"Fall Strasser hat überhaupt nichts mit Lobbying zu tun"

posten

PRVA-Präsidentin Ingrid Vogl über die angekratzte Reputation der PR-Branche, Honorarrichtlinien, das geplante Lobbyingregister und die drei PR-Todsünden in sozialen Netzwerken

"Die Fälle Strasser, Hochegger schaden der PR-Branche, die Reputation sei dadurch angekratzt", sagt PRVA-Präsidentin Ingrid Vogl im derStandard.at-Chat. Der Fall Strasser habe aber "überhaupt nichts mit Lobbying oder PR-Arbeit zu tun", sondern sei "schlicht und einfach Korruption und politische Bestechung".

Ob sie garantieren könne, dass Mitglieder des PRVA korrekt arbeiten? "Ich kann nicht für 600 Mitglieder die Hand ins Feuer legen, gehe aber davon aus, dass PRVA-Mitglieder, nachdem sie den PRVA-Ehrenkodex unterzeichnen, wissen, was von ihnen erwartet wird. Ob jemand das Anständigkeitsgen in sich trägt oder nicht, kann ich schwer beurteilen."

Sie betont die Notwendigkeit, dass "alle Lobbyisten in das Register aufzunehmen also auch Kammern, Gewerkschaften, etc. und auch die sogenannten in-house-Lobbyisten." Vogl: "Alles andere wäre eine Diskriminierung einer ganzen Branche, nämlich der PR-Branche".

ModeratorIn: Wir begrüßen PRVA-Präsidentin Ingrid Vogl zum Chat und freuen uns auf eine spannende Stunde.

Ingrid Vogl: Auch von meiner Seite Hallo und ich freue mich schon auf spannende, interessante und auch herausfordernde Fragen.

to mate: Sie haben den PRVA nach den Lobbying-Fällen in einer schwierigen Situation übernommen. Haben Sie es schon bereut?

Ingrid Vogl: Nein, weil ich liebe Herausforderungen und gerade weil das Thema derzeit so öffentlich ist, bietet sich die große Chance, aufzuzeigen, was tatsächlich Lobbying ist und was es nicht ist.

ModeratorIn: Da haken wir gleich nach: Was ist Lobbying und was nicht?

Ingrid Vogl: Voraussetzen muss man, dass Politik mittlerweile so komplex ist, dass politische Entscheidungsträger auf einem regen Informations- und Kommunikationsaustausch mit Wirtschaft, Wissenschaft und diversen anderen gesellschaftlichen Bereich angewiesen ist. Unternehmen, Organisationen, diverse Interessensverbände kommen diesem Bedürfnis entgegen und platzieren bei dieser Gelegenheit ihre Interessen und Bedürfnisse und versuchen auf diese Art und Weise auf die politischen Entscheidungsträger einzuwirken. Das ist in einem demokratiepolitischen System ein ganz legitimer Prozess und wird eben von der PR-Teildisziplin abgedeckt.

to mate: Wie sehr schaden die Lobbying-Causen wie Strasser, Hochegger, dem Ansehen der PR?

Ingrid Vogl: Diese Fälle schaden der PR-Branche, die Reputation der PR-Branche ist dadurch angekratzt, wobei eindeutig zu klären ist: im Fall Hochegger ist bis dato noch immer nicht im Detail bekannt, welche Leistungen tatsächlich hinter den in der Öffentlichkeit genannten Honorarbeträgen stecken. Im Fall Strasser hat das überhaupt nichts mit Lobbying oder PR-Arbeit zu tun, sondern ist schlicht und einfach Korruption und politische Bestechung. Und der PRVA distanziert sich in aller Deutlichkeit von derartigen Verhaltensweisen.

ModeratorIn: War Hochegger eigentlich auf PRVA-Mitglied?

Ingrid Vogl: Ja, war Agenturmitglied. Bei den ersten Anschuldigungen in Richtung Hochegger hat der PRVA um eine Stellungnahme seitens Hochegger bzw. um Detailinformationen gebeten. In ihrer Stellungnahme hat die Agentur Hochegger ihre PRVA-Mitgliedschaft ruhend gestellt, mit dem Hinweis, bis zur Klärung. Nachdem die Agentur relativ rasch darauf aufgelöst wurde bzw. durch neue Eigentümerkonstruktionen auf neue Beine gestellt wurde, hat sich ein im Raum stehender PRVA-Ausschluss erledigt.

