"Die militärische Nutzung hat das Image der Atomkraft zu Recht in den Dreck gezogen"

19. April 2011, 18:42
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Warum auch in Österreich in 30 Jahren noch Atomwissenschafter gebraucht werden und wie sie die Berichterstattung über Fukushima beurteilen

... darüber diskutieren Franz Josef Maringer von der Boku und Georg Steinhauser vom Atominstitut der TU Wien - Die Fragen stellten Peter Illetschko und Tobias Müller.

Standard: Wissenschafter des Atominstituts werden in Internetforen als Schönredner beschimpft. Die Boku gilt dafür als technologiefeindlich. Was ist wahr daran?

Steinhauser: Das Atominstitut ist vollkommen unabhängig. Man sagt uns schon immer wieder nach, dass wir bei der Atomlobby im Sold stehen, das merke ich an meinem Kontoauszug nicht. Das Institut wurde 1959 gegründet. Damals hat man natürlich den Hintergedanken gehabt, die aufstrebende Atomindustrie in Österreich mit Personal zu versorgen. Diese Euphorie ist auch der Grund für den Namen Atominstitut. Andere Länder hätten vergleichbare Institute Nuklearinstitut genannt. Wir machen heute Forschung, die weit weg ist von Kernenergie - für Archäologen, für Biologen, für Halbleitertechniker. Viele, die für die internationale Atomenergiebehörde IAEA als Safeguards Kernanlagen untersuchen, gehen durch unsere Schule. Das ist nichts Verwerfliches, wir bringen mehr Sicherheit. Ich sehe den Konnex zur Atomlobby nicht.

Maringer: Die Boku hat ihre Wurzeln in der Landwirtschaft und in der Nachhaltigkeit. Insofern ist eine kritische Haltung gegenüber Technologien, die das unbegrenzte Wachstum versprechen, logisch. Technologiefeindlich sind wir sicher nicht. Unser Raumschiff Erde ist nun einmal begrenzt. 2030 werden wir zehn Milliarden Menschen sein, da muss man überlegen, wie man allen ein würdiges Leben ermöglicht.

Standard: Nach dem Unfall in Japan war viel von Panikmache die Rede. Welche Rolle spielten dabei Wissenschafter, welche Medien?

Maringer: Expertenmeinungen sind unterschiedlich. Wir haben die ganze Bandbreite gehabt von den Apokalyptikern bis zu den Beschwichtigern. Und da ein Maß zu finden, das der Realität nahe kommt, das wäre eine Aufgabe der Medien. Die verfolgen aber auch eigene Interessen, Bedrohung und Angst verkaufen sich gut.

Steinhauser: Es ist wesentlich, dass die Wissenschaft Anlass zur Hoffnung gibt und dass wir die Leute nicht mutlos machen.Wenn man die Panik schürt, ist das verheerend. In Österreich wurden nach dem Unfall jede Menge Kaliumjodid-Tabletten verkauft - ich bin mir sicher, dass keiner von den Experten, auch nicht die Apokalyptiker, der Meinung waren, dass das angemessen ist. Ich hätte mir ein einheitliches Auftreten gewünscht: Alle hätten sagen müssen, für Österreich besteht keine Gefahr. Es stellte sich eine Art Medienrealität ein: Wir kriegen Anfragen, ob man den Urlaub am Mittelmeer absagen muss. Ich weiß nicht, wie die Leute sich das vorstellen, dass ein überhaupt nachweisbares Level von Radioaktivität aus dem Pazifik bis ins Mittelmeer gelangt.

Maringer: Na gut, aber der Normalbürger kann das nicht einschätzen. Er bezieht seine Information hauptsächlich aus den Medien, und es ist die Frage, welche Medien er konsumiert.

Standard: Wie würden Sie denn die Berichterstattung zu Japan einschätzen?

Maringer: Überhitzt. Für uns hatte Fukushima wenig Konsequenzen, aber in einem tatsächlichen Katastrophenfall in Österreichs Umgebung - da kann durch Panikmache eklatant etwas schieflaufen. Die Medien in Japan haben einen Mittelweg gefunden, die schätzen das adäquat ein. Es gab Verzögerungen in der Informationspolitik, aber ich habe bereits in den ersten Tagen nach dem Unfall im Internet Daten gefunden, die laufend verdichtet wurden. Außerdem sollte man den Leuten Informationen geben, mit denen sie selbst die Situation bewerten können - etwa: Wie ist der natürliche Strahlenhintergrund, wie variiert er?

