Gefühl in Zahlen

Die wahren Quellen des Glücks sprudeln lassen

Sebstian Borger, 18. April 2011, 18:25

Nach einem neu entwickelten Glücksindex erhob Großbritannien erstmals, wie gut es den Menschen wirklich geht

Würden Sie sagen, dass Ihr Leben einen Zweck verfolgt? Haben Sie vieles, worauf Sie stolz sind? Würden Sie gern woanders leben? Mit solchen und ähnlichen Fragen sehen sich in diesen Tagen viele Briten konfrontiert.

Ergänzend zur jüngsten Volkszählung fragt das nationale Statistikamt ONS rund 200.000 Bewohner der Insel nach ihrem Wohlbefinden. Die US-Firmen Gallup und Healthways präsentierten jetzt das erste britische Quartalsergebnis ihres Glücksindex WBI (Well Being Index). John Copps vom Thinktank NPC, der Kindern und Jugendlichen die oben angeführten Fragen stellt, fasst den Sinn der diversen Initiativen prägnant zusammen: "Wir wollen Gefühle in Zahlen fassen."

Dass das Wohlbefinden einer Nation nicht unbedingt mit Wirtschaftswachstum einhergeht, beobachten Wissenschafter schon seit längerem. Auf der Insel machte erstmals Professor Richard Layard von der London School of Economics (LSE) Schlagzeilen mit der Idee eines Glücksindex, vergleichbar dem rein wirtschaftlichen Parameter des Bruttoin-landsprodukts (BIP).

Cameron biss an

Bei Labour-Premier Tony Blair, der Layard ins Oberhaus beförderte, konnte der Ökonom damit nicht landen. Doch dessen konservativer Nachfolger David Cameron interessiert sich für das Thema. Im Herbst ermunterte der Regierungschef das ONS sowie Stiftungen und Thinktanks zur Debatte über den Glücksindex. Natürlich bleibe die Schaffung von Arbeitsplätzen "erste Priorität" seiner Regierung. Der Glücksindex werde aber über die reinen Wirtschaftsdaten hinausweisen: "Wir wollen unsere Arbeit an all den Themen ausrichten, die unser Leben lebenswert machen."

Da neben Cameron auch Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy und die kanadische Regierung Interesse am Wohlfühl-Index angemeldet haben, gibt es erste kommerzielle Ansätze. Der Gallup-Healthways-WBI geht dem emotionalen Haushalt der Befragten in verschiedenen Aspekten auf den Grund: Gefragt wird nach der Selbsteinschätzung des eigenen Lebenswertes, Gesundheitsfaktoren wie ausreichende Bewegung und Fitness, psychisches Gleichgewicht und Arbeitswelt.

Amis fühlen sich besser

Dem ersten Quartalsergebnis zufolge stufen sich 49 Prozent der Briten als erfolgreich (thriving) ein, der Anteil sinkt mit zunehmendem Alter. Gerade einmal 42 Prozent melden ein "kollegiales Verhältnis" mit ihrem Vorgesetzten. Im Vergleich zu den Amerikanern erfreuen sich die Briten besserer Gesundheit, stufen ihr eigenes Wohlbefinden insgesamt aber deutlich niedriger ein.

Das entspricht gängigen Klischees: Glücklich zu sein gilt im Mutterland ironischer Selbstdistanz als unfein. Sollen doch die Amerikaner ihrem "Streben nach Glück" (pursuit of happiness) nachgehen, das sie einst zur Begründung ihrer Unabhängigkeitserklärung anführten.

Diese Einstellung will nun Glücksprophet Layard gemeinsam mit Blair-Biograf Anthony Seldon und Geoff Mulgan von der Young-Stiftung ändern: Das Trio hat eine neue Organisation mit dem schönen Namen Action for Happiness gegründet. Sie soll, wie es bei der offiziellen Vorstellung in London hieß, "eine globale Massenbewegung für tiefgreifenden kulturellen Wandel" werden.

