Der ölverschmierte Weg aus der Katastrophe

19. April 2011, 18:23
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Ein Jahr nach der Explosion einer Ölplattform im Golf von Mexiko findet man in Buchten von Louisiana noch Ölklumpen und in den Häfen Fischer, deren Existenz bedroht ist - Ein Lokalaugenschein

Dave Marino geht in die Kurve, als wäre der Wilkinson Canal eine Rennstrecke. Sein Boot tanzt über die Wellen, das Wasser schimmert grünblau, das dichte Gras am Ufer sieht aus wie gemalt. Das Leben ist schön im Mississippidelta.

Kurve links, Kurve rechts, nach sieben Meilen hat Marino den mäandernden Kanal verlassen und pflügt die Wellen der Barataria Bay. Er kennt hier jede Boje, jede Ölförderpumpe, jede Pipeline. Mit seiner Ray-Ban-Sonnenbrille erinnert Marino selbst an die Hobbyangler aus New York oder Chicago, die er aufs Meer fährt für die Jagd nach armlangen Prachtexemplaren. Nichts deutet darauf hin, dass BP in der Nähe eine verheerende Umweltkatastrophe auslöste. "Abwarten", sagt Marino. "Gleich kommt Bay Jimmy."

Bay Jimmy, eine der zahllosen Nebenbuchten der Barataria. Es riecht nach Teer. Am Ufer ein schwarzer Schlammstreifen, mal zwei, mal fünf Meter breit. Dahinter wuchert Unkraut, erst dann beginnt das Schilf, das früher alles bedeckte. Silbrige Folienfetzen an mannshohen Stangen sollen Vögel abschrecken. Gaskanonen, wie Fernrohre montiert auf Metallgestelle, feuern alle 30 Sekunden, damit sich kein Schwarm nähert. Im ölverschmierten Marschland der Jimmy-Bucht soll kein gefiedertes Lebewesen mehr landen. Doch die kleinen Strandammern, die über den Schlamm flitzen, machen sich offenbar nichts mehr aus den Kanonen.

"Alle paar Wochen probieren sie was Neues"

"Reiner Aktionismus", sagt Marino und fährt näher an einen Schwimmkran heran. An dessen Arm hängt eine übergroße Gartenharke. Wie altes Laub aus einem Beet harkt sie klebriges Gras aus den Sümpfen. Den Käpt'n überzeugt das alles nicht. "Alle paar Wochen probieren sie was Neues."

Es sind Szenen wie vor einem Jahr, als am 20. April vor Louisiana die Bohrinsel Deepwater Horizon explodierte und ein paar Wochen darauf stinkendes Rohöl an die Strände schwappte. Es ist die Katastrophe im Miniformat. Eine blasse Erinnerung an das Heer der Helfer, das Teerklumpen in Säcke schaufelte und draußen kilometerweise Kunststoffschlangen auslegte, um das Öl zu stoppen.

An der Bay Jimmy drückt eine starke Strömung das Wasser vom offenen Meer ins zerklüftete Delta. Dort landete das Öl tatsächlich in Form eines klebrigen Teppichs, nicht in rostfarbenen Kügelchen wie an den meisten Küstenabschnitten.

Der Teppich ist abgetragen, doch für Fischer und Umweltschützer bedeutet es keine Entwarnung. Bis tief in die Sümpfe haben sich Klümpchen abgelagert, winzige Zeitbomben. Wenn ab Mai die sengende Sonne das Delta aufheizt, zerfließen sie. "Dann sehen wir ein zweites Mal verschmierte Vögel", prophezeit Melanie Driscoll, Biologin einer Tierschutzinitiative von Louisiana.

Austern ernten ist Knochenarbeit - heute umso mehr

"I fish for fun" steht auf dem Filzbecher, in den James Kieff seine Bierdosen stellt, damit sie zwischen schweißnassen Fingern nicht abrutschen. Fischen zum Spaß war es nie, Austern ernten ist Knochenarbeit. Die Männer, die die schweren Kisten mit den scharfkantigen Schalen in die Boote hieven, haben Oberarme wie Gewichtheber. Einen Knochenjob macht Kieff auch jetzt, nur bringt der erst mal nichts ein. Im Hafen von Hopedale schippt er nach und nach 500 Tonnen Kies auf sein Boot, um die verwaisten Austernbänke auszubetten, in der Hoffnung, dass sich neue Larven an den Kies krallen. Um die zähflüssige Gefahr zurück ins Meer zu spülen, öffnete der Staat Louisiana seine Fluss-Schleusen. Es war Gift für die Austern, die eine bestimmte Mischung aus Süß- und Salzwasser brauchen. Nun wälzt BP die Schuld auf die Lokalpolitik ab und weigert sich, Austernfischern eine Entschädigung zu zahlen.

Zwei, drei Jahre dauert es, bis Kieff wieder ernten kann. Bis dahin verdient er nichts. Allein die Kiesladung kostet ihn 40.000 Dollar. Der Anwalt, den er gegen BP klagen lässt, ist zu bezahlen. Selbst wenn sich die Zucht erholt: Wann Feinschmecker wieder Austern aus Louisiana schlürfen, steht in den Sternen. Es gibt zu viele Unbekannte: Welchen Schaden hat Corexit angerichtet? BP ließ rund sechs Millionen Liter des Dispersionsmittels versprühen, um den Ölteppich aufzuspalten und auf den Grund sinken zu lassen. Kieff macht sich keine Illusionen. "Ich hab' es damals sofort gewusst: Jetzt sitzen wir tief in der Scheiße."

150 tote Delfine angespült

Billy Nungesser, Präsident des Gemeindeverbands Plaquemines Parish, vollführt einen Balanceakt. Einerseits möchte er das Ende der Krise verkünden: "Unsere Meeresfrüchte sind sauber, Fisch gibt es im Überfluss". Andererseits gibt es beunruhigende Anzeichen. Seit Januar sind mehr als 150 tote Delfine an den Strand gespült worden, zur Hälfte Jungtiere. Bei etlichen fand man Spuren des Öls aus dem Macondo-Feld, der BP-Quelle. Auf dem Meeresgrund entdeckte man Teermatten, die Shrimp-Fischer fürchten lassen, dass die Garnelenbrut im Sand leidet und die Population massiv zurückgeht.

Was die Forscher analysieren, bleibt oft geheim. Nungesser treibt es die Zornesröte ins Gesicht. "Was machen wir eigentlich? Vertuschen wir ein Desaster?" (Frank Herrmann aus Louisiana, DER STANDARD; Printausgabe, 20.4.2011)

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    Am Ufer in einer der Nebenbuchten des Barataria Bay am Golf von Mexiko liegt eine Ölauffangbarriere. An der Vegetation hat die Katastrophe von vor einem Jahr ihre Spuren hinterlassen.

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