Steinhauser: Die erste Woche nach dem Unfall ist geradezu die Apokalypse ausgebrochen. Das war eine schwarze Wolke, die den Österreichern aufgesetzt wurde. Es hat sich dann gezeigt: Dieses Level von immer neuen Schreckensbotschaften lässt sich nicht länger als eine Woche aufrechterhalten. Als ich ein Radiointerview gegeben habe, hat eine ältere Dame angerufen, die darum gebeten hat, in der Berichterstattung Rücksicht auf ältere Menschen zu nehmen. Sie sagte, sie schafft das nicht mehr. Sie ist gehbehindert, sie sitzt zu Hause, sie hat Angst, keine Lebensmittel mehr essen zu können. Dann hat sie "on air" zu weinen begonnen. Ich habe an diese Leute bis dahin nicht gedacht. Für mich war es bis zu diesem Anruf so selbstverständlich, dass die Ereignisse in Japan für uns keine Folgen haben.

Standard: Wie gut fühlen Sie sich selbst informiert aus Japan?

Maringer: Ich fühle mich gut informiert. Ich habe persönliche Kontakte zu japanischen Fachkollegen und direkten Zugang zu Messwerten vor Ort.

Steinhauser: Das finde ich interessant, dass Sie das so empfinden. Ich hätte mir wesentlich mehr Daten gewünscht. Ich habe ewig nach vernünftigen Zahlen suchen müssen, als die Meldung vom Plutonium kam. Ich bin Tage später auf die Werte gestoßen.

Standard: Sie haben von einem Spektrum vom Apokalyptiker bis zum Schönredner gesprochen - woher kommen die Unterschiede, ausgerechnet in den Wissenschaften?

Maringer: Manche Wissenschafter verfolgen eine Mission und ordnen die wissenschaftliche Erkenntnis dieser Mission unter. Es gibt auf beiden Seiten wissenschaftliche Extremisten. Es ist schon auch ein Problem in Österreich, dass sich junge Leute durch die Anti-Atom-Politik weniger interessieren für Naturwissenschaften und noch weniger für Reaktorsicherheit oder Strahlenschutz. Das sind aber Themen, die wir die nächsten 30 Jahre brauchen - selbst wenn jetzt beschlossen wird, wir schalten alle Kernkraftwerke ab.

Steinhauser: Die Frage der Nuklearforschung ist nicht verknüpft mit Kernkraftwerken. Es wird immer Forschungsreaktoren geben müssen, wo Leute ausgebildet werden, wo medizinische Isotope erzeugt werden. Wir können nicht auf die Nuklearmedizin verzichten. Als Tschernobyl geschah, war ich sieben, da weiß ich nicht, ob das einen Einfluss in Österreich hatte.

Maringer: Ich habe auch Tschernobyl miterlebt, es gab danach eine Aufbruchstimmung. Es haben sich junge Leute für das Fachgebiet interessiert. Dann ist es aber wieder abgeflacht. Die jungen Leute haben gedacht: Atomkraft hat keine Zukunft, warum soll ich mich dafür interessieren. Jetzt gibt es einen Mangel an Nuklearexperten, wir werden sie aber in Zukunft brauchen.

Standard: Ist es die Angst, ist es das schlechte Image, das die Studenten von den Nuklearwissenschaften abbringt?

Steinhauser: Die Verknüpfung von ziviler mit militärischer Nutzung hat das Image der Atomkraft zu Recht in den Dreck gezogen. Ich sehe, wie zehn Gramm Uran am Atominstitut ein Jahr lang Wasser heiß werden lassen. Bei der Explosion der Atombombe in Hiroshima wurde ein Kilogramm Uran gespalten, diese Menge hat die Stadt plattgemacht. Das ist ein Tennisball, nicht mehr. Wenn man sieht, wie viel Energie da dahintersteckt, dann ist das nicht mehr begreifbar. Da liegt, grob geschätzt, der Faktor eine Million zwischen chemischer Energie und Kernenergie.

Standard: Soll und kann man den Umgang damit regulieren?

Maringer: Tschernobyl hat es gezeigt: In einer totalitären Staatsform gibt es zusätzliche Risiken. Es ist die Frage, ob alle Staaten weltweit geeignet sind, mit einer potenziell gefährlichen Energieproduktion umzugehen. Natürlich gibt es die Souveränität der Staaten, aber ...

Steinhauser: Wie soll man den Staaten das Recht absprechen, Atomenergie zu nutzen?

Maringer: Da in einem Katastrophenfall die Radioaktivität nicht haltmacht an der Grenze, ist das schon eine völkerrechtliche Angelegenheit. Das gilt allerdings auch, wenn ich Braunkohle verbrenne. Diese Schadstoffe halten sich auch nicht an Staatsgrenzen.

Standard: Fukushima und Tschernobyl sind nun auf der gleichen Stufe der Unfallskala. Zu Recht?

