und die Frage, ob 2012 Medwedew oder doch wieder Putin kandidieren soll, werfen ihre Schatten voraus. Der liberale Awdejew gilt als Mann des amtierenden Präsidenten, er hat zuletzt mit Präsidentengattin Swetlana Medwedewa Ausstellungen im Ausland eröffnet.

Zudem gilt "Innovation" als eines der Lieblingsschlagwörter des amtierenden Präsidenten. Eine für Russland denkbare Spinoperation, die "Innovacija" mit einem Vandalenakt gleichsetzt, ließe sich zur Diskreditierung Medwedews verwenden.

Potenziell nützt die Wojna-Diskussion daher der Putin-Fraktion - in Moskaus Kunstszene gab dies Anlass für Verschwörungstheorien, dass hinter Wojna womöglich gar der Putin-treue Geheimdienst stünde.  (Herwig G. Höller/ DER STANDARD, Printausgabe, 21.4.2011)

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    Eine Erregung erregt die russische (Kultur-)Politik.

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