"Quereinsteiger sind öfter mit Neid konfrontiert"

20. April 2011, 10:30
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Die ehemalige Gesundheitsministerin über Attacken aus den eigenen Reihen und das "traurige" Politikerleben

Andrea Kdolsky, von 2007 bis 2008 Gesundheits- und Familienministerin der ÖVP, war während ihrer Amtszeit medial umstritten. Nach zwei Jahren Regierungszeit schied sie aus der Politik aus. Quereinsteiger, so wie etwa die jüngst aus dem Regierungsteam ausgeschiedene Justizministerin Claudia Bandion-Orntner stünden in der Spitzenpolitik vor besonderen Schwierigkeiten, weil sie keine "Hausmacht" haben, so Kdolsky. Die Fragen stellte Katrin Burgstaller.

derStandard.at: Sie sind vor vier Jahren als Quereinsteigerin in die Politik gegangen und waren zwei Jahre Gesundheitsministerin. Auch die Justizministerin Claudia Bandion-Ortner scheidet nun nach zwei Jahren wieder aus. Haben es Quereinsteiger in der Spitzenpolitik besonders schwer?

Kdolsky: Man darf prinzipiell keinen Fall mit dem anderen vergleichen. Es ist ein Fakt, dass sich in Österreich kein einziger Quereinsteiger in der Spitzenpolitik gehalten hat – und zwar quer durch alle Fraktionen. Der Top-Journalist und Moderator Josef Broukal oder der Wissenschafter Hans Tuppy, der für den Nobelpreis nominiert war, sind Beispiele dafür. Um in Österreich in der Spitzenpolitik zu überleben, braucht man eine Hausmacht, wie die Gewerkschaften oder die Bünde. Diese Hausmacht fehlt Quereinsteigern oft. Sie sind der gesamten Attacke ausgesetzt und profitieren von keinerlei Schutzmechanismen.

derStandard.at: Müssen sich Quereinsteiger stärker beweisen?

Kdolsky: Sie sind öfter dem Neid und der nicht immer freundlichen Aggression von Zweite- und Dritte-Reihefunktionären aus der eigenen Partei konfrontiert. Traditionelle Parteiarbeit von Jugend an und Fachkompetenz prallen hier aufeinander. Wenn man von den eigenen Parteikollegen angegriffen wird, ist das doppelt so schlimm.

derStandard.at: Expertentum alleine dürfte für die Politik aber nicht ausreichen?

Kdolsky: Prinzipiell steht man vor der großen Schwierigkeit, dass der Beruf des Spitzenpolitikers die einzige Top-Position ist, bei der es keine Job-Description gib. Somit ist auch die Aufgabenstellung diffus. Bei den Auswahlkriterien zählt im Gegensatz zur Wirtschaft oft nicht in erster Linie die Qualifikation sondern es müssen auch unterschiedliche Interessen befriedigt werden. Die fachliche Qualifikation ist bei Quereinsteigern oft höher als bei internen Aufsteigern. Neben dem Fachwissen braucht man aber auch viele andere Werkzeuge: Die Kenntnis der Gesamtstruktur, Know-how über interne Abläufe, Verhandlungsgeschick und die Fähigkeit sich Netzwerke aufzubauen.

derStandard.at: Im Zuge des Rücktrittes von Josef Pröll wurde auch über die ungesunden Arbeitsbedingungen in der Spitzenpolitik diskutiert. Muss dieses Arbeitsfeld so ungesund sein oder geht's auch anders?

Kdolsky: Politiker sind Menschen, die aus der Bevölkerung kommen und letztendlich für die Bevölkerung ihre Arbeit leisten, daher sollten auch für sie Kriterien der Prävention wie zum Beispiel betriebliches Gesundheitsmanagement gelten. Spitzenpolitiker können aufgrund ihrer Tätigkeit gar nicht gesund leben. Sie haben keine regelmäßigen Tag- Nachtrythmen oder stabile Zeiten, in denen sie essen und ausreichend trinken können. Man schläft zu wenig und aufgrund der Reisetätigkeit, die für Politiker immer mehr zunimmt, kommt es zu häufigen Zeitverschiebungen. Selbst wenn man – egal welchen – Sport betreibt, wird von den Medien kritisiert, weil man sich einen Skiurlaub leistet, nach Übersee fliegt oder Golf spielt. Oder es landen unvorteilhafte Fotos aus dem Fitnesscenter in der Zeitung.

derStandard.at: Man ist also einem sehe hohen Druck ausgesetzt?