ModeratorIn: Können Sie garantieren, dass alle Mitglieder des PRVA korrekt arbeiten?

Ingrid Vogl: Ich kann nicht für 600 Mitglieder die Hand ins Feuer legen, gehe aber davon aus, dass PRVA-Mitglieder, nachdem sie den PRVA-Ehrenkodex unterzeichnen, wissen, was von ihnen erwartet wird. Ob jemand das Anständigkeitsgen in sich trägt oder nicht, kann ich schwer beurteilen.

ModeratorIn: Was hat man von einer Mitgliedschaft beim PRVA? Warum sollten Agenturen hier mitmachen?

Ingrid Vogl: Der PRVA bietet seinen Mitgliedern, sowohl Agenturen als auch Unternehmenskommunikatoren, eine breite Palette an Ausbildungs- und Weiterbildungstools, viele Best-Practice-Beispiele, einen regen Erfahrungsaustausch, eine Vielzahl an Veranstaltungen und nicht zu vergessen, ein breites PR-Netzwerk.

ModeratorIn: Was kostet eine Mitgliedschaft?

Ingrid Vogl: 295 Euro im Jahr. Ab nächstem Jahr bieten wir für sogenannte Young PRofessionals (bis 27 Jahre) begünstigte Einstiegsmöglichkeiten.

to mate: Stichwort "Was war mei Leistung?" - nach den großen Skandalen ruft man nach Honorarregelungen. Warum ist das nicht schon vorher passiert?

Ingrid Vogl: Das EU-Kartell-Gesetz erlaubt es Verbänden gar nicht, Honorarrichtlinien zu veröffentlichen. Der PRVA hatte früher auf seiner Homepage Honorarbandbreiten publiziert, diese mussten auf Grund dieses EU-Kartell-Gesetzes wieder entfernt werden. Wir selbst sind daran interessiert, möglichst viel Transparenz zur Honorargestaltung zu liefern und werden uns in den nächsten Monaten intensivst damit auseinandersetzen in welcher Form wir das bewerkstelligen können ohne den EU-Kartell-Regelungen zu widersprechen. Da ist unsere Kreativität durchaus gefordert.

Rigglerobber: Wenn ich eine Lobbying-Agentur brauche, um mit politischen Anliegen Gehör zu finden, zeigt das nicht ein Strukturdefizit in unserer Demokratie? Und was machen jene, die sich keine Lobbyisten leisten können?

Ingrid Vogl: Informationsaustausch zwischen politischen Entscheidungsträgern und diversen gesellschaftlichen Gruppierungen zählen zu den wesentlichen Elementen der Demokratie. Für jene die sich keinen Lobbyisten leisten können, gibt es die diversen Interessensverbände, wie z.B. Wirtschaftskammer, Gewerkschaften und diverse NGOs.

ModeratorIn: Wie sehen Sie die Chancen, das alle Lobbysten in das geplante Register aufgenommen werden und nicht nur Agenturen oder Einzelvertreter?

Ingrid Vogl: Wir vom PRVA haben ganz schnell mit Brief an die Justizministerin, Klubobleute, Parteivorsitzende, Bundespräsidenten, Nationalratspräsidentin auf das von Claudia Bandion-Ortner in Aussicht gestellte Lobbyisten-Register reagiert und darauf hingewiesen, dass es unbedingt notwendig ist, alle Lobbyisten in das Register aufzunehmen also auch Kammern, Gewerkschaften, etc. und auch die sogenannten in-house-Lobbyisten. Alles andere wäre eine Diskriminierung einer ganzen Branche, nämlich der PR-Branche. Wir haben Mitsprachemöglichkeiten eingefordert. Wie das angesichts des aktuellen Regierungswechsels weitergeht, steht in den Sternen.

ModeratorIn: Auch Anwälte treten nicht selten als Lobbyisten auf, sollten auch Anwälte in dieses Register, sobald sie lobbyieren?

Ingrid Vogl: Selbstverständlich gehören die mit hinein, wenn sie Lobbyingtätigkeiten durchführen.

Bernardo: Können Sie Beispiele für Lobbying-Maßnahmen geben? Und sind informelle Maßnahmen, persönliche Beziehungen nicht immer der beste Weg?

