Wenn's brodelt

18. April 2011, 17:11
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Seinen Rücktritt hat Josef Pröll jedenfalls besser hingekriegt als so manche andere Aktion im Laufe seiner politischen Karriere

Seinen Rücktritt hat Josef Pröll jedenfalls besser hingekriegt als so manche andere Aktion im Laufe seiner politischen Karriere. Blätter, die es wissen müssen, waren voll des Lobes. "Heute" schrieb vom wohl ehrlichsten Rücktritt in der Geschichte der Zweiten Republik, "Österreich" von der bewegenden Rede, in der er ihn bekanntgab, und die "Kronen Zeitung" erkannte messerscharf einen bemerkenswerten und allseits als tadellos beschriebenen Rückzug aus allen politischen Ämtern. Der Gesamteindruck des Ereignisses lässt sich in der Feststellung zusammenfassen: Der Rücktritt war wunderbar, nur der Pröll war der falsche.

So viel Übereinstimmung herrschte nicht in allen Teilen der Berichterstattung, und schon gar nicht dort, wo sie absolute Präzision in Minutenschritten zu suggerieren bemüht war. So klafften die Protokolle des Rücktritts, mit denen "Heute" und "Österreich" ihre Seriosität dokumentieren wollten, in erschreckender Weise auseinander. Traf Josef Pröll am Tag seines Rücktritts laut "Österreich" um 6.45 Uhr im Büro ein, so fand dies laut "Heute" erst um 7.00 Uhr und keine Sekunde früher statt. Beim Telefonat mit Bundeskanzler Faymann war es umgekehrt, da hatte "Heute" mit 7.30 Uhr die Nase vorn, während "Österreich" diesen welthistorischen Termin auf 8.00 Uhr ansetzte. Um 9. 00 Uhr, so wusste es "Heute": Josef Pröll zieht sich zurück, bereitet die ehrlichste Rücktrittsrede aller Zeiten vor. Da hatte er sie laut "Österreich" längst fertig, was bei dem Ausmaß an in ihr enthaltener Ehrlichkeit auch wahrscheinlicher klingt: 8.15 Uhr Redevorbereitung. Mit seinen Mitarbeitern Hauer, Kapp und dem zweiten Pressesprecher Harald Waiglein bespricht er noch einmal seine Rücktrittsrede.

Den wichtigsten Kontakt des Tages - 6.50 Uhr: Telefonat mit Erwin - vermeldet nur die Fellner-Partei, während ihn der Dichand-Ableger frech verschweigt, der dafür aber - verkehrte Welt! - mit einem Termin um 7.20 Uhr protzt: Als erstes Nicht-ÖVP-Mitglied wird Bundespräsident Heinz Fischer in Kenntnis gesetzt, was wiederum "Österreich" keiner Erwähnung wert ist.

Ad fontes! hat es einmal geheißen, aber im Trubel des Boulevards ist es nicht immer leicht, dieselben zu eruieren. Umso mehr freut man sich über jedes Blatt, das den Schock, den Ereignisse im Falle ihres Eintretens hervorrufen können, schon vorher mildert, weil es immer schon alles gewusst hat. So war zu Prölls Rücktritt zu lesen: Die "Krone"-Leser wussten es früher. Pröll-Reha lässt Gerüchteküche brodeln: Volkspartei vor Führungswechsel? Als Beweis fand sich ein Faksimile des "Krone" -Aufmachers vom 29. März mit diesem Text, der von der ÖVP weniger als Vorwissen, sondern als Untergriff des Koalitionspartners und vom geistig gesunden Leser als das empfunden wurde, was es ist, nämlich ein Gerücht, bei dem zu diesem Zeitpunkt nicht viel dazugehörte, es zum Brodeln zu bringen. Es kommt nicht von ungefähr, wurde diese Leistung untermauert, dass die "Krone" mit ihrer treuen Millionen-Leserschaft die Nr. 1 auf dem österreichischen Zeitungsmarkt ist, denn in der "Krone" erfährt man halt immer als Allererstes, was in der Politik läuft. So gesehen ist es nur ein kleiner Schönheitsfehler am wohl ehrlichsten Rücktritt in der Geschichte der Zweiten Republik, dass Josef Pröll ihn nicht per Brief an die "Krone" erklärt hat, sondern das Blatt noch gut zwei Wochen lang brodeln ließ.

"News" hätte auf die "Krone" hören sollen, statt das Brodeln auf deren Seiten bis zuletzt zu ignorieren. So kam es, dass das Magazin noch diese Woche von drei Optionen berichtete, die Josef Pröll zum politischen Neuanfang seiner Partei überlegt. Gesichert ist, dass Josef Pröll derzeit drei Handlungsoptionen für seinen politischen Wiedereinstieg überlegt. Die mildeste und unwahrscheinlichste: Alles bleibt, wie es ist, auch personell, nur das operative Management in der Partei, im Nationalratsklub und im Regierungsteam wird optimiert.

Die zweite Option: Pröll entschließt sich, den einen oder anderen Kopf auszutauschen. Drittens: Pröll stellt risikoreich alles infrage, wofür er, sagen Vertraute, nur einen Freischuss habe. Gelingt der nicht, "dann holt uns ohnehin der Teufel".

Das klang interessant, der Rücktritt war damit aber offensichtlich nicht gemeint. Denn auch Prölls kolportierter Wechsel zu Raiffeisen wird dementiert: "Dafür ist er viel zu sehr vom Politvirus infiziert, der lässt ihn nicht los." Bei Gerüchten hält man sich doch besser an die "Krone". (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 19.4.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Pröll bei seiner Rücktrittsrede

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