"Man muss Religion als etwas Ernsthaftes betrachten"

19. April 2011, 15:50
119 Postings

Mohamed Andaloussi, Professor für Philosophie in Marokko, sprach mit daStandard.at über Islamkritik und deren Grenzen

Das Institut der Philosophischen Fakultät Innsbruck lud zu einem Gastvortrag mit dem Titel "Wie viel Kritik verträgt der Islam?". Der Vortrag selber war ein Beispiel für die Hürden des interkulturellen Dialogs: Mohamed Andaloussi sprach Arabisch, den Zusehern blieb es überlassen seinen übersetzten Text recht umständlich von einer Dialeinwand abzulesen. Die Zuhörerzahl und die rege anschließende Diskussion zeugten von der Aktualität des Themas.

daStandard.at: Herr Andoloussi, deutsche Politiker diskutierten kürzlich darüber: Ist der Islam historisch ein Teil Europas?

Andaloussi: Freilich! Der Koran hat seine Wurzeln ja in der jüdischen und christlichen Tradition.

daStandard.at: Wenn der Islam ein Teil Europas ist, dann müssen Europäer also auch das Recht haben ihn zu kritisieren.

Andaloussi: Natürlich, genau so, wie auch alle anderen Religionen kritisiert werden können, darf man auch den Islam kritisieren. Der Kritik sind aber Grenzen gesetzt.

daStandard.at: Und wo sind diese Grenzen, wer bestimmt sie?

Andaloussi: Ich kann nur für die Moslems sprechen: Es ist das Allerwichtigste für sie, dass der Prophet Mohammed ernst genommen wird. Kritik muss ethischen Grundsätzen unterliegen.

daStandard.at: Würden Sie also sagen, dass es berechtigt war, dass islamische Verbände den französischen Schriftsteller Michel Houellebecq wegen "Anstiftung zum religiösen Hass" verklagt haben?

Andaloussi: Ich kenne diesen Schriftsteller nicht. Aber, wie gesagt, Kritik muss ethischen Grundsätzen folgen. Wenn er beleidigend war, dann war die Klage auch berechtigt. Sehen Sie sich die dänischen Mohammed-Karikaturen an: Das Recht zu kritisieren ist natürlich gegeben, sie waren aber für Moslems sehr verletzend.

daStandard.at: Was denken die Menschen in Marokko über das Verhältnis der Europäer zum Islam?

Andaloussi: Die meisten "einfachen" Menschen haben keine Ahnung was die Europäer darüber denken. Für Intellektuelle und Philosophen sind die Entwicklungen in Europa sehr ernst zu nehmen. Wir wissen, dass der Islam vor Herausforderungen steht, müssen aber den interreligiösen und -kulturellen Dialog fördern. Wenn dieser nicht klappt, dann haben wir ein großes Problem.

daStandard.at: Wie wird Religion in Marokko diskutiert und kritisiert? Findet das öffentlich überhaupt statt?

Andaloussi: Es gibt einige Filme, die den Islam kritisieren und Denker wie zum Beispiel Mohammed Abed Al-Jabri, die in Marokko Kritik am Islam üben.

daStandard.at: Inwieweit wird Ihrer Meinung nach Islam-Kritik in Europa politisch instrumentalisiert? Es gibt politische Parteien, die sich vor allem durch die Islam-Kritik definieren.

Andaloussi: Solche Politiker verstehen kaum was von Politik, weil sie Religion nicht als ernsthafte Sache betrachten, sondern als etwas Unwichtiges im Leben. Es ist aber erstaunlich, dass dieses Instrumentalisieren so viele Leute anspricht.

daStandard.at: Können Sie Europäer verstehen, die verunsichert und verärgert sind, dass sich ihr gewohntes Lebensumfeld in den letzten Jahren durch die Globalisierung und demographische Veränderungen sehr schnell und sehr drastisch verändert hat?

Andaloussi: Ja, zu einem Teil schon. Aber die Wähler sollten genug Selbstvertrauen haben, um nicht Politikern zu verfallen, die ihnen Feindbilder anbieten. Dieses Feindbild ist im Moment der Islam.

daStandard.at: Ist es womöglich ein Fehler gewesen "Toleranz" zu fordern? Toleranz bedeutet "dulden" oder" gewähren lassen" und nicht "akzeptieren"?

Andaloussi: Bevor man von Toleranz redet, sollte man besser von Koexistenz sprechen. Dies kommt für mich vor der Toleranz.

daStandard.at: Was missverstehen Europäer in Ihren Augen am meisten am Islam und der arabischen Welt?

Andaloussi: Viele Moslems denken, dass der Westen das Recht der Differenz nicht anerkennt. Sie haben außerdem Angst, dass sie durch den westlichen Einfluss in ihrem Leben ihre Spiritualität verlieren. Das Hauptproblem ist aber, dass ein großer Teil der Moslems gleich viele Vorurteile über den Westen hat, wie es umgekehrt der Fall ist. (Willi Kozanek, 19. April 2011, daStandard.at)

  • Mohamed Andaloussi (Professor für Philosophie, Universität Moulay Ismaïl, Marokko) hielt einen Gastvortrag zum Theman "Wieviel Kritik verträgt der Islam?"
    foto: willi kozanek

    Mohamed Andaloussi (Professor für Philosophie, Universität Moulay Ismaïl, Marokko) hielt einen Gastvortrag zum Theman "Wieviel Kritik verträgt der Islam?"

    Share if you care.