Ingrid Vogl: Lobbyingtätigkeit besteht ja zum größten Teil aus persönlichen Gesprächen und aus über Jahre aufgebaute Informationsstrukturen.

der große weiche hai: Welche Rolle spielt für Sie als PR-Expertin eigentlich die digitale Welt, von Onlinemedien bis Social Media Angeboten?

Ingrid Vogl: Eine große Rolle, weil sie die Zukunft der PR-Branche wesentlich beeinflussen werden. Die technologische Entwicklung, Stichwort Web 2.0, führt dazu, dass das klassische Sender-Empfänger-Modell komplett aufgebrochen wird. Mittlerweile ist jeder in der Lage selbst redaktionelle Inhalte ins Netz zu stellen, d.h. wir haben es mit einer many-to-many-Kommunikation zu tun. Die PR-Branche muss sich selbstverständlich damit auseinandersetzen.

UserInnenfrage per Mail: Inwiefern nutzt der PRVA Social Media?

Ingrid Vogl: Wir haben eine sehr aktive Homepage, über die wir mit unseren Mitgliedern intensiven Dialog bewerkstelligen. Facebook ist klarerweise auch in unserem Portfolio. Für unsere Mitglieder bieten wir einen eigenen Arbeitskreis zum Thema an.

UserInnenfrage per Mail: Sie sagen, dass Sie Themen wie Social Media und PR angehen wollen. Wer ist für eine Social-Media-Kamapgne für ein Unternehmen zuständig? Werbeagentur, PR-Agentur, spezielle Online-Agentur?

Ingrid Vogl: Als Anhängerin der integrierten Kommunikation ist für mich Social-Media als Teildisziplin der PR-Aktivitäten angesiedelt. Was ich dazu brauche sind Social-Media-Experten.

Manfred Bieder: Was sind die drei PR-Todsünden auf sozialen Netzwerken?

Ingrid Vogl: Langeweile/veraltete Infos, kein Dialog, langsame Reaktion.

UserInnenfrage per Mail: Sind Sie in den social networks wie Twitter oder Facebook vertreten?

Ingrid Vogl: Facebook bin ich vertreten. Twittern, muss ich gestehen, lässt mein derzeitiges Zeitportfolio nicht zu.

Rigglerobber: Wie wird man Lobbyist? Außer über den offensichtlichen Weg, sich vorher als Parteisoldat ein Netzwerk aufzubauen und sich dann selbständig zu machen.

Ingrid Vogl: Es gibt ja keine konkreten beruflichen Voraussetzungen und keine spezielle Ausbildung dazu. Hauptsächlich werden Personen, die selbst in der politischen Kommunikation tätig waren, Lobbyisten. Ganz einfach, weil sie über die politischen Netzwerke gut bescheid wissen und dieses Wissen entsprechend einsetzen wollen.

Rigglerobber: Wo bleibt die Waffengleicheit zwischen NGOs und Bürgerinitiativen einerseits und wirtschaftlichen Interessensgruppierungen andererseits, die ungleich mehr Ressourcen in Lobbying stecken können?

Ingrid Vogl: Erstens pflege ich nicht mit Waffen zu arbeiten, egal auf welcher Seite. Ich kann auch nicht wirklich verifizieren, wer wieviel Ressourcen in das Lobbying steckt. Wenn ich mir in etwa Greenpeace anschaue, dann können die durchaus mit Wirtschaftsbereichen mithalten. Aber nochmals, mir fehlen zur vollständigen Beantwortung Ihrer Frage Fakten und Daten.

ModeratorIn: Zu Transparenz: Oft veröffentlichen Agenturen nicht ihre Kunden nicht auf ihrer Homepage für die sie Lobbyismus betreiben. Warum ist es ein Geheimnis, für wen man arbeitet? Man kann doch mit offenen Karten spielen, oder nicht?

Ingrid Vogl: Wir vom PRVA sind für die volle Transparenz und daher auch für das Lobbyistenregister. Wir sehen im Lobbying keine Geheimniskrämerei.

notanaddict: Ihre genannten In-House-Lobbyisten sind schwer greifbar, diese können im PR, im Marketing, in der Geschäftsführung angesiedelt sein. Wie kann man realistischerweise zu diesen Informationen für das Register kommen?

