Herr Lehrer muss draußen bleiben

  • Colaflaschen-Attacke in der 4B
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    foto: derstandard.at/mas

    Colaflaschen-Attacke in der 4B

  • Rollenspiel: Frau mit "Kinderwagen"
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    Rollenspiel: Frau mit "Kinderwagen"

  • Zum Foto einer Frau mit Kopfschleier schreiben die SchülerInnen einen fiktiven Steckbrief: "Ayse Lashin" heiße die Unbekannte, "Moslem" sei sie, "Stress zu Hause" habe sie, wird vermutet
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    Zum Foto einer Frau mit Kopfschleier schreiben die SchülerInnen einen fiktiven Steckbrief: "Ayse Lashin" heiße die Unbekannte, "Moslem" sei sie, "Stress zu Hause" habe sie, wird vermutet

  • Die Auflösung: Hinter dem Foto "Ayses" verbirgt sich in Wahrheit die Trainerin Jasmine Böhm. Für die SchülerInnen ein "Aha-Erlebnis", meint Böhm: "Sie sehen, wie ihre eigene Wahrnehmung gefiltert wird"
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    Die Auflösung: Hinter dem Foto "Ayses" verbirgt sich in Wahrheit die Trainerin Jasmine Böhm. Für die SchülerInnen ein "Aha-Erlebnis", meint Böhm: "Sie sehen, wie ihre eigene Wahrnehmung gefiltert wird"

Der "Problembezirk" reitet vor: Im 15. lernen SchülerInnen, wie man im richtigen Moment den Mund aufmacht

Gebückt sitzt sie da, die 14-Jährige Madina, ein zierliches Mädchen mit langen, schwarzen Haaren, und versinkt immer tiefer auf ihrem Stuhl, doch den Schlägen auf ihren Rücken entkommt sie nicht. Immer wieder hackt die Klassenkollegin mit den gut geformten Oberarmmuskeln von der hinteren Sitzreihe aus mit der Wucht einer fast vollen Colaflasche auf Madina ein. „He, hallo!", stänkert die Angreiferin, „was is Oida? Dreh dich um Oida! Hallo!", ruft sie bei jedem Schlag. Madina wehrt sich nicht. Ihre Sitznachbarin schaut zu und bleibt stumm. Auch die übrigen KlassenkollegInnen schweigen.

Attacke und Abwehr

„Stopp jetzt", sagt die Workshopleiterin. „Wir wiederholen das Ganze. Tamara, du greifst jetzt ein." Wieder regnet es Schläge auf Madinas Rücken. Ihre Sitznachbarin dreht sich um und redet laut auf die Angreiferin ein: „Hör jetzt auf!" Andere SchülerInnen springen von ihren Plätzen, gesellen sich dazu, protestieren mit Tamara gegen die Attacke. Schließlich hört die Angreiferin auf.

Es ist alles nur gespielt - heute zumindest. Vor einiger Zeit trug sich die Szene tatsächlich so zu, hier in der 4B. An Madinas Stelle stand damals ein Bub. Wer, das wissen hier alle, bis auf die Workshopleiterinnen. Seit Jahren wird K. (Name der Red. Bekannt, Anm.) gehänselt, verarscht, beschimpft. Nicht alle finden das gut. „Ich wollte schon öfter was sagen. Aber die, die da mitmachen, sind ja meine Freunde", beteuert Tamara. Also schweigt auch sie und sieht zu, wie die Szene eskaliert. Am Ende fließen meistens Tränen. „Dann tut er mir leid."

Tamara greift ein

Heute übt die Klasse im Rollenspiel, wie Tamara beim nächsten Mal einschreiten kann. Die Tische mit den einst bunten, und jetzt schon ziemlich fleckigen Schreibmatten wurden an den Rand geschoben, die Klasse sitzt im Sesselkreis, Herr Lehrer muss draußen bleiben.

Statt Frontalunterricht steht heute „Zivilcourage-Training" am Plan. „Damit die Schüler lernen, wie sie besser miteinander umgehen", erklärt der Direktor der KMS Sechshauserstraße. Nur zwei Klassen dürfen so ein Training besuchen. Warum gerade die 4B? „Weil es hier viele Schüler mit Migrationshintergrund gibt", glaubt Klassenvorstand Erich Schlinter. 

Mehr Migrantenkinder, mehr Konflikte - das scheint bei vielen PädagogInnen eine unausgesprochene Grundannahme zu sein. Wer näher hinsieht, mag zu anderen Schlüssen kommen. So auch hier: Erstens haben in der 4B zwar alle einen Migrationshintergrund, aber auch fast alle sind hier geboren. Zweitens geht es hier nicht um Integration, sondern um die ganz banale Brutalität des präpubertären Schulklassen-Machtkampfs. 

"Das war schon immer so"

Beim Mitschüler K., der im Rollenspiel von Madina verkörpert wird, sei die Erklärung ganz einfach, meint sein Klassenkollege P. (beide Namen sind der Red. bekannt, Anm.): „Das war schon immer so, dass der verarscht wird." Die Frage, warum das so ist, kostet P. schon etwas längere Nachdenkpause: „Er ist irgendwie nicht so wie ein Bub. Eher wie ein Mädchen. Weint immer gleich." Und für manche sei das eben ein Anlass, noch weiter zu sticheln. 

