Die Verführungskraft aufrechter Zweifel

19. April 2011, 17:05
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Mit ihrem Album "Falling Into Place" unterstreicht Clara Luzia ihre Position als intelligente Singer-Songwriterin von internationalem Format

Wien - Die Sonnenkinder des Pop gehen einem schnell wohin. Wer auf dieser Welt dauernd gute Laune vorgaukelt oder gar tatsächlich hat, ist entweder ein bisserl trübe ins Rennen geschickt worden oder schlicht ein falscher Fuffzger. Weshalb die Schattenkaiser nicht nur authentischer wirken, sondern meist die interessantere Musik machen. So nach dem Büchner'schen Wort: "Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt Einem, wann man hinunterschaut." Dort wird's interessant.

Clara Luzia ist mit ihrem Werk eher der Welt im Halbschatten zuzurechnen. Die in Wien lebende Niederösterreicherin ist zwar keine Defätistin, aber zumindest eine aufrechte Zweiflerin. Und ihre Zweifel sickern in ihre Musik ein, machen sie brüchig, lassen sie ein wenig zerbrechlich erscheinen, ohne dass man gleich Mitleid bekommen müsste. Natürlich könnte das ein Manierismus sein, aber im Falle Luzias lässt sich das ausschließen, dafür ist ihr vier Alben umfassendes Werk zu deutlich gewichtet.

Das nun erscheinende Falling Into Place untermauert diese Einschätzung. Ihre poppige Folkmusik erscheint handwerklich souverän, aber es fehlt ihr der marktschreierische Impetus, das Aufdringliche, das Zwangsmissionarische.

Luzia und ihre Band verwenden ihre Energie lieber darauf, die Songs detailverliebt auszustatten, bauen auf die Verführungskraft des Subtilen. Hier werden Cello und Viola gestrichen, aus dem Piano sachlich Melancholie gehämmert, die Ukulele geschlagen, und für einige Songs steuert Hubert Mauracher elektronisches Gebrösel bei.

Zu dieser Detailarbeit passt, dass Luzia immer wieder betont, eigentlich keine klassische Bühnenfrau zu sein, weil sie sich dafür zu unwohl fühlt. Wobei man das als Gast bei ihren Konzerten nicht merkt. Es sei denn, man deutet das Fehlen üblicher Anbiederungs- und Animationsversuche dahingehend. Auch live wird kontrolliert gespielt, Rampensau ist Luzia keine.

Allen Zweifeln zum Trotz hat Luzia für ihr neues Album nun einen tendenziell optimistischen Titel gewählt: Falling Into Place ließe sich zumindest so deuten, dass sich manche Probleme von selbst lösen - wäre da nicht gleich der Eröffnungssong, der We Can Only Lose titelt. Doch am Spannungsfeld, das Luzia beackert, sind eindeutige Antworten auf schwierige Fragen so rar wie im richtigen Leben.

Unpeinliche Alltagspoesie

Weshalb man gut beraten ist, Luzias Musik nicht als bloße Klangtapete zu missbrauchen, sondern ihr tatsächlich zu lauschen. Da tritt eine unpeinliche Alltagspoesie zutage, die sich musikalisch längst des engen heimischen Korsetts entledigt hat und sich mit internationalen Namen wie Regina Spector messen kann - was auch außerhalb Österreichs so gesehen und gehört wird.

Wie sein Vorgänger ist Falling Into Place ein intelligentes Album geworden, das mit seinem Publikum auf Augenhöhe kommuniziert, ein sympathisches Kleinod rarer Güte. (Karl Fluch/DER STANDARD, Printausgabe, 20. 4. 2011)

Clara Luzia live: Mittwoch, 20. 4., Wuk, 9., Währinger Straße 59, Beginn 20.30 (pünktlich!)

  • Clara Luzia ist im Mai auf Österreichtournee, am Mittwoch 
präsentiert sie ihr neues Album live im Wiener Wuk.
    foto: corn

    Clara Luzia ist im Mai auf Österreichtournee, am Mittwoch präsentiert sie ihr neues Album live im Wiener Wuk.

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