Geberkonferenz in Kiew: 550 Millionen Euro für neuen Sarkophag

19. April 2011, 11:38
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Erster Schutzmantel von 1986 weist Risse und Löcher auf und gilt als nicht mehr sicher

Kiew - 25 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl erhält die Ukraine eine weitere halbe Milliarde Euro für eine neue Reaktor-Schutzhülle. Bei einer Geberkonferenz in Kiew vor dem Jahrestag des Super-GAUs sagte EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso: "Tschernobyl ist eine deutliche Erinnerung daran, dass das atomare Risiko nicht an Grenzen haltmacht. Unsere Verantwortung und unsere Solidarität sollten ebenfalls nicht an Grenzen stoppen."

Für den Bau der Schutzhülle seien weitere 700 Millionen Euro nötig, sagte Barroso. Bisher sind nach Angaben des Chernobyl Shelter Fund 864 Millionen Euro für den Bau der Schutzhülle geflossen. Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch rief zu gemeinsamen Anstrengungen auf. "Tschernobyl war eine Katastrophe für die ganze Welt, und die ganze Welt muss bei den Arbeiten helfen", sagte er.

Noch 180 Tonnen Kernbrennstoff

Atomexperten forderten unterdessen, den noch immer im Reaktor liegenden Kernbrennstoff zu bergen. "Das wird noch wesentlich komplizierter, gefährlicher und teurer als jede neue Schutzhülle", sagte Tobias Münchmeyer von Greenpeace. Es sei ein "Skandal", dass weder die Ukraine noch die internationale Gemeinschaft an einem Konzept für die Bergung der 180 Tonnen Kernbrennstoff aus dem Reaktor 4 arbeiteten.

Die Konferenz sammelte nach Angaben der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) vorläufig 550 Millionen Euro. Mit 120 Millionen Euro sei die EBRD der größte Einzelspender, hieß es. Barroso sagte 110 Millionen Euro von der EU zu. Russland will in diesem und im nächsten Jahr 45 Millionen Euro in Tschernobyl-Projekte investieren. Die Ukraine selbst zahlt nach Angaben Janukowitschs 19 Millionen Euro. Der neue Sarkophag soll verhindern, dass weitere radioaktive Strahlung entweicht. Der bisherige Mantel ist undicht und droht einzustürzen.

Unterdessen besichtigte EU-Kommissar Andris Piebalgs die atomare Sperrzone rund um den explodierten Reaktor. Dort wird an diesem Mittwoch auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erwartet, der zudem an einer Konferenz über atomare Sicherheit in Kiew teilnehmen will.

Sicherheit erneut auf dem Prüfstand

Die Konferenz, an der eine Reihe von Staaten - darunter die Mitglieder der EU und der G8 - teilnehmen, ist der Auftakt einer Woche, in der die Ukraine an die bisher schlimmste Atomkatastrophe erinnert. Am 26. April 1986 war der Reaktor 4 des Kernkraftwerks in Tschernobyl explodiert. Durch die freigesetzte Radioaktivität starben Tausende Menschen, weite Landstriche wurden unbewohnbar.

"Weder die Ukraine noch die Weltgemeinschaft haben das Recht, die Antworten auf die Fragen zu verweigern, mit denen uns Tschernobyl konfrontiert hat", sagte Janukowitsch. Die Sicherheit der Atomkraft steht durch die Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima, die vergangene Woche auf dieselbe Stufe wie die von Tschernobyl gehoben wurde, erneut auf dem Prüfstand. Allerdings stehe die Atomkraft für die Ukraine nicht infrage, sagte Janukowitsch. Er begründete dies damit, dass es seit Tschernobyl keine Funktionsstörung an den vier Kernkraftwerken seines Landes gegeben habe.

Weißrussland plant neues AKW

Neben der Ukraine waren 1986 vor allem Weißrussland, aber auch Russland von der Strahlung betroffen. Die autoritär geführte Ex-Sowjetrepublik Weißrussland plant bis 2017/18 ungeachtet der schweren Strahlenschäden mit russischer Hilfe für rund 6,3 Milliarden Euro ein erstes Atomkraftwerk. Der Neubau in Ostrowez im Gebiet Grodno liegt nahe der Grenze zu den EU-Mitgliedern Polen und Litauen. Die weißrussische Führung verbot aus Angst vor Protesten eine traditionelle Tschernobyl-Gedenkveranstaltung. (APA)

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    Auf dem verstrahlten Gelände des Kraftwerks Tschernobyl wurde im Februar 2011 eine 110 Meter hohe Schutzhülle gebaut, die über den brüchig gewordenen "Sarkophag" gestülpt wurde. Nun soll ein komplett neuer Schutzmantel errichtet werden.

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