Zurück zu den Wurzeln

22. April 2011, 13:12
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Auf der Aschenstreuwiese, der Himmelsspirale oder einfach unterm Baum: Urnenbestattungen in freier Natur werden in Österreich immer beliebter

Helle Sonnenstrahlen fallen durch das Blätterdach der mächtigen Buchen und Eichen und sammeln sich auf dem mit Laub bedeckten Boden. Stille liegt über den Wipfeln. Keine Inschrift, kein Grabstein, keine Blumen. Nur 12 Namensbäume dienen als Wegweiser: Baum der Freude, Treue, Weisheit, Liebe, ... Ein besonderer Platz für eine letzte Ruhestätte.

Fünf Jahre hat Elisabeth Zadrobilek gebraucht, bis sie ihre Idee von der Baumbestattung im "Wald der Ewigkeit" in Wien-Mauerbach verwirklichen konnte. In ihrem Bestattungsunternehmen am Gießhübl bietet sie seit 2005 Möglichkeiten zur Urnenbestattung und Verstreuung der Asche in freier Natur an: in der Himmelsspirale, auf der Streuwiese, im Meer, in der Donau, aus dem Flugzeug, unter Bäumen und seit April 2011 auch auf der Alm in den Bergen.

Im Moment organisieren Bestatterin Zadrobilek und ihr kleines Team im Schnitt 15 Naturbestattungen pro Monat. Die Nachfrage steigt stetig. Der Weg bis dahin sei aber ein steiniger gewesen: "Ich habe mich zu Beginn mit einer rein männlichen Bestattungs- und Friedhofslobby angelegt: Da kommt plötzlich eine Frau und rührt da herum!" Zunächst konnte sie ihre Ideen nur im benachbarten Ausland realisieren, wo die Natur als letzte Ruhestätte schon länger zur Bestattungskultur gehört. In Österreich ist Zadrobilek 2008 mit der Genehmigung der Donaubestattung der erste Schritt in diese Richtung gelungen. "Ein Meilenstein hierzulande", sagt sie im Gespräch mit derStandard.at.

Zurück zur Natur

Die Art, wie Menschen über den Tod denken, sei im Wandel, erklärt Zadrobilek: "Viele wollen nicht mehr, dass jemand zu ihrer Asche oder ihrem Grab pilgert, um an sie zu denken." Die Vorstellung, dass ihre Asche wieder in den Kreislauf der Natur zurückkehrt, fänden viele schön und beruhigend. "In der Natur bestattet zu werden hat, im Gegensatz zu traditionellen Begräbnissen und Friedhöfen, für viele etwas Hoffnungsvolles, Tröstliches."

Die meisten Interessenten entscheiden sich für eine Wasser- oder Baumbestattung. Die Donaubestattung kann auf Wunsch mit Schiffssirenensalut, Rosenblütenblättern am Wasser und Flagge auf Halbmast zelebriert werden. Aber auch die Verstreuung vom Flugzeug aus, über den Ausläufern des Tatra-Gebirges, mit zwei bis vier Angehörigen als Begleitung, ist sehr beliebt. Diese "Freiluftform" ist in Österreich noch nicht erlaubt - hier wird das Bestattungsgesetz auf Landesebene geregelt und weist regionale Unterschiede auf. Was hierzulande nicht möglich ist, bietet Zadrobilek außerhalb der Staatsgrenzen an, etwa in Budapest, wo die Asche in einer Wasserfontäne verteilt wird, oder in Kroatien, wo die Urne feierlich in der Adria versenkt wird.

Virtuelles Grablicht

Eine ganz neue, unkonventionelle Form der Naturbestattung hat Elisabeth Zadrobilek mit der "Himmelsspirale" auf dem Altkatholischen Friedhof in Graz entwickelt: Diese Grabstelle ist in Form einer weißen Kiesspirale zwischen Rasenflächen angelegt, in der die Urnen bestattet werden. In der Mitte befindet sich ein Kraft- und Energieplatz, an dem die Angehörigen Abschied nehmen können. "Auch der Friedhof braucht ein neues, zeitgemäßes Image", beschreibt die Unternehmerin die Motivation hinter der Idee.

