"Happiness-Index ist in vieler Hinsicht robuster"

18. April 2011, 18:36
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Glück sollte als zusätzlicher Faktor für Formulierung und Umsetzung konkreter Politik dienen, fordert der Soziologe Geoff Mulgan

Standard: Wie misst man menschliches Wohlbefinden?

Mulgan: Das ist natürlich schwer zu definieren. Aber wenn man den Daten einmal nachspürt, merkt man: Da haben die Statistiker weltweit in den vergangenen 20 Jahren schon viel zusammengetragen. So ein Happiness-Index ist in vieler Hinsicht robuster als die Bewertung des Bruttoinlandsprodukts.

Standard: Das gilt als Goldstandard in der Bewertung von Nationen.

Mulgan: Dabei werden die Parameter dauernd verändert, und es gibt erhebliche Grauzonen. Bei der Bewertung des Wohlbefindens ist auffällig, dass sich die Zahlen wenig verändern. Wir plädieren ja nicht dafür, Happiness nun zum Maß aller Dinge zu machen. Sondern es sollte ein zusätzlicher Faktor bei der Formulierung neuer Politikideen sein.

Standard: Wo kann das Wohlbefinden der Menschen konkret eine Rolle spielen?

Mulgan: In England müssen viele Bezirksregierungen hart sparen. Ich habe noch keinen Politiker mit kreativen Vorschlägen dazu gehört, etwa: Wir entlassen nicht einfach die Leute, sondern bieten ihnen an, weniger zu arbeiten.

Standard: Für weniger Geld.

Mulgan: Natürlich, das ist unvermeidlich. Dass ein hohes Einkommen nicht unbedingt glücklicher macht, steht ja längst fest. Ein anderes Beispiel: In den USA hat die Forschung eindeutig ergeben, dass schon geringe Zeiteinsparungen für Pendler deren Wohlbefinden stark vergrößern. Was folgt daraus? Darüber redet bisher kein Mensch. Das wollen wir ändern.

Standard: Auch der britische Premier David Cameron redet bisher nur übers Wohlbefinden.

Mulgan: Ich finde ja gut, dass er das Thema ernst nimmt. Aber er muss auch Schlussfolgerungen für die praktische Politik ziehen.

Standard: Bisher haben weltweit drei Länder einen Index des Wohlbefindens eingerichtet. Alle drei - Frankreich, Großbritannien, Kanada - werden von Konservativen regiert. Ist Ihnen als Sozialdemokrat das nicht unheimlich?

Mulgan: Die Rechte hat offenbar weniger Probleme mit einem Konzept, das zunächst schwer definierbar ist. Ich denke an Gespräche mit Premier Tony Blair ...

Standard: ... dessen Grundsatzabteilung Sie leiteten.

Mulgan: Der redete gern darüber, wie man Kriminalität reduziert und Kinder besser ausbildet. Schon Themen wie psychische Krankheit waren ihm unangenehm, von einem so unklaren Konzept wie Wohlbefinden ganz zu schweigen. Bei Obama scheint das übrigens genauso zu sein. Wie Blair hat offenbar auch der US-Präsident Sorge, die Beschäftigung mit Happiness könnte seine Glaubwürdigkeit und ökonomische Kompetenz infrage stellen. (Sebastian Borger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.4.2011)

Geoff Mulgan (49) leitet die Young-Stiftung für soziale Innovation, London.

  • Der Soziologe Geoff Mulgan, Chefdenker des früheren britischen Premiers Tony Blair.
    foto: standard

    Der Soziologe Geoff Mulgan, Chefdenker des früheren britischen Premiers Tony Blair.

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