Heute sieht K., dass es auch anders geht. Die Klasse spielt den Flaschen-Angriff durch, ohne, dass dabei Namen genannt werden. Workshop-Leiterin Jasmine Böhm will nicht wissen, um wen es sich handelt. „Wir spielen das anonym durch." K. wirkt etwas nervös, als er zusieht, wie Madina sich an seiner Stelle schlagen lässt. Wie Tamara aufsteht und „Hör jetzt auf", schreit. Wie andere Tamara dabei unterstützen. Wie eine Gruppe von MitschülerInnen auf die Angreiferin zugeht. Wie die Angreiferin plötzlich selbst in die Opferrolle gerät. 

Zwei Mal vier Stunden dauert der Workshop. 1500 Euro kostet das ZARA-Training, ein knapp bemessener Preis, der gemessen an den Mitteln der Schule trotzdem astronomisch hoch erscheint: „Unser Elternvereins-Budget liegt bei 2500 Euro", sagt Direktor Bernhard Heinisch - „fürs ganze Jahr".

Der Bezirkschef zahlt

Dass sie hier zwei Tage lang spielerisch lernen dürfen, wie man im richtigen Moment den Mund aufmacht, verdanken die SchülerInnen dem Engagement von einer Seite, bei der man es nicht unbedingt vermuten würde: der Bezirkspolitik.

Insgesamt nehme der Bezirk 25.000 Euro für Zivilcourage-Workshops an Schulen im gesamten Bezirk in die Hand, sagt Claudia Dobias, stellvertretende Bezirksvorsteherin in Rudolfheim-Fünfhaus. Das Ziel: „Gewaltprävention". Die Erklärung: Wer bei den ganz Jungen ansetze, bewirke am meisten.

Die Schulen waren sofort für die Idee zu begeistern. Eine Umfrage bei den DirektorInnen habe einen Bedarf an 74 Workshops ergeben - „weit mehr, als wir im ersten Durchgang unterbringen können", sagt Dobias. Im Herbst wolle man die Trainings-Serie fortsetzen - als Vorreiterbezirk in Wien.

Ärger in der U-Bahn

Auch Integrationsprobleme kommen beim Workshop zur Sprache. Allerdings nicht von jener Sorte, wie sie immer wieder in Politikerreden auftauchen. Daniel ist sichtlich verärgert darüber, „dass so oft auf der Straße rassistische Sprüche kommen, und niemand sagt etwas dagegen". Es sei gar nicht so lange her, da sei er mit der U-Bahn gefahren, „und da ist etwas passiert". Eine Frau mit Kopftuch habe mit ihrem Kinderwagen einsteigen wollen, doch ein Mann sei ihr entgegen getreten. Mit ausgestreckten Armen habe er sie am Einsteigen gehindert und „Nur für Österreicher" gesagt. „Niemand hat etwas unternommen", erzählt Daniel - auch er selbst nicht. Die Frau sei dann im nächsten Waggon eingestiegen.

"Kopftuchmafia"

Im ZARA-Workshop wird die Szene mit verteilten Rollen durchgespielt. „Wer will das Opfer spielen?", fragt Trainerin Monika Lohfeyer. Soraia meldet sich. Auch sie trägt ein Kopftuch. Sie selbst sei deswegen aber noch nie diskriminiert worden, versichert sie. Erst auf Nachfragen erzählt sie, dass sie in der Schule „schon manchmal beschimpft" werde: „Wenn wir streiten, dann sagen sie ‚Kopftuchmafia‘". Jetzt schiebt sie einen Stuhl vor sich her, ein Mitschüler stellt sich ihr in den Weg. Soraia sagt nichts, sie bleibt stehen, und wartet. Im Rollenspiel muss sie nicht lange warten, fünf andere SchülerInnen warten schon auf ihren Auftritt. „He, lass sie rein!", schimpfen sie mit dem Täter, fuchteln wild herum, drängen ihn an den Rand. Soraia schiebt den Sessel in die imaginierte U-Bahn. Ende der Szene.

Ob er glaubt, dass der Workshop etwas bringt? „Ich hoffe schon", sagt Daniel. „Die Leute in der U-Bahn reagieren nicht, weil sie Angst haben. Aber wenn einer anfängt, dann trauen sich die anderen auch." Daniel wünscht sich, dass er das nächste Mal etwas sagen wird. Ob ihm das Training dabei hilft? „Ja, auf jeden Fall."

Das Wetter macht aggressiv

Der Direktor selbst meint, vieles habe sich in der Schule verändert, „ 40 verschiedene Muttersprachen sind jetzt bei uns vertreten." Das Training habe er gebucht, „weil die Kinder nicht gut miteinander umgehen". Es gehe brutaler zu als früher. „Wenn einer schon am Boden liegt, hauen sie immer noch hin." Was das mit der Herkunft zu tun habe? Bernhard Heinisch zuckt mit den Schultern. „Dass sie aggressiv sind, kann viele Gründe haben. Das kann auch am Wetter liegen." Nach einer kurzen Nachdenkpause meint er: „Es ist die Perspektivenlosigkeit. Viele Schüler haben arbeitslose Eltern - wir sind halt im 15. Bezirk." (Maria Sterkl, derStandard.at, 19.4.2011)

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