Kdolsky: Man steht ununterbrochen in der Öffentlichkeit und muss sich bei jedem Schritt überlegen was man tut, bis man nicht mehr sich selbst ist. Menschen, die immer normal gelebt haben, sind auf einmal panisch, weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen. Diese Öffentlichkeit baut einen enormen psychischen Druck auf, der sich oft viel schlimmer ist auswirkt, als körperliche Belastung. Zudem lebt der Politiker in kaum lösbaren Konflikten. Man hat zumeist in der Spitzenpolitik kaum wirkliche Entscheidungsmöglichkeit. Aktuell wurde hervorgehoben, dass sich der designierte ÖVP-Parteiobmann sein Team selbst aussuchen kann. In allen anderen Toppositionen ist das selbstverständlich. Und: Für viele Fragen gibt es aber keine Lösung oder kein Geld. Trotz der Dauerkonfliktsituationen haben Spitzenpolitiker keine Erfolge. Der Politiker wird äußerst selten gelobt, was nicht moderner Personalführung entspricht.

derStandard.at: Sind sie auch nie gelobt worden? Auch nicht von der Partei selbst?

Kdolsky: Nein, nie. Ich könnte mich nicht daran erinnern.

derStandard.at: Den idealen Politiker gibt es nicht?

Kdolsky: Nein. Man findet an jedem etwa Negatives. Während der eine zu liberal und zu bunt ist, heißt es bei jemanden der einen konservativeren Kurs steuert, er ist eine graue Maus. Ich habe bis heute nicht verstanden, was die Medien und die Öffentlichkeit eigentlich wollen. Wird es überhaupt einmal jemanden geben, der passt? Wenn man ununterbrochen nur attackiert wird und wenn man immer nur negativ gesehen wird, egal was man tut, dann macht das auf Dauer krank, nach dem bio-psycho-sozialen Prinzip "Kränken macht krank". Es gibt kaum Betriebe, in denen die Ausgangsbasis so schlecht ist.

derStandard.at: Machen es sich die Politiker und Parteien nicht auch selbst schwer, etwa mit komplizierten Strukturen?

Kdolsky: Ich gehöre nicht zu, jenen Ehemaligen, die in der Loge sitzen und kommentieren. Zumal es mir auch nicht gelungen ist, große Veränderung durchzuführen. Wir haben in Österreich einen starken Föderalismus der es für einen Bundespolitiker nicht leicht macht. Es gibt zwischen Burgenland und Vorarlberg große Unterschiede. Neun Bundesländer unter einen Hut zu kriegen ist schwer. Das sieht man etwa am Beispiel Jugendschutz, der uns eigentlich allen am Herz liegen müsste. Ein einheitliches Gesetz einzuführen schafft keiner. Es scheitert immer wieder am Föderalismus und an Lächerlichkeiten, wie etwa bei der Frage ob man Schnaps mit 16 oder 18 trinken darf.

derStandard.at: Müssen Politiker anders behandelt werden?

Kdolsky: Wir müssen lernen, anders mit unseren Politikern umzugehen. Da müssen sich die Medien an der Nase nehmen. Und es müssen sich die Parteien innerhalb und außerhalb der Parteiengrenzen an der Nase nehmen. Auch die Bevölkerung muss irgendwann zur Kenntnis nehmen, dass Politiker-Bashing, das vielleicht Spaß macht und von den eigenen Problemen ablenkt, nicht das Mittel ist. Es kommt in allen Berufsgruppen zu Verfehlungen, so auch bei den Politikern. Aber wir sind alle Menschen. Der Job des Politikers ist schwer und fordernd und man muss dankbar sein, dass man dafür Leute findet. Es wird aber immer schwieriger Leute für die Politik zu motivieren. Viele sagen mir, sie wollen sich das nicht antun. Wir machen uns somit alle unsere Zukunft kaputt. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 20. April 2011)

ANDREA KDOLSKY, geboren 1962 in Wien, ist Fachärztin für Anästhesie, war vom 11. Jänner 2007 bis zum 2. Dezember 2008 Gesundheits- und Familienministerin für die ÖVP. Jetzt arbeitet sie als Beraterin bei PricewaterhouseCoopers Österreich.

  • Andrea Kdolsky:   "Trotz der Dauerkonfliktsituationen haben Spitzenpolitiker keine 
Erfolge. Der Politiker wird äußerst selten gelobt, was nicht moderner 
Personalführung entspricht."
    foto: standard/hendrich

    Andrea Kdolsky: "Trotz der Dauerkonfliktsituationen haben Spitzenpolitiker keine Erfolge. Der Politiker wird äußerst selten gelobt, was nicht moderner Personalführung entspricht."

  • Andrea Kdolsky 2008 im derStandard.at-Chat.
    foto: rainer schüller

    Andrea Kdolsky 2008 im derStandard.at-Chat.

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