Das Antibiotikum, das aus der Tiefe kam

19. April 2011, 19:16
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Krankheitserreger, die gegen Antibiotika immun sind, machen der Medizin Probleme - Wirkstoffe aus dem Meer sollen Abhilfe leisten - Ein Tullner Unternehmen testet sie auf ihre Verwertbarkeit in der Medizin

Evolution wirkt. Leider auch bei Krankheitserregern. Bakterienstämme, die gegen Antibiotika immun geworden sind, sorgen gerade in Krankenhäusern für schwer behandelbare Infektionen. Sie kosten letzten Endes auch Menschenleben. Enterokokken, die etwa Darminfektionen auslösen und selbst gegen das Reserveantibiotikum Vancomycin immun geworden sind, traten bereits in den 1980er Jahren auf und blieben ein nicht vollständig gelöstes Problem. Ähnliches gilt für MRSA-Infektionen: Multiresistente Staphylokokken greifen dabei Haut und innere Organe an.

Bei diesem Problemkreis hakt das in Tulln ansässige, 2008 gegründete Unternehmen Sealife Pharma ein. Auf der Suche nach neuen Mitteln gegen immun gewordene Erreger setzten die Forscher auf Wirkstoffe aus dem Meer. "Antimikrobielle Stoffe werden dort sehr oft gebildet", erklärt Alexander Pretsch, Meeresbiologe, Biomediziner und Geschäftsführer des mittlerweile auf zehn Mitarbeiter angewachsenen Start-ups. Ziel sei es, bis 2014 einen Wirkstoff entwickelt zu haben, der für ein Pharmaunternehmen interessant ist. Neben einem Forschungsauftrag eines chinesischen Unternehmens werden die Forschungen durch eine Beteiligung von Tecnet Invest, der Technologiefinanzierungsgesellschaft des Landes Niederösterreich und der PP Capital AG, ermöglicht.

Mikrobensuche mit Plan

Pretsch ist überzeugt, dass kleine Unternehmen viel effektiver in der Suche und anfänglichen Entwicklung von Wirkstoffen sein können. Die Basis sei das sogenannte Ecotargeting. Beschaffenheit der Lebensräume und die Charakteristik relevanter Substanzen werden bei der Suche als Anhaltspunkt genommen, um schneller und ohne das Ökosystem zu schädigen ans Ziel zu kommen. "Viel besser, als systematisch alles abzusammeln und zu extrahieren, ist, sich zu überlegen, was am Meeresboden vorgeht", sagt Pretsch. Algen brauchen etwa einen Mikrobenfilm, um zu gedeihen. Wenn ein nicht veralgter Organismus hervorsticht, ist es wahrscheinlich, dass ein antibakterieller Wirkstoff vorhanden ist. Zweimal waren die Forscher bereits selbst am Mittelmeer, um Material zu sammeln. Tropische Korallen, die sie von Korallenfarmen beziehen, sehen die Forscher als Fänger von Mikroben im Meer. Ableger beinhalten "jenseits der 90 Prozent an neuen Mikroben".

Sind die Mikroben dann kultiviert, wird ein Rohextrakt gewonnen. In einer ersten Screeningphase wird "geschaut, ob da etwas Interessantes drinnen ist": Stimmen Bioaktivität und Toxizität, werden die Rohextrakte in alle Bestandteile "bis zur aktiven Substanz runter" aufgetrennt. Der Prozess sei relativ aufwändig und dauere vier bis sechs Monate, sagt Pretsch. "Wir machen nichts anderes als Alexander Fleming vor bald 80 Jahren auch gemacht hat, als er das Penicillin gefunden hat. Wir haben halt salzige Medien."

Wirkstoff aus Mangrovenpilz

Ein Hauptprojekt von Sealife Pharma ist ein Pilz, der aus einer Mangrove isoliert wurde. Aus ihm sollen Antibiotika zur Behandlung von MRSA und Enterokokken entwickelt werden. "Was man damit alles behandeln können wird, ist heute noch gar nicht zu sagen." Eine der größten Schwierigkeiten wird sein, die Wirkstoffe an Tieren zu erproben. Die Versuche sollen durch das Verwenden von 3-D-Modellen minimiert werden, bevor es 2014 zum Erstversuch am Menschen bereit sein soll.

Auch abseits von Antibiotika-Ersatzstoffen haben immer mehr chemische und pharmazeutische Produkte ihren Ursprung im Meer: Ein in der Forschung oft benutzter fluoreszierender Farbstoff geht auf eine Qualle zurück. Krebsmedikamente, Kosmetika und Bioenergie-produzierende Algen sind weitere Forschungsgebiete. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. April 2011)

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    Korallen werden von Bakterien und Pilzen vor Krankheitserregern geschützt. Die Pharma-Forschung entwickelt aus ihnen Antibiotika.

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