Rote Kritik an den Wirtschaftsprüfern

18. April 2011, 17:57
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Forderung nach staatlicher Zuteilung und Reduzierung der Haftungsbeschränkung

Wien - Für die New Yorker Staatsanwaltschaft waren sie mitverantwortlich für den Ausbruch der Weltwirtschaftskrise: die Wirtschaftsprüfer. Gegen eine der größten Prüfer, Ernst & Young, wurde im Vorjahr im Zusammenhang mit der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers eine Zivilklage eingebracht.

Auf nationaler Ebene verschärft nun der Bund sozialdemokratischer Akademiker (BSA), eine Vorfeldorganisation der SPÖ, die Gangart. Der BSA zweifelt an der Unabhängigkeit der Prüfer und fordert in einem aktuellen Positionspapier eine stärkere Haftung.

Die in Österreich gültige Haftungsbeschränkung komme international nur selten vor. Für Unverständnis sorgt, dass sie sogar bei grober Fahrlässigkeit zum Tragen komme. Die maximale Haftungssumme liegt - abhängig von der Unternehmensgröße - bei zwei bis zwölf Millionen Euro. Im Vergleich zu aktuellen Schadensfällen, die im Bereich von dreistelligen Millionenbeträgen liegen können, sei das ein geringer Beitrag. Sonja Schneeweiss vom BSA fordert daher, dass die Haftungsbegrenzung bei grober Fahrlässigkeit ganz fällt und auch sonst die Obergrenzen angepasst werden.

Gegen das bestehende Haftungsrisiko könne man sich günstig versichern. "Daher werden sich Prüfer kaum zu einer strengen Prüfung genötigt fühlen", meint der BSA.

Auftragsvergabe in Frage gestellt

Ähnlich wie die EU-Kommission stellt man aber auch die Auftragsvergabe an sich in Frage. Derzeit können sich Unternehmen frei entscheiden, welche Wirtschaftsprüfer sie engagieren. Die Betriebe hätten aber ein Interesse, die Prüfung möglichst günstig zu bekommen und keines, "schlechte Nachrichten über falsche Bilanzen zu hören", kritisiert der BSA.

Daher wird eine Bestellung des Wirtschaftsprüfers über Dritte, zum Beispiel eine staatliche Behörde, vorgeschlagen. Ein solches "Vorzeigemodell" gebe es bereits im Genossenschaftsbereich. Dort werden die Genossenschaftsrevisoren zwangsweise zugeteilt - "was sich bewährt hat", so der BSA. Nötig sei auch eine Rotation unter den Prüfern und eine unabhängige Prüfung der Prüfer.

EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier hat im Vorjahr ebenfalls eine staatliche Zuordnung der Wirtschaftsprüfer angedacht. Die Verhandlungen in Brüssel laufen noch, bis November will Barnier einen konkreten Richtlinienentwurf vorlegen.

Sollte Brüssel auf Druck der Wirtschaft von den Plänen abgehen, solle Österreich national Änderungen vornehme, sagt Schneeweiss. Mit der Bundes-SPÖ sind die Vorschläge noch nicht abgestimmt. Der vom Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny geleitete BSA hofft aber auf Unterstützung der roten Regierungsmannschaft. (Günther Oswald, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 19.4.2011)

 

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