Kaum Alternativen zum griechischen Haircut

19. April 2011, 18:07
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Zuerst abgebrannt, jetzt ausgebrannt: Griechenland steuert als erstes Euroland auf eine Umschuldung zu

Den Gläubigern des Staates, Banken und Pensionsfonds, drohen Milliardenkosten. Doch Alternativen zum Haircut sind rar.

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Wien - Da können die EU-Politiker noch so viel dementieren, die Investoren haben eine Pleite Griechenlands bereits eingepreist. Für einen zweijährigen Kredit verlangen Gläubiger derzeit von Athen schlanke 20 Prozent Zinsen. Allerdings bietet ein Haircut, bei dem einem Land ein Teil seiner Schulden erlassen wird, nicht nur Vorteile. Die gewichtigsten Argumente für und wider den Haircut:

+ Fairness Bisher waren die Lasten in Griechenland klar aufgeteilt. Die Bürger und der Staat mussten zwecks Budgetsanierung eisern sparen. Pensionisten haben ihre 13. und 14. Monatsbezüge verloren, Beamte den Großteil ihres Weihnachts- und Urlaubsgeldes. Die Mehrwertsteuer wurde erhöht. Im Gegensatz dazu hatten die Gläubiger Griechenlands (sofern sie ihre Papiere nicht verkaufen wollten) bisher keine Kosten - und das, obwohl sie in ein Hochrisikoland investiert haben. Ein Schuldenschnitt würde die Lasten gerechter verteilen.

- Themenverfehlung "Eine Umschuldung bringt nichts", warnt dagegen Stefan Rossmanith, Chefökonom der Bawag PSK. Denn Griechenlands Problem sei nicht der hohe Schuldenberg an sich, sondern es seien die ständig fälligen Zinszahlungen, die das Land nicht mehr bedienen kann. "Die Zinslast würde nur unwesentlich geringer durch eine Restrukturierung", meint Rossmanith. Auch Gabriel Stein, Ökonom bei Lombard Street Research in London, betont: "Eine Umschuldung hilft nicht wirklich, solange man sich vom Kapitalmarkt noch Geld ausleihen muss."

+ Fehlende Alternativen Was aber sind die Alternativen? Die EU und der Internationale Währungsfonds wollten Griechenland mit einem harten Sparkurs sanieren. Die Gehälter sollten so tief gedrückt werden, bis das Land wieder für ausländische Investoren interessant wird und mehr exportieren kann. Aber was hat Griechenland außer Schafskäse und Oliven schon zu exportieren? Maschinenbau oder eine Pkw-Industrie fehlt, die größte Exportgruppe sind Lebensmittel. Damit lässt sich aber ein Land nur schwer sanieren. Die Haushaltssanierung ist ebenfalls nicht gelungen. Durch den Wirtschaftseinbruch stagnieren die Steuereinnahmen.

- Ansteckung Wenn Griechenland umschuldet, bricht der Vertrauensdamm, befürchten Analysten. Dann könnten die Zinsen am Sekundarmarkt auch wieder für Länder wie Spanien steigen, warnt Ökonom Stein: "Auch Spanien und Italien haben noch ihre Probleme. Dabei sind die Märkte gerade recht optimistisch gestimmt, was diese Länder betrifft." In den vergangenen Monaten konnten sich diese Staaten aus dem Visier der Märkte befreien.

+ Bewährt Griechenlands Verschuldung liegt derzeit bei 143 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Ein Schuldenschnitt, der dem Land Luft verschafft, müsste nach Ansicht von Experten gewaltig sein. Bis zu sechzig Prozent der Verbindlichkeiten Athens müssten gestrichen werden. Das ist gewaltig, aber nicht unmöglich. In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Staaten umgeschuldet (Argentinien 2005, Russland 1999, Ukraine 1998-2000). Argentiniens Schuldenstand reduzierte sich 2005 von 130 auf 87 Prozent des BIPs. Das Land hat sich inzwischen erholt, das Pro-Kopf-Einkommen stieg seit 2005 um 50 Prozent.

- Bankenmalaise Eine Umschuldung wäre aber für Europas Banken sehr schmerzhaft. Diese halten direkt rund 112 Milliarden Euro an Staatspapieren von Portugal, Irland, Griechenland und Spanien. Bei einer Umschuldung müssten die Banken Wertberichtigungen vornehmen, auch für Kredite, die direkt von der Staatsbonität abhängen. "Sie haben ein Problem, die Verluste zu realisieren", betont Stein. Im Fall des Falles müssten Regierungen das für die Staatsrettung gedachte Geld in die heimischen Banken stecken.

+ Soziale Spannungen Griechenland wird monatlich von Streiks gegen den Sparkurs lahmgelegt. Die Proteste schlagen oft in Gewalt um. Auch die Arbeitslosenrate ist stark gestiegen (von 10,6 auf 14,1 Prozent seit Beginn des Sparprogramms). Ein Haircut könnte Griechenland Luft verschaffen, um das Tempo der Reformen und das Ausmaß der Einschnitte zu drosseln.

- Anreiz Schafft Griechenland den Präzedenzfall, dann könnten andere Staaten folgen. "Es könnte dann die Versuchung etwa für Portugal geben, lieber umzustrukturieren, um potenziell scharfe Sparmaßnahmen zu vermeiden", glaubt Stein. Dann könnten aussichtsreiche, aber schmerzhafte Konsolidierungsschritte in die Zukunft verschoben werden. (Lukas Sustala, András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 20.4.2011)

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