Ölpest im Golf hat Sicherheitskonzepte nicht verändert

19. April 2011, 18:29
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Zukunft der Ölförderung liegt unter dem Meer - Ab 80 Dollar pro Barrel lohnen sich schwierige Projekte

Washington/Wien - 636 Millionen Liter Öl reichen nicht, um eine ganze Industrie zu verändern - schon gar nicht, wenn sie nicht in Pipelines, sondern in den Golf von Mexiko rinnen. "Es hat nach der Ölpest einige kleine Redesigns der Förderanlagen gegeben, aber am grundsätzlichen Sicherheitskonzept wird sich nichts ändern", sagt Herbert Hofstätter, Ölförder-Experte von der Montanuni Leoben. "Sie sind schon so weit entwickelt, dass heutige Projekte beherrschbar sind. Wenn sich alle an die Vorschriften halten."

Diese Projekte werden im Meer immer zahlreicher und tiefer: 10.300 Bohrgenehmigungen gab es laut Offshore Magazine 2010, Tendenz steigend. In bis zu 3000 Metern Wassertiefe wird bereits gebohrt, derzeit noch vereinzelt. Weil die meisten neuen Funde in Tiefen über 1500 Metern liegen, wird auch das sich mehren. Brasilien ist hier federführend: Vor seiner Küste wurden 2010 die größten neuen Lager entdeckt.

Der Ölpreis ist derzeit günstig für die Tiefseebohrer: Ab 80 bis 100 US Dollar pro Barrel lohnen sich bei entsprechender Feldgröße auch die komlizierten Förderprojekte, schätzen Experten.

Die Schwierigkeiten haben sich in den vergangenen Jahren wenig verändert: Mit "HT/HP", High Temperature, High Pressure, fassen Ölbohrer sie zusammen. Mit mehreren hundert Bar und bis zu 200 Grad Celsius kann das Öl aus den submarinen Löchern sprudeln. Kühlt es dann schnell ab, kann es zähflüssig oder hart werden und im Extremfall die Leitungen verstopfen.

Sobald die Löcher gebohrt sind, werden mit Robotern auf dem Meeresgrund Förderanlagen gebaut, die das Öl und Gas zu Sammelstellen leiten, wo es aufbereitet und von Tankschiffen an Land gebracht wird. Im Idealfall werden die Anlagen über dem Meeresspiegel auf ein Minimum reduziert - weil sie anfällig für schlechtes Wetter und Seegang sind und aufgrund des Personalaufwands viel Geld kosten.

Nächstes Ziel der Industrie ist die Arktis: US-Geologen schätzen, dass dort bis zu 22 Prozent der weltweit unentdeckten, förderbaren Öl- und Gasressourcen liegen, der Großteil davon in Küstennähe. Weil das ewige Eis immer schneller schmilzt, könnten bisher unerreichbare Felder künftig erschlossen werden - was Umweltschützern Sorgen bereitet.

Herumtreibenes Eis stellt zwar laut Hofstätter kein Problem für moderne Anlagen mehr dar - Mikroorganismen, die ausgeronnenes Rohöl nach einem Unfall im Wasser abbauen, sind bei niedrigen Temperaturen aber weniger aktiv als im warmen Golf von Mexiko. Dazu kommt, das Aufräumarbeiten bereits an Louisianas Ferienstränden schwierig sind - in der arktischen Nacht werden sie fast unmöglich.

Bis in der Arktis lohnende Bohrungen im großen Stil möglich sind, wird es noch mindestens zehn Jahre dauern, schätzt Hofstätter. Bis dahin muss auch ein Problem gelöst werden, an dem jeder Techniker bisher scheiterte: Die strittigen Gebietsansprüche der Anrainerstaaten. (Tobias Müller, DER STANDARD; Printausgabe, 20.4.2011)

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