"Es herrscht ein enormer Forschungsbedarf"

19. April 2011, 19:04
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Der deutsche Forscher Gerhard Ertl erhielt 2007 den Chemie-Nobelpreis - Klaus Taschwer sprach mit ihm über das Zukunftspotenzial der Chemie und über die Geschichte des Fachs am Beispiel von Fritz Haber

Standard: Haben Sie sich eigentlich gefreut, dass 2011 von der Uno zum Internationalen Jahr der Chemie erklärt wurde? Und wissen Sie, warum das geschah?

Ertl: Gefreut ist vielleicht etwas übertrieben. Der Hintergrund für die Entscheidung war sicher, dass die Chemie eine Schlüsselstellung für die künftige Lösung unserer globalen Probleme einnimmt und dass man das in die Öffentlichkeit rücken wollte. Insofern ist das schon eine gute Sache.

Standard: Die Chemie scheint im Vergleich zur Physik oder der Biologie an Attraktivität verloren zu haben.

Ertl: Das stimmt. Aber zugleich darf man nicht übersehen, dass die Chemie eine wichtige Brückenfunktion gerade zwischen diesen beiden Disziplinen hat. Und bei den Problemen, die vor uns stehen, ist die Chemie sehr viel mehr gefordert als die Physik: Man denke nur an die Entwicklung neuer Medikamente oder an die Frage der Energiespeicherung. Die Max-Planck-Gesellschaft hat übrigens gerade ein Institut zur chemischen Energiespeicherung gegründet.

Standard: Warum ist die so wichtig - und wie kann die Chemie dabei helfen?

Ertl: Das Problem ist nur, dass diese Energie auch gespeichert werden muss, weil die Sonne nachts nicht scheint und der Wind auch nicht immer weht. Die Hoffnung ist, dass völlig neuartige Batterien die Energiespeicher der Zukunft sein werden. Sonnenenergie und Windenergie haben wir genug. Aber da sind noch viele Dinge ungeklärt. Dasselbe gilt für die Brennstoffzellen, die ebenfalls noch nicht so weit sind.

Standard: Dennoch meinte FWF-Präsident Christoph Kratky, dass die wesentlichen Probleme der Chemie gelöst sind. Dafür wurde er prompt heftig angegriffen.

Ertl: Die Heftigkeit, mit der Kratkys Aussagen diskutiert wurden, scheint mir auf einem Missverständnis zu beruhen. In gewisser Weise hat er damit schon recht - einfach deshalb, weil es in der Chemie anders als in der Physik nicht darum geht, quasi die letzten Gesetzmäßigkeiten aufzuspüren. Andererseits wir haben natürlich noch viele, viele offene Fragen, die zu lösen sind.

Standard: Kann es also gar keine grundlegenden neuen Entdeckungen in der Chemie mehr geben?

Ertl: Die theoretischen Grundlagen der Chemie sind durch die Quantentheorien und die statistische Mechanik bekannt. Und daran wird sich nichts ändern. Man wird aber sicher noch viele chemische Reaktionen entdecken, an die man jetzt noch gar nicht denkt. Das Neue passiert in der Anwendung der Grundprinzipien.

Standard: Was sagen Sie dazu, dass auch die Forschungsanträge im Fach Chemie zurückgehen?

Ertl: Das hat sicher mit der Brückenfunktion der Chemie zu tun. Deshalb werden "chemische" Anträge auch in anderen Fächern gestellt. Ich selbst bin der Ausbildung nach ja auch Physiker, dennoch bekomme ich das Etikett Chemiker, weil ich eben dazwischen arbeite.

Standard: Sie sind für Ihre Forschungen im Bereich Oberflächenchemie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden und haben darüber vergangene Woche anlässlich der Carl Auer von Welsbach Lecture an der ÖAW darüber gesprochen. Warum ist die Chemie der Oberflächen so wichtig?

Ertl: Dabei geht es vor allem auch um Prozesse der Katalyse, also um chemische Reaktionen, die durch Katalysatoren zustande kommen, die sich dabei selbst nicht verbrauchen. 80 Prozent der Erzeugnisse der chemischen Industrie kommen durch solche Katalysen zustande. Insofern besteht ein großes Interesse der chemischen Industrie, hier Verbesserungen zu erreichen. Es herrscht also ein enormer Forschungsbedarf.

Standard: Gibt es genügend Nachwuchs, um den zu befriedigen?

Ertl: In Deutschland dürfte es jedenfalls genügend Studenten in den betreffenden Fächern geben. Und ich glaube, in Österreich sieht es auch nicht anders aus.

Standard: Aber gerade auch viele junge Nachwuchswissenschafter jammern, dass die Konkurrenz zu hoch sei, Karriere an der Uni zu machen.

Ertl: Eine Hochschullaufbahn einzuschlagen war immer mit einem Risiko verbunden. Das war früher nicht anders. Wir können einfach nicht alle unsere promovierten Leute zu Professoren machen. So viele brauchen wir nicht. Ein Unterschied zu meiner Zeit ist allenfalls, dass damals nur rund fünf Prozent eines Jahrgangs studiert haben, und heute sind es 40 Prozent.

Standard: Sie selbst leiteten viele Jahre lang eine Abteilung am Fritz-Haber-Institut in Berlin. Wie gehen Sie mit dem ambivalenten Erbe Habers um, der einerseits ein großartiger Chemiker war, andererseits aber auch bei dem Einsatz von Giftgas im Ersten Weltkrieg eine wichtige Rolle spielte?

Ertl: Wir haben uns aus Anlass des diesjährigen 100-Jahr-Jubiläums intensiv mit Habers Geschichte auseinandergesetzt, der erster Direktor des Instituts war, das erst 1951 nach Haber benannt wurde. Das geht auf Max von Laue zurück, der bestimmt kein Nazi oder Kriegstreiber war. Was den Ersten Weltkrieg angeht: Aus heutiger Sicht ist es schwer zu verstehen, mit welcher Begeisterung die Menschen damals in den Krieg zogen.

Standard: Der Erste Weltkrieg gilt eben wegen des Giftgaseinsatzes als "Krieg der Chemie". Halten Sie die Bezeichnung für legitim?

Ertl: Der Gaskrieg war nur eine Randerscheinung, wichtiger waren die Granaten. Die waren letztlich auch eine Entwicklung der Chemie. Wenn Haber sein Verfahren nicht entwickelt hätte, das die synthetische Herstellung von Ammoniak als Ersatz für Salpeter ermöglichte, wäre im Ersten Weltkrieg nach einem halben Jahr der Sprengstoff ausgegangen. Andererseits wären ohne die Düngemittel, die damit auch hergestellt werden, viele Millionen Menschen verhungert.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. April 2011)


Gerhard Ertl (74) studierte Physik und hat das Gebiet der Oberflächenchemie maßgeblich geprägt. Von 1986 bis 2004 war er Direktor der Abteilung Physikalische Chemie des Fritz-Haber-Instituts in Berlin. 2007 erhielt er den Chemie-Nobelpreis.

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    Gerhard Ertl vor dem Fritz-Haber-Institut, das heuer 100 Jahre alt wird. Ohne Habers Erfindungen wäre der Erste Weltkrieg weniger grausam gewesen. Sie bewahrten aber auch Millionen vor dem Hungertod.

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