"Der ORF muss größtes Kulturinstitut des Landes sein"

9. April 2004, 16:04
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Ernst Wolfram Marboe, ehemaliger ORF-Programmintendant, über eine Hexe namens Quote, Taxi Orange und einen verhängnisvollen Sager

Es gibt Menschen, die werden eine Aussage ihr ganzes Leben lang nicht mehr los. Fred Sinowatz etwa, der alles sehr kompliziert findet. Oder Herbert "In aller Klarheit" Haupt. Oder eben: Ernst Wolfram Marboe. In einem Interview 1978 nämlich – Marboe war gerade unter Bacher zum FS2-Fernsehintendanten bestellt worden -, gab er zu Protokoll, dass man gutes Fernsehen "aus den Hoden" heraus mache. So stand’s zumindest im "profil". Der Satz ärgert den Fernsehmacher heute noch: "Ich habe eigentlich Eier gesagt, das ist sprachlich viel schöner und symbolischer. Der damalige Chefredakteur Voska hat’s aber ins halbanständige Hochdeutsch übersetzt."

Die "alten Bellheims des ORF"

Ernst Wolfram Marboe auf diese Schlagzeile zu reduzieren, wäre recht ungeschickt. Der nunmehrige Intendant der Raimundspiele in Gutenstein legt nicht nur sympathische Altersweisheit an den Tag, er zählt wohl auch zu jenen "alten Bellheims des ORF"(Selbstbeschreibung), die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mehr als ein Konsum- und Unterhaltungsgut sehen: "Das Fernsehen ist für die Kultur ein wesentlicher Träger. Der ORF braucht Mut zur Qualität. Er muss das größte Kulturinstitut des Landes sein." Schließlich sei es ein Unterschied, ob man um 20 Uhr das Kulturjournal (früher) oder "Seitenblicke" (heute) sendet: „Das ist eine weltanschauliche Frage."

"Zu wenig Butter aufs Brot"

Aber um sich "g’scheite Sendungen" leisten zu können, bedarf es auch der Unterstützung durch die Politik. Anstatt jedoch Möglichkeiten für Innovationen zu schaffen, geht es dieser vor allem um Einflussnahme: "Es erhärtet sich der Verdacht, dass genau dies das Motiv für das letzte ORF-Gesetz war." Die Gesetzes-Novelle sei generell nicht gut geglückt: "Für den ORF zu wenig Butter aufs Brot, für die Privaten zu wenig zum Leben."

Die Hexe Quote

In einen pessimistischen Abgesang stimmt Marboe jedoch nicht ein: "Es gibt im ORF nach wie vor wunderbares Programm, auf Ö1 zum Beispiel.“ Gleichzeitig zeige sich aber das bedenkliche Phänomen einer neuen Hexe, der Quote: „Sie beherrscht alles: die Politik, die Medien. Und was bewirkt sie? Einen Qualitätsverlust des Dargebotenen." Taxi Orange zu produzieren, könne nicht Aufgabe einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt sein. Und Fernsehen dürfe nicht dem Jugend-Fetisch verfallen, sagt Marboe. Denn: "Die Jugend geht aus. Für ältere Menschen hingegen ist das Fernsehen wirklich eine Heimat."

"Satellit – ein nationales Anliegen"

Die von Monika Lindner jüngst mehrmals geäußerte Idee, ORF-Programme via Satellit unverschlüsselt in Europa auszustrahlen, dachten Marboe und Co. bereits in den 90er einmal an: "Das wäre ein großer Impuls für Österreich. Der Hund liegt in den Lizenzen. Wenn wir aber mit 1-2 Prozent Marktanteil mitnaschen, dann ist es finanzierbar. Österreichs Sprache, die Musik, spricht ja schließlich jeder."

Einen Rat für die Publizistik-Studierenden hat der „Licht ins Dunkel“-Ideengeber Marboe, dessen TV-Abend meist erst mit der ZIB 3 beginnt, ebenfalls parat: „Lassen Sie sich Ihre Zeit nicht von dummen Fernsehprogrammen stehlen. Sie ist zu kostbar, um verschwendet zu werden.“ Einem Raimund-Intendanten sollte man das glauben.

Ansichtssache

"Elder Statesmen":
16. Mai: Ernst Wolfram Marboe


Von Stefan Hackl.

Der Autor ist Teilnehmer der Lehrveranstaltung "Elder Statesmen" am Institut für Publizistik- und Kommunikations- wissenschaft.
  • Artikelbild
    foto: alina weidmann
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