Wird Deutschland das nächste Japan?

11. August 2003, 19:40
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Schwaches Wachstum, der Bankensektor und ein unflexibler Arbeitsmarkt sind aktuelle Probleme in Deutschland. William Davies von Threadneedle Investments analysiert die Ähnlichkeiten und Unterschiede.

Japanische Verhältnisse in Deutschland?

Die wirtschaftliche Entwicklung in Japan verlief in den letzten 15 Jahren sehr enttäuschend und gilt für Ökonomen und Investoren als das dramatische Beispiel einer gescheiterten Wirtschaftspolitik schlechthin. In den westlichen Industrieländern ist man sehr darauf bedacht eine ähnliche Entwicklung im eigenen Land zu verhindern.

Im Zusammenhang mit dieser Diskussion wird nicht selten Deutschland genannt und die Frage nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu Japan analyisert.

Interessant ist zuerst einmal das Faktum, daß vor allem Deutschland immer wieder mit Japan verglichen wird. Seltener wird über die Gefahr japanischer Verhältnisse in anderen Ländern in Europa diskutiert. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Japan und Deutschland weisen eine Reihe von Ähnlichkeiten auf, es gibt jedoch auch mehrere Punkte, in denen sich die beiden Länder unterscheiden.

Threadneedle: Deutschland wird kein zweites Japan

William Davies, Leiter des Europäischen Aktienteams bei Threadneedle Investments in London rechnet nicht damit, daß in Deutschland in naher Zukunft japanische Verhältnisse mit Deflation, lange stagnierender Wirtschaft und einem extrem niedrigen Zinsniveau herschen werden. Davies stellte jedoch in Rechnung, daß es mehrere Punkte gibt, in denen sich beide Länder durchaus ähnlich sind.

Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Japan

William Davies sieht in folgenden Punkten Ähnlichkeiten zwischen Deutschland und Japan:

1. Beide Länder sind reich. Sie waren es in den jüngeren Vergangenheit und zählen heute zu den reichsten Industrienationen.

2. Sowohl Deutschland als auch Japan kämpfen mit einer ungünstigen demographischen Entwicklung. Die Bevölkerung altert und vor allem jener Teil der Bevölkerung, der im Arbeitsprozess steht, sinkt in den nächsten Jahren. Dies kann auch durch Einwanderung nicht ausgeglichen werden.

3. Deutschland und Japan sind produktionsorientierte Volkswirtschaften und kämpfen gegen die wachsende Konkurrenz von Billigproduzenten aus Asien - vor allem China. Notwendige Voraussetzung für weiteres Wachstum sind Produktivitätszuwächse und ein entsprechender technischer Fortschritt.

4. Das bekannte Problem des Bankensystems, wobei dies in Deutschland bei weitem noch nicht so langwierig und tief greifend wie in Japan ist.

5. Deutschland litt in der Vergangenheit unter dem Problem der Wiedervereinigung und Japan kämpfte gegen die negativen Folgen der geplatzten Immobilienblase.

6. Beide Länder kämpfen grundsätzlich mit unflexiblen Arbeitsmärkten. Während in Deutschland der Druck vor allem von den vergleichsweise hohen Arbeitskosten kommt, stoßen in Japan die nötigen Reformen des Arbeitsmarktes an kulturelle Barrieren. Die Restrukturierung bei Nissan ist ein Hoffnungsschimmer für weitergehende Reformen. Beide Länder stehen auch in einem harten Wettbewerb mit ihren Nachbarn.

Die Unterschiede zwischen den beiden Ländern sieht Davies vor allem in folgenden Punkten:

1. Deutschland ist im Vergleich zu Japan eine offene Volkswirtschaft. Die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft ist nach Ansicht von William Davies größer und die Gefahr einer Deflation geringer. Grundsätzlich besteht in Deutschland ein größerer Wettbewerb um Investitionen.

2. Die Bewertungsniveaus in Deutschland waren auch in den Boomzeiten des Aktienmarktes nicht mit den Exzessen in Japan zu Beginn der Neunziger Jahre vergleichbar.

Aktuelle Probleme in Deutschland

William Davies: "Deutschland kämpft derzeit vor allem mit dem Problem eines stärkeren Euros, einer niedrigen Inflation und einem schwachen Wachstum. Trotzdem wird Deutschland nicht das nächste Japan werden."

Ausblick auf Europa - längerfristiges Wachstum von 1,5 - 2 %

Hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung in Europa zeigt sich Davies nicht so negativ: "Wir erwarten längerfristig ein Wachstum von 1,5 - 2 % in Europa. Die Inflationsrate sollte bei 1,5 - 2 % liegen. Zinsen werden weiter sinken. Für dieses Jahr wird es gegen Ende des Jahres eine Erholung geben, die sich im nächsten Jahr fortsetzen wird."

Anlagestrategie in Europa

William Davies bevorzugt in Europa vor allem jene Aktien, die trotz schwacher Gesamtwirtschaft ihr Geschäft ausbauen können. Porsche zählt - trotz kürzlicher Kursverluste - immer noch zu dieser Gruppe von Unternehmen. Davies ist überzeugt davon, daß sich die Aktie nach einiger Skepsis in den letzten Wochen in den kommenden Monaten wieder gut entwickeln kann.

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