Die 4500 Mitglieder aus 60 Ländern sollen mit kleinen persönlichen Schritten mehr Frohsinn weltweit erzeugen. Mitgliedsbeiträge oder Clubversammlungen gibt es nicht, aber eine Art Gelübde: "Ich verspreche zu versuchen, mehr Glück in die Welt zu bringen und weniger Trübsal." Das wirkt ein bisschen wie eine Mischung aus Pfadfindern und Pfingstlergemeinde, hat aber, wie die Initiatoren beteuern, weder religiöse noch kommerzielle oder politische Ambitionen. Auf Zyniker sei man eingestellt, sagt Layard: "Aber die Kritiker haben keine Alternative anzubieten."

Zyniker gibt es im Land des Nieselregens tatsächlich reichlich, über Premier Cameron ergossen sich Kübel von Spott. Der Regierungschef wolle nur vom brutalen Sparprogramm der konservativ-liberalen Koalition ablenken, lautete der Vorwurf. Thinktanker Mulgan mahnt Cameron zwar, nun "Schlussfolgerungen für die praktische Politik zu ziehen". Der Glücksindex selbst stehe zwar derzeit noch in der Kritik, werde aber schon in einigen Jahren selbstverständlich sein.

Bhutans Bruttonationalglück

Im Himalaya-Königreich Bhutan ist er das schon seit mehr als drei Jahrzehnten: als "Bruttonationalglück", das der damalige König Jigme Singye Wangchuk Anfang der 1970er-Jahre als wichtigstes Entwicklungsziel des Landes formulierte. Es misst neben der wirtschaftlichen Entwicklung auch Faktoren wie die Lebenszufriedenheit der Menschen, den Schutz kultureller Werte und der Umwelt. Dazu kann jede und jeder beitragen. Beispiel: Wer in Bhutan einen Baum fällt, muss zwei Bäume nachpflanzen. (Sebastian Borger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.4.2011)

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Joshuamadi
00
19.4.2011, 16:24

Die Politik soll nicht versuchen Glück zu schaffen, sondern versuchen Unglück zu verhindern.

das kleine Massnahmenpaket
01
19.4.2011, 15:44
irgendwie schon traurig dass der Mensch nichts dazulernt

Dass Geld allein nicht glücklich macht, haben irgendwie schon die meisten Philosophen seit dem Altertum gesagt. Geben ist seeliger den Nehmen, steht ja auch so schön geschrieben, nur das dieser Teil der Bibel offenbar von niemanden ernst genommen wird (von der Kirche leider auch nicht)

Wir tätens auch ohne Glückindex wissen, wir wollens nur nicht hören.

Ada B. Surdum
00
19.4.2011, 17:38

Stimmt. Geben ist seliger als Nehmen. Nur irgendwie blöd wenn niemand braucht, was man zu geben hat.

freeye
00
19.4.2011, 16:21

ich find das gut, dass dieses buch net ernst gnommen wird.

Barbarin
00
19.4.2011, 16:31
Das ist schade...

...denn da steht schon sehr viel Wahres drinnen, nur müssen die Zeit der Entstehung, die Umstände und das Ziel des Buches berücksichtig und herausgefiltert werden. Die Bibel muss eher kritisch studiert als nur bloß gelesen werden...

Barbarin
00
19.4.2011, 16:18
Stimmt...

...das Wissen um DIE Wahrheit (was ist förderlich fürs eingene Wachstum und somit für das der anderen) haben wir als Grundausstattung (seit Geburt) mitbekommen, wird jetzt Unbewusstes genannt, weil durch System-info-müll überlagert (damit Ausbeutung und Versklavung möglich ist) und durch Zwänge bzw. ungesunde Verhaltensmuster (zu 99 % in der frühen Kindheit unwisstenlich von Eltern durch seelische Wunden verursacht) verdrängt!

Ada B. Surdum
01
19.4.2011, 15:18

Ob eigentlich in diesem Well-Being-Index auch das Glück seiner Frauen miteinbezogen wurde?

Barbarin
02
19.4.2011, 14:43
Aha...

...da wurden die Erkenntnisse und Faktenvon den humanistisch angehauchten Wissenschaftlern (Freud, Schweitzer, Fromm etc) endlich aufgegriffen.

Die Kernaussage muss lauten: Weg vom Haben (Selbstwert über Besitz) hin zum Sein! (Selbstwert aufgrund des Seins/Essez)

Weg von der Konsumgesellschaft, die uns von "Mutter" Natur so weit entfernt hat, dass wir zu Schafen bzw. Angsthasen wurden!