Die Urnen sind biologisch abbaubar; im Falle der Himmelsspirale verbleibt die Asche für immer an der Beisetzungsstelle. Von jedem Ort der Welt kann man in ein außerhalb der Spirale befindliches Computersystem einsteigen und per Mausklick ein virtuelles Grablicht für die Verstorbenen "entzünden".

In alle Himmelsrichtungen

Seit kurzem darf Asche auf dem Grazer Altkatholischen Friedhof und in Salzburg auch frei verstreut werden. In Graz gibt es dafür eine eigene Aschenstreuwiese. "Das ist eine Revolution in Österreich", freut sich Zadrobilek. "Diese Bestattungsart ist für Menschen gedacht, die nicht unter der Erde begraben werden wollen oder keine bleibende Erinnerungsstätte wünschen." Die Naturbestattung habe auch den Vorteil, dass die Grabpflege entfalle - was besonders für ältere Menschen ohne Nachkommen eine Erleichterung darstelle, aber auch für jene, die Familie und Freunde nicht damit belasten möchten.

Jüngstes Angebot in der Naturpalette ist die Bergbestattung: "Auf einer Alm im Salzburger Werfenweng, umgeben von Berggipfeln und mit der Seilbahn erreichbar, wird die Asche unter die Grasnarbe der Almwiese eingebracht", beschreibt Zadrobilek. Auf Wunsch könne auch ein "Aschenstein" aus der Asche angefertigt werden.

Asche als Edelstein

Viele Menschen würden sich die Art ihrer Bestattung selbst aussuchen, "zum Beispiel weil sie krank sind oder eine Operation vor sich haben und deshalb über das Thema reden wollen", erzählt die Bestatterin. Wer weiß, dass er in der Natur beerdigt sein will, und sicher sein möchte, dass seine Wünsche auch erfüllt werden, kann eine gesetzlich gültige Willenserklärung an das Bestattungsunternehmen schicken. "Eine Kopie davon bewahrt man am besten auch in der persönlichen Dokumentenmappe auf, wo sie nach dem Tod am ehesten gefunden wird", rät Zadrobilek. Immer wieder kämen auch Paare ins Büro, um gemeinsam ihre Bestattung zu besprechen. "Lustig wird's, wenn die Ehefrau ihrem Mann erklärt, dass sie ein Diamant werden will", schmunzelt Zadrobilek. Mit dem nötigen Kleingeld ist auch das möglich: Das Angebot an Steinen reicht von 4.000 bis 18.000 Euro.

Im Wasser oder im Wald bestattet zu werden, ist im Vergleich um einiges günstiger als ein traditionelles Begräbnis, bei dem in der Regel Kosten von mindestens 7.000 bis 8.000 Euro anfallen. Die einfachste Form der Baumbestattung zum Beispiel koste inklusive Abholung und Einäscherung zwischen 3.000 und 4.000 Euro, so Zadrobilek.

Trend zur Event-Bestattung

Viele Menschen wählen die Naturbestattung auch wegen der modernen, weltlich gestalteten Verabschiedungsfeiern, die für Menschen aller Glaubensrichtungen passen: "Der Trend geht in Richtung Event-Bestattung. Viele, die von dieser Welt gehen, wollen heute, dass die Hinterbliebenen ein Glas auf sie trinken und feiern, anstatt traurig zu sein", sagt die Bestatterin.

Weiße Tauben, rosa Luftballons, bunte und helle Kleidung, Foto-Präsentationen mit Flat-Screen sowie Feiern in der Kapelle, auf einem Weingut, mit Agape, in der Aufbahrungshalle und sogar im eigenen Garten - vieles ist möglich und das in allen Farben des Regenbogens, denn: "Es ist uns wichtig, dass die Hinterbliebenen die Trauer mit anderen Eindrücken, positiven Gefühlen und schöneren Bildern aufarbeiten können", so Zadrobilek.

