Wie die Linse in der Society nicht beschlägt

19. April 2011, 19:39
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Andreas Tischler ist das "Kilroy was here" der Wiener Party- und Event-Szene - ein Porträt

Wer Fotocredits der heimischen Adabei Presse liest, stößt immer wieder auf einen Namen: Andreas Tischler - Doch die Arbeit des Promi- und Event-Fotografen ist alles andere als ein glamouröser Partymarathon

Luca zum Beispiel. Der ist völlig anders. Vielleicht ja sogar das Gegenteil. So wie Newald. Oder Cremer: Bei denen ist jedes Foto ein Kommentar. Meinung. Eine eigene Geschichte. Und das ist gut, richtig und wichtig so. Tischler aber könnte nie so arbeiten. Das würde er auch nicht. Tischler wertet nämlich nicht. Er drückt ab. Das könnten Luca, Newald oder Cremer nicht. Nie - auch wenn das so klingt, als wären Tischlers Fotos deshalb schlicht, banal und uninteressant und als könnte jeder diesen Job machen: Der Job ist alles andere als einfach. Und darum gibt es in Wien nicht viele, die so arbeiten wie Tischler. Schöndorfer, Tuma und vielleicht noch zwei oder drei andere. Aber dann?

Aber der Reihe nach: Andreas Tischler ist Societyfotograf. Nicht einer, der ab und zu auftaucht, draufhält und verschwindet, weil er Reportagen, Pressekonferenzen, Demos, Sport oder Reisen abdecken muss. Tischler macht nur, oder fast nur, Partys und Events. Also diese auf der ganzen Welt längst gleich aussehenden Bilder, auf denen Menschen mit dem großen, globalen Dämlack-Grinser in die Kamera schauen: "Hallo Welt, hier sind wir!" Und auch wenn Sie jetzt den Kopf schütteln, aber wer schaut nicht gern, wer da wo mit wem drauf ist?

Kann jeder

So wie Tischler zu fotografieren, kann jeder, hört man dann: Leute auffädeln, abdrücken - fertig. Fotos online stellen, Mitbewerber unterbieten und sich mit der Masse an Print-Veröffentlichungen eine goldene Nase verdienen. Oder so ähnlich halt. Bloß: Ganz so einfach ist es halt doch nicht.

Wer in der heimischen Societypresse Fotocredits liest, kommt auf Tischler. Überall. Wirklich überall. "Andreas Tischler" ist das "Kilroy was here" der Wiener Event-Berichterstattung. Das klingt lustig, ist aber ein Knochenjob. Denn es braucht Selbstdisziplin und Kondition, um kontinuierlich dabei zu sein. Tischler ist 36. Er ist seit elf Jahren Fotograf. Er trinkt keinen Tropfen Alkohol. Er hält sich von den Buffets fern. Er hat einen Tag in der Woche, an dem er keine Abendtermine macht. (Meistens Montag). Er trennt Privates strikt vom Job, denn ohne konsequentestes Zeitmanagement könne keiner diesen Job durchhalten, sagt Tischler.

Nix Party

Selber Party-machen ist nämlich nicht. Das hat schon vielen Hobbyknippsern das Genick gebrochen, weil sie glaubten, das Ausgehen zum Beruf machen zu können und dabei gratis an Drinks und leicht an Mädchen heranzukommen: Tischler ist tatsächlich überall. Jede Nacht. Und allein das Wissen, wann wo die beste Ausbeute möglich ist, ist eine logistische Herausforderung. Vor Ort wird dann im Akkord geschossen. Denn das Volk weiß längst, wie es zu posieren hat. Ob das von selbst kam oder Eventfotografen es so lehrten, ist heute eine akademische Frage: Partyfotos sind wie Waschmittelwerbung - ein sozial und medial gelerntes Ritual. Immer gleich weil immer gleich.

Der Trick ist, bei einem Rundgang alle zu erwischen. Denn so wie Armin Thurnher die inhaltlich oft unsäglichen Falter-Kleinanzeigen stets auf die Weise verteidigt(e), dass jede Anzeige zwei Leser ("den, der sie aufgibt und den, der sie liest") generiere, ist es auch hier: Wer Tischler sieht, stöbert am nächsten Tag im Netz. Man findet sich, verschickt das Bild und weiß, dass auch die Freunde stöbern. Unabhängig von der Aussage der Bilder. Wie bei Postings und im TV: Quote ist alles. Million Fliegen können nicht irren. Das zieht Werbung an.