Cthulluh
02
19.4.2011, 14:42
Ja, ja, das Haben und das Sein.

Wer sich über das definiert, was er besitzt, ist bereits auf dem Weg zum unglücklichen Sein.

BLUMENPFLUECKER.COM
00
19.4.2011, 15:54

richtig ;-)

Barbarin
01
19.4.2011, 15:05
Ich glaube, wir haben das/die selben....

...beeindruckenden Bücher gelesen! ;-)

I love E. Fromm, kann ich da nur sagen!

TRockenmilch
00
19.4.2011, 14:30

bhuuutaaan!!

na wer wäre da nicht sehr glücklich ;)

Flip der Grashüpfer
01
19.4.2011, 14:18
das sieht man es wieder

auch ohne zahnarzt kann man glücklich sein

Markierstift (gelb)
01
19.4.2011, 14:03
thumbs up

So ein Glücksindex klingt ja für viele anfangs nach etwas Gruseligem. Aber er stellt auch ein mögliches Gegengewicht zum BIP dar, das Wohlstand bzw. Fortschritt sehr eingeschränkt darstellt. Finde die Initiative richtig.

sixela
01
19.4.2011, 13:32

Glück, oder besser Zufriedenheit, ist etwas sehr, sehr individuelles. Der eine geht in der Familie auf, der andere f..... durch die Gegend; einer sitzt den ganzen Tag vor dem Internet, der andere hirscht 24 Stunden durch die Berge.

Es gibt einfach keine Allgemeinregeln, und es sollte auch niemand auf die Idee kommen, solche zu verordnen.

Ivan Bukov
00
19.4.2011, 15:59

Absolut. Es geht aber genau darum Rahmenbedingungen zu schaffen die diese individuellen Vorlieben ermoeglichen. Alle werden nicht gehen, das sollte aber nicht dazu fuehren dass man gar nichts erreicht.
“Don’t let the best be the enemy of the good”

Barbarin
30
19.4.2011, 14:44
Das was Sie beschreiben...

...ist Vergnügungssucht und hat mit Freude oder Glück nichts zu tun. Zweiteres schließt Kosum nämlich aus!

Ivan Bukov
12
19.4.2011, 15:56

Nein.
Es schliesst ueberhaupt nichts aus. Darum geht es ja. Wenn sie beginnen auf Grund wovon immer Variablen auszuschliessen haben sie nicht verstanden worum es geht.

Barbarin
30
19.4.2011, 16:38
Doch...

...Zwang! Woraus "im Internet-hängen" zu 99 % besteht. Passive Berieselung...nix aktiv, nix kreativ.

Da wird ein Hobby zu einem Ding, das man konsumiert, so wie Berge rauf und runter hirschen.

Praktisches Beispiel (v. E.Fromm): Der, der im Sein ist lässt die Blume stehen, die er bewundert, der der im Haben ist, reißt sie aus uns nimmt sie mit!

Vielleicht verstehen Sie weniger, als Sie sich vorstellen wollen!?

sixela
11
19.4.2011, 18:33

Sie sind genau so einer, vor dem ich in meinem Beitrag warnen wollte. Sie lehnen individuelle Lebensentwürfe ab und wollen das, was Sie unter Glück verstehen, den anderen verordnen.

Man kann nur hoffen, dass nicht dafür die "Rahmenbedingungen" aufgezwungen werden.

Briefmarkenkleber
01
19.4.2011, 13:31
Lach, Du mein Engel der Liebe!

mlzt
00
19.4.2011, 13:06

"Wir wollen Gefühle in Zahlen fassen."
Wenn es sie glücklich macht!
Jeder hat halt seinen eigenen Weg zum Glück. Den Vergleich von Glücklichkeitsindizes würde ich aber eher nicht dazu zählen.

Apocalypse
24
19.4.2011, 12:52

umso mehr konservativ wählen umso unglücklicher das Volk, umso mehr konservative Macht umso mehr Unglück. Ein Teufelskreis.

Da Flowmaster
10
19.4.2011, 12:03
Vom Guten Leben

Wer an solchen Themen interessiert ist:

http://www.facebook.com/home.php?... 94490&ap=1

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