Ingrid Vogl: Genau das ist der Teufel im Detail, der im Zusammenhang mit dem geplanten Lobbyistenregister zu diskutieren ist. Von der Justizministerin wurde meines Wissens diesbezüglich eine parlamentarische Enquete in Aussicht gestellt, bei der unter anderem diese Themen angesprochen werden sollten.

ModeratorIn: Noch einmal zur Transparenz: Was sollte in diesem geplanten Register stehen? Der Name der Lobbyisten und auch der Auftraggeber?

Ingrid Vogl: Sowohl als auch. Und in welcher Sache.

Rigglerobber: Wäre es nicht wünschenswert, wenn es für Lobbying eine strukturierte Ausbildung und ein klares Anforderungsprofil gäbe? Bisher ist die wichtigste Qualifikation: "Ich kenn' einen Haufen Entscheidungsträger" - zieht das nicht zwangsläufig dubiose Akt

Ingrid Vogl: Wir beschäftigen uns derzeit im PRVA im Rahmen eines Arbeitskreises genau mit diesen Fragen. Wir diskutieren unter anderem Richtlinien, Kodizes, Ausbildungsmöglichkeiten, etc. und werden dann gerne über unsere Erkenntnisse und Ergebnisse informieren.

ModeratorIn: Wann sollen diese Richtlinien und Kodizes präsentiert werden? Gibts hier schon einen Zeitplan?

Ingrid Vogl: Unser Arbeitskreis hat Anfang des Jahres seine Diskussionen gestartet, unter der Leitung des PRVA-Mitglieds Feri Thierry. Konkreten Zeitpunkt kann ich nicht nennen, denn nicht zu vergessen: die Mitglieder des Arbeitskreises machen das in ihrer Freizeit neben ihrer beruflichen Tätigkeit.

ceterum*censeo: Immer mehr Medien - auch Qualitätsblätter - bieten den Unternehmen "Kooperationen" an, bei denen die Trennlinie zwischen Werbung und redaktioneller Arbeit nicht scharf ist. Drängt der PRVA auf strengere Regelungen?

Ingrid Vogl: Mit dieser Materie beschäftigt sich der Ethikrat. Der PRVA ist einer der Mitbegründer des Ethikrats. Der Ethikrat hat eine eigene Homepage und die lautet: www.prethikrat.at. Dort finden sie bereits konkrete Stellungnahmen.

notanaddict: Eine reine PR-Frage ohne Lobbying: Welche Ausbildung empfehlen Sie, wenn man in die PR gehen möchte; auch berufsbegleitend? Die Auflistung auf der PRVA Site kenne ich - was ist Ihr persönlicher Favorit?

Ingrid Vogl: Es gibt mittlerweile in Österreich an die 600 Ausbildungslehrgänge mit PR-Schwerpunkt. Unter anderem gibt es in Wien und Salzburg auch eine PR-Professur. An der Gründung der Wiener PR-Professur war der PRVA wesentlich beteiligt. Bitte um Verständnis, dass ich keine spezielle Empfehlung ausspreche, weil die Entscheidung für einen Ausbildungsweg von verschiedensten Faktoren abhängt. Was ich allerdings auf alle Fälle empfehle, ist praktische Begleitung.

to mate: Berliner Hauptstadtjournalisten sorgten erst vor kurzem für Lacher, weil sie hartnäckig hinterfragten, ob ein Regierungssprecher eine Reise Merkels exklusiv auf Twitter ankündigigen darf. Ist das die Zukunft und die klassische PR-Aussendung ein Ausl

Ingrid Vogl: Ich bin für einen gesunden Mix aller Kommunikationsaktivitäten abhängig von meiner jeweiligen Zielgruppe.

ModeratorIn: derStandard.at bedankt sich bei Frau Vogl für das Kommen und bei den Usern für die Fragen. Wir wünschen einen schönen Tag!

Ingrid Vogl: Danke für die interessanten Fragen, möchte aber schon noch darauf hinweisen, dass PR mehr als Lobbying ist. Weiters möchte ich noch einmal ausdrücklich betonen, dass tausende von PR-Experten in Österreich tagaus tagein seriöse und anständige Arbeit leisten und durch Vorfälle á la Hochegger vollkommen ungerechtfertigt zum Handkuss kommen.

Share if you care.