Nichts gelernt

19. April 2011, 18:10
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Was der Westen mit seiner Intervention in Libyen vorgezeigt hat, wird - trotz zweifelhafter Wirkung - früher oder später auch anderswo eingefordert werden - von Gudrun Harrer

Schön langsam könnte es der aktuellen Nachfahrengeneration der postkolonialen Ordnung im Nahen Osten dämmern, dass der Umbruch in der Region keines ihrer Regime überleben lassen wird. Es wird nicht überall gleich und nicht überall gleich schnell gehen, und was nachkommt, ist ungewiss. Aber klar ist, dass es in der neuen Ordnung keine Systeme mehr geben wird, die sich - wie das syrische - dadurch legitimieren, dass der Vorfahr eine Position in der Armee errungen, geputscht, dreißig Jahre die Macht nicht mehr abgegeben und dann vererbt hat.

Wobei gerade im Fall Syrien, genauso wie in Libyen, die Einsicht des Regimes wahrscheinlich auch nicht viel helfen würde: Denn anders als in Ägypten, wo Teile der Strukturen und damit der Macht überdauern werden - mehr als den Ägyptern lieb sein mag -, wird es dort eine Tabula rasa geben, keinen ausgehandelten Abgang. Und selbst wenn: Seit sogar im Zusammenhang mit der Familie Mubarak Todesurteile für möglich gehalten werden, wissen alle anderen, dass sie bis zum bitteren Ende kämpfen werden.

Was der Westen mit seiner Intervention in Libyen vorgezeigt hat, wird - trotz zweifelhafter Wirkung - früher oder später auch anderswo eingefordert werden. Einstweilen beschränken sich die USA ja auf die Finanzierung eines syrisch-oppositionellen TV-Kanals, der eng mit einer islamistischen Partei verquickt ist. Und da kann man nur das Gleiche sagen wie über das Assad-Regime: nichts gelernt. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 20.4.2011)

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