Verlässlichkeit

Doch Werber wollen Verlässlichkeit: Alle Clubs. Jede Nacht. Konstante Qualität. Keine Meuchelfotos. Keine Alkleichen. Keine Schlägereien. Shiny happy people. Wer das nicht schafft, ist bald nirgendwo: Tischler schickt mittlerweile sechs Leute unter seinem Namen los. Denn der Chef wird meist anderswo gebraucht, schließlich macht Tischler Societytermine immer selbst. Pro Jahr über 1000. Als Agentur - und/oder vom Veranstalter gebucht. Diese Bilder kommen dann kostenfrei samt Nachbericht an die Presse. Dass Tischler da keine Meuchelfotos macht, ist klar. In seinem wie im Auftraggeberinteresse. Aber auch die Adabei-Medien sind in Österreich eher Streichelzoos.

Tischlers Erfolg fußt aber noch auf zwei anderen Säulen: Er liefert rechtzeitig. Sowohl auf seinem Server, als auch beim Auftraggeber - und wer die Verzweiflungsrufe, Drohungen und Verwünschungen von Redakteuren und Fotoredaktionen gehört hat, weil für elf Uhr versprochene Bilder um 14 Uhr noch immer nicht da waren, weiß: Das ist wichtig. Außerdem - und das ist wohl der größte Unterschied zu jenen, die dann gerne von Freunderlwirtschaft und Gemauschel reden - hat bei Tischlers VIP-Bildern jeder einen Namen. Immer. Vor- und Zunamen. Kein "in charmanter Begleitung".

Gut aufgepasst

Das ist wichtig: Als Tischler in der Szene auftauchte, spülte die erste Welle erschwinglicher und guter Digitalkameras viele Amateure ins Eventbusiness. Die meisten sind wieder verschwunden - doch der gelernte Versicherungsmensch blieb. Während bei den Kollegen Namen nicht stimmten, fehlten oder nachgefragt werden mussten, hatte Tischler binnen Tagen die Wichtigkeit dieses Details erkannt. Kein Redakteur kann heute eine namenlose Schönheit neben einem Star verantworten (Geliebte - oder doch die Tochter?). Aber mehr noch: Während PR-Agenturen bei Nachberichten gern Gäste anführen, die nicht einmal die Einladung gesehen haben, sind Tischlers Event-Aussendung so aufgebaut, dass ein kurzer Blick genügt: Wer da nicht aufscheint, war entweder nicht da - oder ist Adabei-Medien-technisch nicht wichtig.

Interessante Folge davon: Mancher Adabei-Schreiber bleibt heute gern einmal daheim und verlässt sich auf Tischler. Und die Dankbarkeit, nicht schon wieder mit Schillerlugnerserafin abhängen zu müssen, schafft dann treue Kunden.

Wichtig

Natürlich macht Wichtigmachen wichtig: Fotografen nicht zu vergraulen, ist in Lugnerland eine Art Lebensversicherung. Auch wenn Tischler selbst zu pragmatisch ist, um daraus ein Ranküne-Spielchen zu machen, ist das nicht zu übersehen. Dass Lugner Tischler buchte, als es galt, Frau Rubacuori aus Italien einzufliegen, ist kein Zufall. Dass er auf TV- und anderen Bildern aus dem Learjet selbst zu sehen ist, aber nicht namentlich erwähnt wurde und auch kaum je vor einer Kamera seinen Senf zum Geschehen gibt, aber auch: Im Gegensatz zum Großteil der heimischen Adabei-Berichterstatter pfeift Tischler auf den Ruhm, als Bewohner des Zoos der wichtigen Wichtel erkannt zu werden: "Der rechte Hinterreifen ist auch ein Teil des Autos - auch wenn er nur mitrollt. Insofern ist jeder von uns Teil dieser so genannten Society. Aber Gott sei Dank bin ich nur ein Teil hinter der Kamera. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 19.4.2011)

  • Andreas Tischler ist 36. Er ist seit elf Jahren Fotograf. Er trinkt keinen Tropfen Alkohol. Er hält sich von den Buffets fern. Er hat einen Tag in der Woche, an dem er keine Abendtermine macht.
    foto: andreas tischler

    Andreas Tischler ist 36. Er ist seit elf Jahren Fotograf. Er trinkt keinen Tropfen Alkohol. Er hält sich von den Buffets fern. Er hat einen Tag in der Woche, an dem er keine Abendtermine macht.

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