Maringer: Von den Messwerten her ja. Allerdings tritt seit dem 16. März laufend weniger Radioaktivität aus. Ein Problem sind die hoch belasteten Wassermengen am Gelände, die man sichern muss. Gerade in einer Situation, wo laufend Nachbeben sind und die Kühlung unterbrochen werden muss, ist es nicht absehbar, ob weitere wesentliche Freisetzungen stattfinden. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA hat erst nach drei, vier Tagen reagiert. Genau als es zu der massiven Freisetzung gekommen ist, war sie noch nicht einsatzbereit. Offensichtlich hat das Krisenzentrum eine lange Anlaufzeit. Bei solchen Ereignissen kommt es auf die ersten Stunden und Tage an. Wenn man besser vorgesorgt hätte, wenn es nicht zu den Wasserstoffexplosionen gekommen wäre, hätte man viele Probleme verhindern können.

Steinhauser: Wenn Fukushima und Tschernobyl gleichgesetzt werden, wird Tschernobyl verharmlost. Dort sind die menschlichen Verluste beträchtlich gewesen, diese Situation haben wir derzeit in Japan nicht. Ich weiß nicht, wie sich das entwickeln wird, aber es gibt momentan in Japan keinen einzigen Strahlentoten. In Tschernobyl hat es die drei Wochen nach dem Unglück schon gegeben. Wenn Arbeiter ein paar hundert Millisievert abbekommen, ist das sehr unerfreulich, aber nicht lebensbedrohlich. In Tschernobyl haben Arbeiter dutzende Sievert abbekommen und hatten keine Überlebenschance. Mir wäre es daher auch lieber gewesen, wenn die IAEA darauf verzichtet hätte, die Stufe sieben zu wählen - auch wenn sie technisch sicherlich gerechtfertigt ist - und nur auf Stufe sechs gegangen wäre. Das ist immer noch ein ernster Unfall, aber verdeutlicht einen nicht zu ignorierenden Unterschied.

Standard: Sollte man die Skala vielleicht reformieren?

Maringer: Das wird mir jetzt zu akademisch. Man hat halt Schubladen, und da kann man alles hineinlegen, und dann ist schon vieles für manche Leute leichter. Ob sechs oder sieben - wichtig ist, dass die Leute vor Ort Hilfe bekommen.

Steinhauser: Ein Beispiel: Die Arbeiter vor Ort tragen Schutzanzüge und Schutzmasken. Das ist anstrengend. Viele Arbeiter werden ohnmächtig, benötigen medizinische Hilfe. Manche Spitäler verweigern die Aufnahme, aus Angst, die Station könnte kontaminiert werden. Das ist absurd, die Kontamination ist mit dem Ausziehen der Überbekleidung weg.

Maringer: Auch die Betroffenen in Tschernobyl wurden nach dem Unfall ausgegrenzt. Das wird auch in der Landwirtschaft in Japan so kommen: Bauern, die geringfügig betroffen waren oder auch nur aus der falschen Gegend kommen, werden am Markt Schwierigkeiten haben, selbst wenn keine Gefahr besteht.

Standard: Und wie gehen Sie selbst mit Angst um?

Maringer: Für Mitteleuropa ist Fukushima ungefährlich. Diese Einschätzung wurde aber von meiner Umgebung, z. B. von meiner Familie, so nicht wahrgenommen. Es wurde weitaus dramatischer eingeschätzt. Ich hatte Schwierigkeiten, zu vermitteln, dass das für Österreich keine Bedeutung hat. Auch die Situation in Japan deutet für mich bei aller Vorsicht darauf hin, dass die Radioaktivität bewältigt werden kann. Mit allen besprochenen dramatischen Folgen für die Bevölkerung.

Steinhauser: Wenn man kommuniziert, dass es bewältigt werden kann, steht man schnell im Ruf, ein Beschwichtiger zu sein. Selbst wenn man betont, dass es ein sehr ernst zu nehmender Unfall ist, kriegt man Anfeindungen per E-Mail.

Maringer: Da muss man Charakter zeigen und an der Erkenntnis festhalten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. April 2011)


Franz Josef Maringer, geboren 1958, leitet die Forschungsgruppe Radioökologie an der Boku Wien, ist leitender Mitarbeiter im Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen und Vizepräsident des Österreichischen Verbandes für Strahlenschutz.

Georg Steinhauser, geboren 1979, studierte Chemie an der Uni Wien und promovierte 2005 in Radiochemie am Atominstitut. Heute ist er ebendort Reaktorbetriebsleiter-Stellvertreter.

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    Die österreichische Realität in Sachen Kernenergie: Kraftwerke in Nachbarstaaten und ein Industriedenkmal in Zwentendorf (Bild aus dem Reaktorraum).

  • Georg Steinhauser und Franz Josef Maringer
    foto: corn

    Georg Steinhauser und Franz Josef Maringer

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