Auf Rosenblüten gebettet

Auch bei Verabschiedungen in der freien Natur lege man darauf Wert: "Im Wald zum Beispiel machen wir dem Verstorbenen ein Bett aus Rosenblütenblättern und decken ihn mit Erde zu, er kehrt zurück zu den Wurzeln der Natur und ist damit dem Himmel ein Stück näher. Diese halbe Stunde gehört nur ihm - so wie er gelebt hat und es sich gewünscht hätte", sagt Zadrobilek. "Es ist traurig, aber wunderschön."

Das Feedback der Kunden und Angehörigen zeigt der Unternehmerin, dass sie mit ihrem Konzept richtig liegt: "Wenn der Mensch mit einem Lächeln auf den Lippen geht, weil er weiß, dass alles so passiert, wie er es sich wünscht, dann habe ich meine Aufgabe erfüllt." (Isabella Lechner/derStandard.at, 22. April 2011)

  • Über allen Wipfeln ist Ruh: Im "Wald der Ewigkeit" in Mauerbach kann man unter Buchen und Eichen die letzte Ruhe finden.
    foto: naturbestattung

    Über allen Wipfeln ist Ruh: Im "Wald der Ewigkeit" in Mauerbach kann man unter Buchen und Eichen die letzte Ruhe finden.

  • Dass Asche nun auch frei an bestimmten Plätzen in Österreich verstreut werden darf, bezeichnet Bestatterin Zadrobilek als "Sensation". Im Bild die Aschenstreuwiese auf dem Altkatholischen Friedhof in Graz.
    foto: naturbestattung

    Dass Asche nun auch frei an bestimmten Plätzen in Österreich verstreut werden darf, bezeichnet Bestatterin Zadrobilek als "Sensation". Im Bild die Aschenstreuwiese auf dem Altkatholischen Friedhof in Graz.

  • Ebendort befindet sich auch die "Himmelsspirale", eine moderne, unkonventionelle Form der Urnenbestattung.
    foto: naturbestattung

    Ebendort befindet sich auch die "Himmelsspirale", eine moderne, unkonventionelle Form der Urnenbestattung.

  • Die Donaubestattung wird neben der Baumbestattung am häufigsten gewählt, schildert Elisabeth Zadrobilek. Bei einer feierlichen Zeremonie wird die biologisch abbaubare Urne dabei im Wasser versenkt - auf Wunsch mit Schiffssirenensalut und Rosenblütenblättern.
    foto: naturbestattung

    Die Donaubestattung wird neben der Baumbestattung am häufigsten gewählt, schildert Elisabeth Zadrobilek. Bei einer feierlichen Zeremonie wird die biologisch abbaubare Urne dabei im Wasser versenkt - auf Wunsch mit Schiffssirenensalut und Rosenblütenblättern.

  • Ganz neu im Angebot: die Bergbestattung auf einer Almwiese im Salzburger Werfenweng.
    foto: naturbestattung

    Ganz neu im Angebot: die Bergbestattung auf einer Almwiese im Salzburger Werfenweng.

  • Die modernen, weltlichen Verabschiedungen seien ein Mitgrund, warum Zadrobileks Naturbestattungen immer beliebter werden:  "Viele, die von dieser 
Welt gehen, wollen heute, dass die Hinterbliebenen ein Glas auf sie 
trinken und feiern, anstatt traurig zu sein."
    foto: naturbestattung

    Die modernen, weltlichen Verabschiedungen seien ein Mitgrund, warum Zadrobileks Naturbestattungen immer beliebter werden: "Viele, die von dieser Welt gehen, wollen heute, dass die Hinterbliebenen ein Glas auf sie trinken und feiern, anstatt traurig zu sein."

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