Götzendienst und Zuckerwürfel

18. April 2011, 17:30
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Mit der Neuen Oper Wien wurde Leonard Bernsteins heikle "Mass" zu einem packenden Ereignis

Der Osterklang Wien fand am Palmsonntag mit einem Stück, dem einst Blasphemie vorgeworfen wurde, einen Höhepunkt.

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Wien - Mit Leonard Bernsteins Candide gelang der Neuen Oper Wien vor gut zehn Jahren eine Erfolgsproduktion, an der alles stimmte. Nun hat Intendant Walter Kobéra im Rahmen des Osterklangs wieder bei Bernstein eine glückliche Hand bewiesen. Dabei ist die Mass in mehrfacher Hinsicht eine Herausforderung und - je nach Geschmack und Perspektive - auch ausgesprochen problematisch.

Die Schwierigkeiten beginnen mit der Gattungsbezeichnung und reichen weit ins Ästhetische, aber auch ins Weltanschauliche hinein. Trotz des Titels und der Verwendung des lateinischen Texts der Liturgie: Es handelt sich, so Bernstein selbst, keineswegs um eine Messe, sondern um "ein Musiktheater über eine Messe". Bald nach der Uraufführung 1971 im John F. Kennedy Center in Washington wurde dem Werk Blasphemie vorgeworfen, und doch bedeutete die Mass für Bernstein ein "zutiefst religiöses Werk".

Allein die Verquickung von Sakralmusik mit Musiktheater war damals für viele schwer zu verkraften. Noch bei ihrer Aufführung 1981 an der Wiener Staatsoper waren die Meinungen geteilt. Und die Konfrontation mit der Amtskirche, die szenisch konkretisiert wird, enthält je nach Standpunkt noch immer eine gewisse Sprengkraft.

Die stilistische Heterogenität der mit Anspielungen gespickten Komposition, die von Techniken der damaligen Avantgarde bis zu Rock und Blues reichen, schockiert hingegen wohl kaum noch jemanden - auch weil sich Rockmusik inzwischen etabliert hat und ihr damaliges Protestpotenzial weitgehend verloren hat.

Die dahinterstehene Thematik, die Bernstein sein Leben lang beschäftigte, hat dagegen nichts an Aktualität eingebüßt: Im Hintergrund stehen die großen Glaubenskrisen des 20. Jahrhunderts, die Entfremdung der Menschen von den Religionen. Zwischen dem in der Wiener Produktion vom brillanten Alexander Kaimbacher verkörperten "Zelebranten" und seiner Gemeinde kommt es zu Entfremdung und Konflikt, was hier auf besonders drastische Weise gezeigt wird.

Schon bei Bernstein richten sich die einfachen Menschen von der Straße gegen den offiziellen Kirchenvertreter, der dadurch an die Grenze zum Wahnsinn gerät. Im Original wirft er die Monstranz auf den Boden, worauf sie auseinanderbricht. In der Inszenierung von Hendrik Müller im Semperdepot richtet er mit dem gebrüllten Ruf nach Frieden ein Maschinengewehr auf die Menge und tötet einen der (Un-)Gläubigen - ein Schock, der sitzt und dann weidlich ausgeschlachtet wird.

Götzen aus der Warenwelt

Bis zum blutrünstigen Extrem geht die Regie nur an dieser Stelle, doch auch ansonsten steckt sie voller Energie. In der sparsamen Ausstattung von Matthias Werner

bietet sie fantastische bis verzerrte Bilder, bleibt aber meist dadurch stimmig, dass sie ihre Mittel sehr bewusst einsetzt: Zuckerwürfel ersetzen die Hostien, mit denen das Volk verführt wird. Für die modernen Götzen der Warenwelt stehen Schuhe als zentraler Fetisch. Die imaginäre Marke "C" prangt von Fahnen und auf tätowierten Armen und wird dem Volk systematisch eingeimpft.

Diese 14 Menschen, die bei Bernstein "Street People" heißen und immer wieder aus dem Kollektiv heraustreten, sind der Knackpunkt in der Besetzung der Mass. Und unter anderem dies wurde hier fabelhaft gelöst: Alle 14 von der kultivierten Opernstimme bis zur Rock-Röhre zeigen Individualität - nicht nur in ihrer immer neuen Lust und Verzweiflung, sondern auch vokal.

Ihnen zur Seite stehen mit dem

Wiener Kammerchor und Kindern aus der Opernschule der Wiener Staatsoper weitere ausgesprochen spielfreudige Individualisten, die auch ihre musikalischen Aufgaben wie nebenbei lösen. Walter Kobéra am Pult des Amadeus Ensembles Wien sorgt unter nicht ganz einfachen akustischen Bedingungen für Spritzigkeit und Emphase. (Daniel Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 19. April 2011)

Weitere Termine: 19., 22. und 25. 4. (ausverkauft)

  • "Mass" von Leonard Bernstein im Semperdepot: Manuela Leonhartsberger (li.), Alexander Kaimbacher und Rebecca Nelsen, dahinter die "Street People".
    foto: armin bardel

    "Mass" von Leonard Bernstein im Semperdepot: Manuela Leonhartsberger (li.), Alexander Kaimbacher und Rebecca Nelsen, dahinter die "Street People".

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