Was zählt, das liegt dazwischen

19. April 2011, 19:04
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Warum der 17,5-Prozent-Kompromiss nicht "gerecht", aber sinnvoll ist - Von Peter Warta

In der Zips, einer Landschaft im Nordosten der Slowakei (slowakisch: Spis ) gibt es eine Gegend, in der war es bei den slowakischen, deutschen und ruthenischen Bauern seit jeher üblich, die Kinder im Austausch auf ein Jahr zu den jeweils anderen zu schicken, damit sie auch deren Sprache lernen. So etwas verbindet. Als nach 1945 die Deutschen auch dort ausgesiedelt werden sollten, wurden sie von ihren slowakischen Landsleuten gewarnt, versteckt und schließlich von den resignierenden Behörden als Staatsbürger akzeptiert. Heute ist Chmelnica (auf Deutsch früher: Hopfgarten) die einzige Gemeinde der Slowakei, in der ein Großteil der Bevölkerung noch Deutsch als Muttersprache spricht. Die Ortstafeln spielen dabei keine Rolle.

Wäre so etwas in Kärnten vorstellbar? Wohl kaum. Dort spielen Ortstafeln die Hauptrolle. Ein Glück ist das nicht. Keine Rolle würden sie erst spielen, wenn alle Orte, für die es eine deutschen und einen slowenischen Namen gibt, zweisprachig angeschrieben wären, egal wie viele erklärte Slowenen dort leben. Wenn also Kärnten stolz auf den Vorteil wäre, ein zweisprachiges Land zu sein. Wenn die slowenischen Slowenen auf jene mit der angeborenen Zweisprachigkeit in Kärnten neidig wären wie ich auf die Luxemburger, die gar nicht anders können, als Französisch und Deutsch und dazu noch ihre Luxemburger Mundart zu sprechen, weil sie damit auf die Welt kommen.

Läppische Oberfläche

Zarte Ansätze gibt es ja: Das slowenische Gymnasium in Klagenfurt/Celovec erfreut sich regen Zuspruchs keineswegs nur von Kärntner Slowenen. Dass es alles andere als ein Nachteil ist, als Slowene in Kärnten zweisprachig aufzuwachsen, zeigen die diplomatischen Karrieren von Valentin Inzko und Wolfgang Petritsch, welch Letzterer es offenbar locker aushält, dass nicht "Petric" in seinem Pass steht. Das, was er ist und kann, hängt eben nicht davon ab, wie man seinen Namen schreibt, das ist nur läppische Oberfläche. Mögen sie dafür in Slowenien getrost Svarc statt Schwarz buchstabieren.

Wenn aber schon das Buchstabieren von Ortstafeln für das Selbstbewusstsein der Volksgruppen einen so hochgeschaukelten Symbolwert hat wie jetzt in Kärnten, dann sollte man schon auch den Symbolwert der 17,5 Prozent Slowenenanteil für zweisprachige Tafeln richtig einschätzen. Der hat mit Gerechtigkeit nur wenig zu tun. Wer will wie begründen, warum 15 Prozent gerechter wären als 20 oder irgendwelche anderen Prozent? Der Verfassungsgerichtshof hat es versucht und wahrlich keine gute Figur dabei gemacht, wie jeder, der die Begründungen genauer liest, erkennen kann. 

Keine Sieger und Besiegten

Am Tisch liegen aber nun einmal die Ecksätze von zehn Prozent und 25 Prozent. Sich auf 17,5 Prozent zu einigen hätte für beide Parteien bedeutet, sich in der Mitte zu treffen, den gleich langen Weg aufeinander zugegangen zu sein, auf Sieger und Besiegte verzichtet zu haben. Hände zu schütteln statt den Kopf. Schade, dass das jetzt auf dem Spiel steht. (DER STANDARD Print-Ausgabe 20.4.2011)

Peter Warta, Jg. 1939, Jurist und Publizist, lebt in Wien.

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