Die Missbrauchsvorwürfe gegen ihren Pfarrer glauben die Bewohner von Sellrain nicht - Der Bürgermeister vermutet eine Intrige im Klerus - In der Erzdiözese Wien prüft die Kommission mögliche Entschädigungen für Opfer
Sellrain - "Schon wieder diese Diskussion um unseren Pfarrer. Haben die denn nichts anderes zu tun?", schimpft eine junge Frau, dreht sich um und schiebt ihren Kinderwagen weiter. "Weiß man denn, was gewesen ist?", fragt Frau Elisabeth. Sie kehrt den Gehsteig zwischen Gemeindeamt und der Brücke: "Also ich weiß es nicht. Die sollen alle still sein, vor allem die in Wien." Sie ist sicher: "Der tut nichts. Und die Kinder mögen ihn auch." Dauernd werde die Geschichte aufgewärmt.
Vorwürfe der Kirche bekannt
Erste Vorwürfe wegen Gewalttätigkeiten und Übergriffen gegen den Pfarrer von Sellrain gab es bereits 2001. Nach einer Entschuldigung bei drei Personen blieb der Geistliche in Amt und Würden. Zwei Jahre später kamen dem für Sellrain zuständigen Abt von Wilten, Raimund Schreier, wieder Vorwürfe zu Ohren. Diesmal beschwerten sich zehn Personen. Daraufhin wurde der Pfarrer suspendiert und in Therapie geschickt. 2004 forderte die Gemeinde Sellrain ihren Seelsorger zurück. Seit 2007 liest er nicht nur in Sellrain, sondern auch in Gries und St. Sigmund die Messe.
Durch ein Gerichtsverfahren wurden die Vorwürfe wieder laut. Ein ehemaliger Ministrant meldete sich bei der Erzdiözese Wien, die Opferschutzkommission prüft derzeit ein Entschädigungsverfahren. In der katholischen Gemeinde wird vor allem das "organisatorische Geschick" ihres Pfarrers bewundert. In Sellrain etwa finde die Heilige Messe alle 14 Tage am Sonntag und die restlichen zwei Wochen am Samstagabend statt. Dann sei der Pfarrer eben in Gries oder St. Sigmund.
Die Vorwürfe gegen ihr Kirchenoberhaupt kennen die Ortsbewohner. "Aber schon das letzte Mal haben wir keinen Grund gehabt, das zu glauben", sagt Lisi: "Er macht alles ordnungsgemäß. Wir könnten keinen besseren haben." Auch jetzt, nach dem Wiederauftauchen weiterer Vorwürfe, bleibt sie skeptisch: "Vernichtet ist ein Mensch gleich."
"Wenn was dran ist, wird er Strafe
bekommen"
Angelika bleibt mit ihrem Kinderwagen am Gehsteig stehen. Was los sei, überschreit sie neugierig den Verkehrslärm. Auf der Straße durch das Sellraintal knattert der Verkehr, Urlauber, Traktoren, Baumaschinen. Ach, schon wieder sei der Pfarrer Thema: "Mir ist das egal", sagt sie. Sie sei Zeugin Jehovas und: "Wenn an den Vorwürfen was dran ist, dann wird er wohl seine Strafe bekommen. Oder bekommen haben", meint sie: Sonst wäre er ja nicht mehr da.
Am Bankerl neben der Melach sitzt Martin. Was? In seiner ehemaligen Heimat im Sauerland habe es auch "Geschichten" über den Pastor gegeben: "Aber das war Dorftratsch." Martin sagt, er werde weiterhin jeden Sonntag in die Kirche gehen. Und beten, dass er wieder einen Job als Lkw-Fahrer findet.
Eine Intrige gegen den Ortspfarrer vermutet Bürgermeister Norbert Jordan. Frau Elisabeth kehrt immer noch vor dem Gemeindeamt: Heutzutage dürfe man ja niemanden mehr angreifen. Sie selbst habe als Kind in den Fünfzigerjahren auch noch Ohrfeigen bekommen. Und niemandem etwas davon gesagt: "Werden schon für irgendwas gewesen sein." Und nach dreißig Jahren mit Vorwürfen daherkommen, finde sie sowieso komisch: "Warum haben die nicht gleich etwas gesagt?" (Verena Langegger, DER STANDARD; Printausgabe, 19.4.2011)