Wenn das Herz zerbricht

  • Liebeskummer kann zu einer temporären Unterversorgung des Herzens führen.
Foto: Daniel Stricker/www.pixelio.de
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    Liebeskummer kann zu einer temporären Unterversorgung des Herzens führen.

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Es fühlt sich an wie ein Herzinfarkt, ist aber keiner: Das Syndrom des gebrochenen Herzens

So geschehen in Saarbrücken am 11.April 2011: Eine Passantin beobachtet einen jungen Mann, kniend auf dem Gehsteig, der sich an seine Brust fasst. Die Frau ruft den Notarzt. Gesundheitliche Problem hat der Mann aber nicht. Vielmehr will der Mann seine Freundin nach einem Streit zurückgewinnen und klagt nicht nur einmal: "Du brichst mir das Herz, wenn Du jetzt gehst".

Kein dummer Spruch, denn Liebeskummer kann tatsächlich das „Syndrom des gebrochenen Herzens" auslösen. Eine ernst zu nehmende Erkrankung, die das Herz wie eine japanische Tintenfischfalle aussehen lässt und ihr so auch den Namen Tako-Tsubo-Syndrom eingebracht hat.

Freie Herzkranzgefäße

Die Symptome deuten alle auf einen Herzinfarkt hin: Schwindel, Engegefühl in der Brust, Atemnot und vernichtende Schmerzen beschreiben die Patienten. Das Elektrokardiogramm zeigt die typischen Infarktzeichen und häufig sind auch Herzenzyme, die bei der Schädigung von Herzmuskelzellen freigesetzt werden, im Blut erhöht. 

Herzinfarkt oder Tako-Tsubo? Der Ultraschall erhärtet einen Verdacht, erst der Herzkatheter bringt die endgültige Gewissheit. Im Herzultraschall (Echokardiographie, Anm. Red.) bewegt sich die Spitze des „gebrochenen Herzens" verzögert, hängt schlaff nach unten und ähnelt dabei in ihrer Form einer japanischen Tintenfischfalle (Tako Tsubo). Mit dem Herzkatheter spüren Kardiologen beim Herzinfarkt Blutgerinnsel in den Koronararterien auf. Nicht so beim Tako Tsubo Syndrom. Hier sind die kranzförmig um das Herz angeordneten Gefäße vollkommen frei.

Katecholamine schaden der Herztätigkeit

„Eine Gefäßverengung erzeugt diese temporäre Unterversorgung bestimmter Herzanteile", erklärt Herbert Frank, Leiter der Abteilung für Innere Medizin am Landesklinikum Tulln, den Pathomechanismus, der sich hinter dem Tako Tsubo Syndrom verbirgt. Warum das so ist, darüber herrscht weniger Klarheit. Unter anderem gehen Experten davon aus, dass die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin in allzu großen Mengen der Herztätigkeit schaden. In einer Stresssituation werden diese beiden Katecholamine im Rahmen der Sympathikusaktivierung freigesetzt. Die Pupillen erweitern sich, Blutdruck, Atem- und Herzfrequenz steigen und die Durchblutung von Gehirn, Herz und Muskulatur nimmt zu. Der Organismus ist alarmiert, bereit der drohenden Gefahr zu begegnen. 

Ein plötzlichen Todesfall in der Familie, heftiger Streit, Mobbing am Arbeitsplatz oder Liebeskummer kann die Stresshormone bis auf das Sechsfache des Normalwertes ansteigen lassen. Das ist vor allem für die linke Herzkammer zuviel, die auf diese hohe Katecholaminkonzentration besonders sensibel und eigentlich paradox reagiert: "Die Herzkontraktion ist reduziert, weil die Calciumkonzentration in den Herzmuskelzellen ansteigt", erklärt der Kardiologe Herbert Frank das erstaunliche Phänomen.

90 Prozent aller Tako-Tsubo-Patienten sind weiblich und zwischen 62 und 75 Jahre alt - also jenseits der Menopause. Wissenschaftler spekulieren darüber, ob ein Zusammenhang zwischen dem „Syndrom des gebrochenen Herzens" und den weiblichen Geschlechtshormonen existiert. „Der relative Östrogenmangel könnte als Trigger für eine verstärkte Sympathikusaktivierung fungieren", so Frank. Die Östrogenmangel-Theorie hält jedoch einem Umstand nicht stand: Das Tako-Tsubo-Syndrom trifft selten Männer. Damit scheidet Östrogen als maßgeblicher Schutz gegen die Erkrankung aus.

Vollständige Erholung

Die Krankheit stellt Mediziner vor Rätsel, geht aber in aller Regel für die Patienten gut aus. Unter intensivmedizinischer Betreuung und der Gabe von Betablockern erholen sich die Betroffenen fast immer zur Gänze, denn die vorübergehende Durchblutungsstörung führt - anders als der Herzinfarkt - nicht zum Absterben von Herzmuskelzellen.

Gründe, die Erkrankung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, gibt es auch: Immerhin drei Prozent der Patienten sterben an den Folgen einer Stresskardiomyopathie. Meist führen Rhythmusstörungen, die von der Herzkammer ausgehen, zum tödlichen Herzversagen. Manchmal können aber auch Blutgerinnsel, die sich an der schlaffen Herzspitze anlagern, lebensbedrohlich werden. „Sobald das Herz seine normale Aktivität wieder aufnimmt und zu pumpen beginnt, kann es das thrombotische Material wegschwemmen und einen Schlaganfall auslösen", ergänzt der Kardiologe vom Landesklinikum Tulln.

Wenig optimistisch stimmt auch die Inzidenz. 2006 sind Experten noch von rund 700 Tako-Tsubo-Patienten weltweit ausgegangen. Ein kardiologisches Zentrum in Stuttgart, das sich auf Vasospasmus-Diagnostik spezialisiert hat, entdeckte im Zuge ihrer Arbeit eine sehr hohe Dunkelziffer. Eine Beobachtung die Frank teilt: „Die Vasospasmus-Neigung ist leider häufiger als man glaubt". (derStandard.at, 04.05.2011)

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